Berliner Spaziergang

Markus Klimmer - Der Unerschrockene

Unsere Reporter begegnen Menschen, die Berlin bewegen. Spaziergang mit Markus Klimmer – Berater, Unternehmer und Wirtschaftsexperte.

Markus Klimmer auf der Baustelle des Bauhaus-Archivs an der Klingelhöferstraße in Tiergarten

Markus Klimmer auf der Baustelle des Bauhaus-Archivs an der Klingelhöferstraße in Tiergarten

Foto: Reto Klar

Berlin. „Wo treffen wir uns?“ Die Frage zu stellen, war eigentlich überflüssig, denn natürlich hat sich Markus Klimmer für die Baustelle an der Klingelhöferstraße in Tiergarten entschieden. Dort entsteht der Neubau für das Bauhaus-Archiv, dort wird am kommenden Dienstag der Grundstein für den Erweiterungsbau des Museums gelegt. Und Markus Klimmer ist sehr vieles, aber auch Vorstandsvorsitzender des Vereins Bauhaus-Archiv.

„Das ist meine Passion geworden“, sagt Klimmer, als er bei sonnigem Wetter von seinem Engagement für das Bauhaus erzählt. Edzard Reuter, der große Mann bei Daimler, der enge Freund Berlins, hatte ihn vor einigen Jahren gefragt, ob er im Bauhaus-Verein mittun wolle. „Reuter, den ich bis heute sieze, war seit meinen ersten Berufsjahren mein Mentor“, erklärt Klimmer. Er sagte zu, wollte aber nie den Vorsitz haben. Doch Reuter trickste ihn aus, ließ sich selbst wieder zum Vorsitzenden wählen – und erklärte nach vier Wochen seinen Rücktritt. „Er sagte zu mir: ,Sie haben das nie gelesen, ich aber schon, ich kenne die Statuten‘“, erzählt Klimmer und lacht. So war der heute 54-jährige Klimmer in der Verantwortung – und kümmert sich seitdem um den Neubau.

Im Jubiläumsjahr wurde das Haus geschlossen

Zwei Jahre brauchte es, um die Politiker in Berlin und auf Bundesebene zu überzeugen, mehr als 50 Einzelgespräche führte Klimmer und kämpfte gemeinsam mit der Direktorin Annemarie Jaeggi erst dafür, dass das Bauhaus wieder Interesse fand, dann für die notwendigen Millionen. „Man muss die Haushälter überzeugen“, sagt Klimmer. Anfang des Jahres – pünktlich zum 100. Jubiläum des Bauhauses – wurde das Haus in Berlin geschlossen, seitdem wurde auf dem Gelände gearbeitet. War das nicht ein Fehler, im Jubiläumsjahr zu schließen, wenn das öffentliche Interesse so groß ist? „Sie müssen bauen, wenn das Geld da ist“, sagt Klimmer ganz cool. 56 Millionen Euro stellen Berlin und der Bund zur Verfügung. Ende 2022 soll der Neubau, gestaltet nach den Plänen des Berliner Architekten Volker Staab, fertig sein. „Das Interesse am Bauhaus war und ist immer groß, fast 80 Prozent unserer Besucher sind internationale Gäste, und davon sind fast 80 Prozent jünger als 30 Jahre“, sagt Klimmer, der sich sehr für Architektur interessiert und doch einen ganz anderen Beruf gelernt hat. Und der einer der am besten vernetzten Persönlichkeiten in Berlin und Deutschland ist – und doch in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt. Obwohl er so umtriebig, erfolgreich und unerschrocken ist.

Der Reihe nach. Klimmer, österreichischer Staatsbürger, wuchs in der Nähe von Hanau in Hessen auf, sein Mutter kam aus Bratislava, sein Vater aus Tirol. „Klassischer Arbeiterhaushalt, zwei Aktivisten, Sozialdemokraten durch und durch, auch die Großeltern roter als rot, auch Kommunisten waren dabei“, erzählt Klimmer. Die Mutter arbeitete als ungelernte Arbeiterin im Akkord beim Schwab-Versand, der Vater war Werkzeugmacher in einem großen Unternehmen. Klimmer war der erste aus der Familie, der aufs Gymnasium ging, der später studieren sollte. „Der Aufstieg der Kinder war für die Generation meiner Eltern alles“, sagt Klimmer. Und er war durch die Eltern früh politisiert, die Mutter gab ihm mit auf den Weg: „Lass dir bloß von niemandem etwas gefallen.“ Das hat ihn geprägt.

Die Schule gefiel ihm, fiel ihm auch leicht, nebenbei engagierte er sich – für die Friedensbewegung, organisierte Busse für die Fahrt zur Großdemonstration nach Bonn („Ich weiß gar nicht, wie wir das gemacht haben, ohne Social Media und Smartphone“), trat im Alter von 16 Jahren in die SPD ein („Vorher ging das nicht“) und legte das Abitur mit der Glanznote 0,7 ab. Fürs Studium bekam er dann ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Klimmer studierte erst in Marburg Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre und öffentliches Recht, ging dann aber für ein Jahr nach London und später an die University of California in Los Angeles. Die Zeit dort faszinierte ihn, denn dort lernte er, dass man mit Politikwissenschaften sehr wohl etwas anfangen kann. „Die praktische Ausrichtung hat mich begeistert“, sagt Klimmer. Er schloss sein Studium dann, 1989, in Hamburg ab – und schlug, auch ein bisschen durch Zufall, seinen Berufsweg ein.

Klimmers Vater war im Alter von Mitte 50 Jahren arbeitslos geworden. Die Firma war damals durch die Unternehmensberatung McKinsey beraten worden. „Da bot McKinsey eine Veranstaltung an der Universität an, da dachte ich, da gehe ich mal hin und werde denen mal was erzählen“, erinnert sich Klimmer. Gesagt, getan. „Ich habe mich richtig in Rage geredet.“ Am Anfang der darauffolgenden Woche meldete sich der McKinsey-Berater, der die Hochschulveranstaltung geleitet hatte, bei Klimmer, meinte, er habe „viele Vorurteile“ und lud ihn ein, ein Praktikum bei McKinsey zu machen. Gesagt, getan. Aus dem Praktikum wurde mehr, bei McKinsey schrieb Klimmer dann auch seine Doktorarbeit über regionale Strukturpolitik („Darin kommt sogar der Begriff ,Cluster‘ vor, den gab es damals ja noch gar nicht“). Sein erster Klient war Rainer Brüderle, der damalige Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz. „Das war ein tolle Erfahrung, dass das, was man studiert hat, auch in der Praxis angewendet werden kann, das war sehr prägend für mich“, sagt Klimmer. Auch später hat er diese Strategie noch angewendet – beispielsweise ab Mitte der 90er-Jahre in Berlin, als er als Berater für den damaligen Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) tätig war. „Hier in Berlin war ja nix, die Leute zogen 1996 weg“, erinnert sich Klimmer. „Aber es gab viele verrückte Musikclubs.“ Gemeinsam mit Branoner entwickelte er die Idee für ein Musikcluster – und sie holten Universal-Music nach Berlin, Viva, MTV und sogar die Messe Popkomm. Das Musikcluster war in Berlin nur ein erster Baustein für die spätere Clusterstrategie des Berliner Senats – von Verkehr über Gesundheitswirtschaft bis zu Verkehrstechnologie.

Doch bevor Klimmer nach Berlin kam, sammelte er weiter Erfahrungen in Düsseldorf bei McKinsey. Und was hat der Vater zu diesem Job gesagt? „Er war nicht begeistert“, gibt Klimmer zu. Er, der Sohn, wechselte das Beratungsunternehmen – und baute von Düsseldorf aus („Der Schreibtisch des Ruhrgebiets“) den sogenannten Public Sector auf, also die Beratung der öffentlichen Verwaltung. Er lernte viele Menschen kennen, die wie er später Karriere in der Politik oder Wirtschaft machen.

Seit vielen Jahren ist er eng befreundet mit Steinmeier

Wie Frank-Walter Steinmeier. „Steinmeier war ein junger, schüchterner Ministerialreferent in der Staatskanzlei in Hannover, ich war ein junger, schüchterner Berater“, erzählt Klimmer lachend. Die Aufgabe: das Transplantationszentrum aus der Universitätsklinik auszugründen. Das gelang. Lange Zeit blieben die beiden per Sie, seit vielen Jahren sind sie sehr gut befreundet. „Ich habe ihm auch erst spät gebeichtet, dass ich SPD-Mitglied bin. Das zu sagen, fand ich als Berater ungehörig.“

Mit dem Umzug der Bundesregierung und des Deutschen Bundestags nach Berlin zog es Ende der 90er-Jahre auch Klimmer in die Hauptstadt, ab dem Jahr 2000 arbeitete er wieder für McKinsey – und wurde dort Partner und Leiter des Bereichs „Public Sector“. Das war die Phase der großen Arbeitsmarktreformen. Klimmer kümmerte sich als Berater um die Bundesanstalt für Arbeit, erst unter Florian Gerster, dann unter Frank-Jürgen Weise. „So ein großangelegtes Umbauprogramm gab es vorher noch nicht, das betraf ja mehrere Millionen Menschen.“ Und, so Klimmer, „es war eine Operation am offenen Herzen“. Man könne das auch nicht mit Restrukturierungen in der Wirtschaft vergleichen, „solche großen IT-Systeme, so komplexe Systeme kennen die gar nicht“. Fast zehn Jahre dauerte der Prozess. „Herr Weise hat viel Anerkennung verdient“, ist Klimmer überzeugt. Er war in diesen Jahren national und international tätig, er beriet in Nordrhein-Westfalen Helmut Linssen, in Hessen Roland Koch bei der Umsetzung von E-Government. Das Gleiche dann in Österreich bei Bundeskanzler Schüssel („Ihm ist es gelungen, in eineinhalb Jahren Österreich zur Nummer 1 in Europa beim E-Government zu machen, Deutschland dagegen liegt bis heute im Mittelfeld“), er war für Peer Steinbrück, aber auch für Thilo Sarrazin („Nicht für den von heute, für den von damals“) tätig. Sarrazin, so sagt Klimmer, „hat in der Berliner Verwaltung wirklich etwas bewegt, er hat ein hohes Anspruchsniveau gesetzt und bei den Berliner Betrieben viel vorangebracht“. In diesen Jahren war Klimmer als Berater in 50 bis 60 Ländern unterwegs. Genau weiß er es nicht mehr, aber er sammelte eine Menge Erfahrungen, in den USA, in Großbritannien, wo er auch – in London – mit seinem Freund Mark lebt, der ebenfalls CEO einer großen Beratungsfirma ist.

Im Jahr 2009 dann ein erster großer Einschnitt. Steinmeier, inzwischen Kanzlerkandidat der SPD, fragte ihn, ob er nicht sein Wirtschaftsberater werden wollte. Morgens um 8 Uhr kam der Anruf, Klimmer bat sich Bedenkzeit aus, denn das bedeutet ja auch, dass er seinen gut dotierten Job bei McKinsey aufgeben musste. „Ich habe aber schon nach zehn Minuten zurückgerufen und gesagt: ,Ich mach’s‘“, sagt Klimmer. Nun, der Wahlkampf ging verloren – mit 23 Prozent für die SPD („Darüber würde man sich heute freuen“), aber eben verloren. In die Opposition wollte Klimmer nicht mit.

Zu McKinsey zurück auch nicht, denn dort hatte die spätere Staatssekretärin Katrin Suder inzwischen erfolgreich den „Public Sector“ übernommen, Klimmer fing beim Beratungsunternehmen Accenture an – mit weltweit rund 480.000 Mitarbeitern. Er gründete das Berliner Büro, bis zum Jahr 2016 wirbelte er dort. Dann der nächste Einschnitt: Beide Elternteile wurden zu Pflegefällen, der Vater ist inzwischen verstorben. „Ich wusste, ich kann nicht mehr Vollzeit arbeiten, wenn ich mich, zumal ohne Geschwister, um meine Eltern kümmern wollte.“

Pflege der Eltern im hessischen Hanau

Da traf es sich gut, dass Christian Kern, Bundeskanzler in Österreich und zuvor als Chef der Österreichischen Bundesbahn Klimmers Klient, ihn als Berater anfragte. „In Teilzeit, ein bis zwei Tage war ich pro Woche in Wien“, sagt Klimmer. Und in Hanau, um sich um die Eltern zu kümmern. „In der Anfangszeit einer Pflege weiß man gar nicht, was als nächstes kommt.“ Das brachte Klimmer auch dazu, sich auf diesem Gebiet unternehmerisch zu betätigen. Über die Schlaganfallstiftung der Bertelsmann-Eigentümerin Liz Mohn entstand das Lotsensystem Schlaganfallhilfe. „Heute überleben viel mehr Menschen einen Schlaganfall, aber das heißt auch, dass Familien gar nicht darauf vorbereitet sind, was dann folgt, Reha, Arztbesuche, Hilfsanträge, Überweisungen...“, sagt Klimmer. Er hatte es bei seinem Vater persönlich erlebt. Das Pilotprojekt mit den Lotsen, die den Schlaganfallpatienten 1,5 Jahre zur Seite stehen, ist so erfolgreich, dass es wohl bald in die Regelversorgung der deutschen Krankenkassen übernommen wird.

Auch Kern verlor die Wahl in Österreich. „Wo ich hingehe, gehen Wahlen verloren“, sagt Klimmer – und lacht herzlich. Er ist seitdem nur noch als freiberuflicher Berater tätig, kümmert sich um seine Firmenbeteiligungen wie die an einer indischen Fleischproduktion, gründete mit einem Freund ein Start-up-Unternehmen, das rasch zum führenden Schlaganfall-Portal wurde, mit Sitz in Tel Aviv, und um Immobilienprojekte. Aber auch in Los Angeles um die Villa Aurora und das wieder sanierte Thomas-Mann Haus, deren Vorstandsvorsitzender er ist. Und seit kurzem ist er auch als künstlerischer Berater der drei Prager Opernhäuser dabei. „Das ist ein neues Abenteuer“, sagt Klimmer und strahlt.

Und wie bekommt man bei diesen vielen Aktivitäten, außerdem der Pflege der inzwischen schwer demenzkranken Mutter in Hanau, auch noch das private Leben hin? „Wochenenden sind tabu, da wird nicht gearbeitet, da wird auch nichts Liegengebliebenes erledigt“, sagt Klimmer. Anders geht es nicht – dieses Leben zwischen Berlin und London. Am 11. Juni, da wird Markus Klimmer aber auf jeden Fall in Berlin sein. Beim Spatenstich für das neue Bauhaus. „Es ist meine Passion“, sagt er.

Zur Person:

Privat: Markus Klimmer ist am 12. August 1964 geboren worden und in der Nähe von Hanau (Hessen) aufgewachsen. Seine Eltern waren politisch aktiv und überzeugte Sozialdemokraten, auch er trat schon mit 16 Jahren in die SPD ein. Er war der erste aus der Familie, der Abitur machen und studieren konnte. Markus Klimmer lebt mit seinem Freund in Berlin und London.

Beruf: Er studierte Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre und öffentliches Recht in Marburg, London, Berkeley und abschließend in Hamburg. Seit 1993 war er als Berater tätig und baute als Partner bei McKinsey dort den „public sector“ auf. 2009 beriet er Frank-Walter Steinmeier, als dieser Kanzlerkandidat war und ging nach der verlorenen Wahl zur Unternehmensberatung Accenture. Als seine Eltern 2016 pflegebedürftig wurden, beendete Klimmer diese Tätigkeit wieder – und beriet dann Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) in Österreich. Heute arbeitet er als selbstständiger Berater, kümmert sich um seine Firmenbeteiligungen und Ehrenämter wie beim Bauhaus-Archiv – und pflegt seine demenzkranke Mutter, die noch immer in der Nähe von Hanau lebt.

Spaziergang: Der Weg führte vom Bauhaus durch das Tiergarten-Viertel. Kaffee und Käsekuchen gab es im Sheraton-Hotel Esplanade.