Schauspieler

Sebastian Bezzel: „Der Rechtsruck macht mir Angst“

Sebastian Bezzel ermittelt in „Leberkäsjunkie“ als ungeschliffener Provinzpolizist. Auch uns gegenüber hat er deutliche Worte gefunden.

Sebastian Bezzel im Juli 2018.

Sebastian Bezzel im Juli 2018.

Foto: Jens Krick / imago/Future Image

Berlin.. Mit Franz Eberhofer hat Sebastian Bezzel eine der erfolgreichsten Figuren des aktuellen deutschen Films geschaffen. Der ungeschliffene bayerische Provinzpolizist ist für ihn teilweise auch Vorbild in einer Landschaft, in der aalglatte Politiker verkennen, wo die wahren Probleme liegen.

Ihr Provinzpolizist Franz Eberhofer erfreut sich deutschlandweit immer größerer Beliebtheit. Jetzt ermittelt er in „Leberkäsjunkie“ zum fünften Mal. Gibt es eigentlich etwas, was wir von diesem Mann lernen können?

Sebastian Bezzel: Ich glaube, dass der Eberhofer ein sehr toleranter Mensch ist. Der mag alle Menschen gleich wenig, weil er ein Melancholiker ist und auch Angst vor Menschen hat. Aber er macht keine Unterschiede, ob jemand schwul oder dunkelhäutig, Mann oder Frau ist. Und ich glaube, je angeberischer und machohafter jemand daherkommt, desto suspekter ist er ihm. Das mag ich sehr gern.

Jetzt leben wir in Zeiten, wo Toleranz eher abnimmt und die Zahl großer Egos zuzunehmen scheint. Brauchen wir einen Eberhofer mehr denn je?

Bezzel: Auf alle Fälle. Wobei es auch viele Leute gibt, die ihn missverstehen. Denen möchte ich direkt den Zahn ziehen und sagen: Nein, der Eberhofer ist kein Rassist. Der ist eben kein blöder Macho. Der ist einfach manchmal ganz schön uncharmant, und das ist nichts Politisches bei ihm. Wenn der Nachbar im Film sagt: „Der Buengo ist ein Neger“, dann sagt der Eberhofer: „Und du bist ein Arschloch.“

Wie sehr machen Ihnen die Entwicklungen in Deutschland eigentlich Sorgen?

Bezzel: Sehr stark. Manchmal sage ich mir bewusst: „Heute schaue ich mal nicht auf die Nachrichten-Websites.“ Ich habe Kinder, und dieser wahnsinnige Rechtsruck und die Tatsache, dass alles so laut gesagt werden kann, machen mir Angst.

Ziehen die Politiker der etablierten Parteien die richtigen Schlüsse?

Bezzel: Nein. Man muss sich nur das Spektakel um die Pkw-Maut anschauen. Da ist ein deutscher Verkehrsminister, über den ich nur noch den Kopf schütteln kann. Du hast gerade Milliarden verbrannt und sagst nicht mal Entschuldigung, sondern trittst mit diesem präpotenten und arroganten Verhalten auf. Es gibt immer mehr Politikverdrossenheit und da kommt so eine mittelmäßige, aalglatte Erscheinung, ein Mensch der 20 Jahre lang brav war und deshalb diesen wichtigen und verantwortungsvollen Posten bekommen hat. Da denke ich mir: Anscheinend hat man in den großen Parteien überhaupt nichts kapiert. Und irgendwann wird es auch die Quittung dafür geben.

Franz Eberhofer ist ja auch ein Bayer wie der CSU-Verkehrsminister. Bräuchten wir Menschen mehr von der Sorte dieses uncharmant-toleranten Polizisten?

Bezzel: Wir bräuchten mehr Querdenker. Ich weiß nicht, ob es unbedingt der Eberhofer ist. Der ist natürlich auch sehr unehrgeizig. Aber wir bräuchten mehr Gerhard Polts, wir bräuchten mehr Sigi Zimmerschieds, wir bräuchten mehr Luise Kinsehers usw. usw. Ein Andreas Scheuer ist ein rotes Tuch für mich. Der versenkt ein paar Milliarden für eine Maut, die in Deutschland außer der CSU überhaupt niemanden interessiert. Und dann wird er auch noch arrogant. Aber ich will da nicht nur auf eine Partei einhauen. Unglaublich aufregen musste ich mich auch über Herrn Schäfer-Gümbel von der SPD, der die Grünen mit der AfD vergleicht und als Populisten verunglimpft, nur weil es ihm stinkt, dass seine Partei kaum noch Stimmen kriegt, weil sie schon längst ihre Basis verloren hat. Keine dieser Parteien hat es kapiert, dass wir gerade ein ganz anderes Problem haben.

Nämlich?

Bezzel: Dass wir auf dieser Welt eine immer größere Schere zwischen Arm und Reich haben, während gleichzeitig die Probleme mit Natur und Klima immer größer werden. Und dagegen wird nichts gemacht, weil wir im Griff von Großkonzernen sind. Diese Globalisierung mag ja ganz nett sein, aber es hat uns langsam aber sicher unfähig gemacht, zu handeln. Und viele erkennen die Zusammenhänge nicht: Da gibt es Leute, die wählen AfD und sind gegen Muslime und machen dann Urlaub in Dubai – wo ich sage: Ins Gehirn geschissen und vergessen umzurühren. So ist das halt überall. Wenn wir uns nicht darum kümmern, dass es in Ostdeutschland für Jugendliche wieder eine Perspektive und eine andere Form von Betreuung gibt außer von Deutschnationalen, dann wird es da auch weiter viel Ärger geben.

Was macht Ihnen in der Situation Hoffnung?

Bezzel: Es gibt genügend positive Gegenkräfte, aber die sind leider außerpolitisch, oder besser gesagt außerparlamentarisch. Was mir Hoffnung macht, sind Initiativen wie z.B. die „Fridays for Future“-Bewegung, wo die Jungen auf die Straße gehen und sagen, wir wollen uns nicht mehr verarschen lassen. Ich fand die Geschichte mit dem YouTuber, der die CDU angegriffen hat, auch sehr interessant und ziemlich gut. Nicht, weil ich das so wahnsinnig fundiert fand. Sondern, weil da ein Vertreter der jungen Generation war, die sich nicht ernst genommen fühlt. Und bei dieser großen Anzahl von Klicks haben die großen Parteien auf einmal Angst bekommen. Insgesamt hoffe ich auf Europa und dass Wege gefunden werden, dass dieses Europa stärker wird. Ich glaube nicht an Nationalismus, sondern an Internationalismus, denn die Probleme sind auch international.

Sie haben zwei Kinder. Würden Sie es gut finden, wenn die eines Tages bei „Fridays for Future“ mitmachen, anstatt in die Schule zu gehen?

Bezzel: Wenn sie mir das plausibel erklären, fände ich es gut. Wenn ich merke, sie machen das, weil sie es toll finden, nicht in die Schule zu gehen und eigentlich ist ihnen alles Wurst, dann wäre ich sicher nicht zufrieden damit.

Es scheint ja richtig in Ihnen zu brodeln. Wie finden Sie eigentlich wieder innere Ruhe?

Bezzel: Man muss sich rausziehen und gleichzeitig engagieren – und sei es auch nur in der eigenen Nachbarschaft. Vor ein paar Wochen habe ich Urlaub mit der Familie gemacht. Man muss immer wieder schauen, dass man jeden Tag etwas Sinnvolles und Schönes erlebt, und sich daran auch aufrichten. Manchmal offline zu sein, ist auch schon ein guter Ansatz, um sich zu sammeln und wieder auf Leute und Individuen einzugehen. So kann man hoffen, dass es weitergeht.