Autobiografie

Wie Muriel Baumeister ihre Alkoholsucht besiegte

Muriel Baumeister ist seit zwei Jahren trocken. In ihrem Buch ist die Schauspielerin schonungslos – vor allem sich selbst gegenüber.

Muriel Baumeister wurde in Salzburg geboren. Sie hat drei Kinder und lebt in Berlin.

Muriel Baumeister wurde in Salzburg geboren. Sie hat drei Kinder und lebt in Berlin.

Foto: MKnickriem

Berlin. Das Sofa im Konferenzraum ihres Verlages ist orange. Veuve-Clicquot-orange, sagt Muriel Baumeister und lacht. Sie habe schon um eine Umdekorierung gebeten. Seit zwei Jahren ist die Schauspielerin trockene Alkoholikerin.

Ein Autounfall mit 1,45 Promille brachte die Sucht der 47-Jährigen im Frühjahr 2017 an die Öffentlichkeit. Baumeister hatte mehrere Entzugsversuche hinter sich. Ein zehntägiger Aufenthalt in der Psychiatrie der Charité brachte im Herbst 2017 schließlich die Wende. Jetzt hat die Wahlberlinerin ein Buch geschrieben. Über ihren „bösen Freund“, wie sie es nennt, ihr Leben, ihre Karriere und ihre Männer.

Am 5. November feiert „Hinfallen ist keine Schande, nur Liegenbleiben“ Buchpremiere in der Backfabrik an der Saarbrücker Straße. Wir haben Muriel Baumeister vorab zum Gespräch getroffen.

Berliner Morgenpost: Frau Baumeister, Sie machen sich mit ihrem Buch emotional sehr nackt vor dem Leser. Warum?

Muriel Baumeister: Ich war schon nackter. Damals nach dem Unfall, nachdem das alles durch die Presse ging. Natürlich ist das Buch sehr offen. Aber dieses Mal konnte ich selbst entscheiden, was ich preisgeben wollte. Zu wie viel Offenheit ich mich entscheide.

Wenn man Sie gerade googelt, liest man in den ersten Treffern nur vom „traurigen Absturz der TV-Schönheit“, einer „Alkoholbeichte“ und Ihrem „schweren Kampf gegen den Alkohol“ …

Genau. Dabei ist das nur ein ganz kleiner Teil meines Lebens. Und ich habe die Nase voll davon gehabt, dass andere über mich schreiben, was sie wollen und was mit meiner Wahrheit überhaupt nichts zu tun hat.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich bin seit gestern zwei Jahre trocken. Zur Feier des Tages habe ich eine Apfelschorle getrunken. Mein Suchtarzt hat mir eine zufriedene Abstinenz in Aussicht gestellt. Und das kann sich kein Trinker vorstellen. Für mich ist das aber seit über einem Jahr real. Das macht mich sehr froh. Mein Halt, mein Sicherheitsnetz, das war vorher alles durch den Alkohol besetzt. Ich dachte, wenn ich das aufgebe, habe ich nichts mehr. Aber das stimmt natürlich nicht. Für mich funktioniert das aber nur durch kompletten Verzicht. Ich glaube nicht an kontrolliertes Trinken. Bis auf eine Ausnahme: Mein Suchtarzt und ich haben abgemacht, wenn ich 75 bin, darf ich wieder anfangen, Barolo zu trinken (lacht).

Haben Sie Ihren Arzt gefragt, ob es eine gute Idee ist, die ganze Geschichte mit einem Buch noch einmal zu durchleben?

Ja, das habe ich. Er hat gesagt: mach! Aber es war in der Tat nicht so einfach. Die Worte „Ich bin Alkoholikerin“ gedruckt zu lesen, das war nicht schön. Das war ein Schock. Aber es musste sein. Als ich zum ersten Mal in einer Suchtgruppe war und den Satz „Mein Name ist Muriel Baumeister, ich bin Alkoholikerin“ sagte, dachte ich auch, ich bin im falschen Film.

Wie war der Prozess des Aufschreibens für Sie? War es eher eine Retraumatisierung oder ein Stück auf dem Weg der Verarbeitung?

Es war ein Teil der Verarbeitung. In den drei Monaten ging es mir gut. Schlimm war es, als es vorbei war. Ich war mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob ich möchte, dass das so viele Menschen lesen. Als ich im Verlag zum ersten Mal das Alkoholkapitel vorgelesen habe, haben wir alle geheult. Ich glaube trotzdem, dass es wichtig war. Man schönt Erinnerungen ja gern in der Rückschau. Und das habe ich mir damit verwehrt. Ich kann nicht mehr sagen: Es war alles gar nicht so schlimm.

Haben Sie Angst vor negativen Reaktionen?

Nein. Alle schlimmen Reaktionen, die man sich vorstellen kann, hatte ich schon. Und ich muss jetzt keine Angst mehr haben, dass etwas rauskommt. Es steht alles drin. Und es ist jetzt auch langsam gut. Ich lebe seit 47 Jahren auf diesem Planeten. Und ich habe nicht nur getrunken. Man kann mir mit diesem Buch auch eigentlich nichts vorwerfen. Ich schreibe über mein Scheitern und möchte anderen Menschen damit Mut machen. Denn man kann das schaffen, auch wenn es wahnsinnig viel Kraft kostet.

Wie steht Ihre Familie zu Ihrer Offenheit?

Die Väter meiner Kinder hatten vorab die Möglichkeit, alles zu lesen. Ich habe aber auch niemand anderen ans Messer geliefert außer mich selbst. Die großen Kinder haben ja leider alles miterlebt. Sie haben mir sehr gratuliert, denn sie haben jetzt eine Mutter wieder, die sie verdienen. Deshalb danke ich meinen Kindern im Buch dafür, dass ich ihre Mutter sein darf. Sie hätten ja auch sagen können: Leck mich am Arsch. Haben sie aber nicht.

Ihre Widmung richtet sich an die Frauen in Ihrem Leben. Wie kommt es, dass es kein Mann in diese Reihe geschafft hat?

Das sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich bin eine Frauen-Frau. Wärme, Klugheit, Empathie, das habe ich alles von Frauen mitbekommen. Natürlich hat mein Vater auch seinen Teil dazu beigetragen. Aber mein Vater ist tot. Er hat in meinem Leben viel verpasst. Die Frauen in meinem Leben haben in allen schlimmsten Phasen zu mir gestanden, so wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Dabei muss ich der Horror gewesen sein. Dass sie mich nicht fallen gelassen haben, das ist ein Gottesgeschenk.

Heißt das im Umkehrschluss, dass die Männer in Ihrem Leben Sie enttäuscht haben?

Ich bin kein enttäuschter Mensch. Dafür ist das Leben zu kurz. Natürlich hätte vieles leichter sein können. Aber es steht eben auch nirgendwo, dass es ein Anrecht auf Glück gibt. Ich bin zufrieden. Das ist viel wert. Das war nicht immer so. Sonst hätte ich ja nicht so viel getrunken. Das ist ein Ersatz. Aber ich habe drei großartige Kinder von drei großartigen Männern, die ich sehr geliebt habe. Ich finde auch, der Vater meines Sohnes, Rainer Strecker, kommt von allen Menschen im Buch fast am besten weg. Er ist noch heute mein bester Freund. Wir kennen uns seit 28 Jahren.

Den wichtigen Frauen widmen Sie eigene Kapitel. Bei den Männern gibt es hingegen viele Aussparungen. Weil Sie nichts Negatives schreiben wollten?

Vielleicht. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, diesen Schmerz jemand anderem zuzuweisen. Ich möchte niemandem Schuld geben. Die Patchwork-Familie, die ich heute habe, funktioniert nur mit ganz viel Verzeihen. Und alle Väter kümmern sich sehr um Ihre Kinder. Das hätte auch ganz anders laufen können.

Ihr Vater war ebenfalls Alkoholiker. Sie schreiben, Ihre Geschichte wäre vielleicht anders verlaufen, wenn Sie das damals verstanden hätten. Ist das keine Schuldzuweisung?

Vielleicht. Es wurde ja auch thematisiert zu Hause, aber es ist natürlich auch so, dass man bei einem geliebten Menschen nur das sieht, was man sehen will. Und Alkoholiker lügen. Das ist eine Tatsache. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr muss. Es hätte auf dem Weg dorthin alles ein bisschen weniger schmerzhaft sein können. Meine Zeit in der Charité, das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.

Fühlen Sie sich mit Ihrem Vater heute versöhnt? Sie schreiben, dass er, der selbst Schauspieler war, Ihre Karriere zu Beginn nicht ernst genommen hat und wie sehr sie das verletzt hat.

Jedes Kind wünscht sich doch Anerkennung von seinem Vater. Später war das besser, aber da war es mir nicht mehr so wichtig. Ich hätte es am Anfang gebraucht, aber da war er nicht in der Lage dazu.

Den Suizid Ihres Vater sparen Sie ebenfalls aus …

Weil es niemanden etwas angeht. Es gibt viele Sachen, die ganz bewusst nicht im Buch stehen. Deshalb habe ich auch nicht das Gefühl, mich mit dem Buch nackt gemacht zu haben. Ich bin ja nicht dazu verpflichtet, darüber zu sprechen. Auch wenn die Presse das manchmal so darstellt.

Sind Sie aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung mit Ihrem Vater so transparent mit Ihren Kindern?

Natürlich. Und weil sie das erleben mussten, bevor sie es verstanden haben. Es gibt nichts, was meine Kinder nicht fragen dürfen. Meine Große wird auch noch ein bisschen brauchen. Ich lag zwar nicht jeden Tag betrunken in der Ecke, aber ich war nicht die Mutter, die ich hätte sein sollen.

Ist das der schwerste Part in der Aufarbeitung?

Ja. Sie haben meine Entschuldigung angenommen, aber sie testen mich natürlich. Gerade die Große. Und das muss ich aushalten. Es war schlimm, sie anzulügen. Deshalb ist jetzt trotzdem alles besser.

Wie sieht es aktuell bei Ihnen mit Rollenangeboten aus?

Es läuft wieder. Ich wurde von der Presse nach meinem Unfall wirklich getötet in dieser Hinsicht. Und zwar wissentlich. Das hat etwas mit Versicherung zu tun, ob Produktionen sich trauen, jemanden mit einem Suchtproblem zu besetzen. Für Frauen wiegt das doppelt schwer. Wenn sich ein namhafter deutscher Schauspieler Drogen spritzt, dann ist das ganz schnell vergessen. Aber für Frauen ab 40 ist es sowieso schwierig. Und Geschichten vom rettenden Prinzen auf dem weißen Ross möchte ich auch einfach nicht mehr erzählen. Wenn man nicht mehr als Love Interest durchgeht, wird es dünn.

Sie schreiben auch von Ihrem Kampf mit den Kilos und bekennen sich zu Hyaluron.

Ja, damit habe ich kein Problem. Ich mache sehr viel Sport und habe trotzdem zehn Kilo zu viel. Vielleicht braucht mein Körper das nach der schwierigen Zeit noch als Schutz. Und Hyaluron finde ich super. An meinem Gesicht ist nicht geschnitten, das würde ich nicht machen. Aber mit Hyaluron habe ich so früh angefangen, dass mir jetzt alle sagen, wie gut ich aussehe. Was mich rettet, auch in diesem Buch, ist, dass ich über mich selber lachen kann. Natürlich wäre ich gern 35 und nicht 47. Aber die Alternative wäre tot sein. Und da war ich sehr nah dran. Das brauche ich nicht noch mal.

Das Buch: Muriel Baumeister: Hinfallen ist keine Schande, nur Liegenbleiben. Erscheint am 6. November bei Eden Books. 240 Seiten, 17,95 Euro.

Die Buchpremiere: Am 5. November um 20 Uhr in der Backfabrik Clinker Lounge, Saarbrücker Straße 36a, 10405 Berlin. Tickets 8 Euro.