Nachruf

Heidi Hetzer: Berliner Schnauze mit Herz und PS

Die Berliner Rallyefahrerin Heidi Hetzer wurde tot in ihrer Berliner Wohnung gefunden. Ihre Fans und Freunde sind erschüttert.

Heidi Hetzer bei der Rückkehr von ihrer Weltreise im Jahr 2017.

Heidi Hetzer bei der Rückkehr von ihrer Weltreise im Jahr 2017.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin. „Ich lebe nicht mehr, aber ich habe gelebt“, ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe steht als letzter Eintrag auf ihrer Homepage: Die Berliner Legende, Rallye-Fahrerin und Wohltäterin Heidi Hetzer ist tot. Die 81-Jährige wurde am Ostersonntag tot in ihrer Charlottenburger Wohnung aufgefunden. Die Todesursache ist nach Angaben ihrer Familie noch unklar. „Sie war zuhause in ihrer Wohnung in Berlin als es geschah“, heißt es in einer Mitteilung der Familie. „Es deutet alles darauf hin, dass es Altersschwäche war, oder ein Unfall.“ Heidi Hetzer hinterlässt eine Tochter, einen Sohn und Enkelkinder.

Die schillernde Auto-Liebhaberin war erst am 16. April von der ersten Etappe einer Afrika-Reise zurück in ihre Heimatstadt gekommen. Nach einem Raubüberfall in Kapstadt war sie zunächst zurück nach Berlin gereist, hatte aber bereits neue Pläne für den kommenden Herbst.

Heidi Hetzer gewann bei Autorennen 150 Trophäen

Mit Heidi Hetzer geht eine Persönlichkeit, die in der ersten Reihe der alten West-Berliner Promi-Garde spielte - wie die Schauspieler Harald Juhnke, Günther Pfitzmann und Brigitte Mira, der Playboy und Unternehmer Rolf Eden oder ihr Ost-Berliner Pendant Helga Hannemann. Sie alle standen oder stehen für das besondere Berlingefühl: einen Mix aus Berliner Schnauze, gespieltem oder echtem Selbstbewusstsein und diesem Blitzen in den Augen, das signalisiert, dass am Ende doch nicht alles so hart gemeint ist wie es scheint. Berliner Originale eben.

Bei Heidi Hetzer kommt ein aufregendes Leben hinzu. Rückblickend erscheint es fast, als sei die Tochter des Berliner Unternehmers Siegfried Hetzer durch ihr Leben gerast. „Sie hat bewusst und öffentlich gelebt, so als wäre jeder Tag ihr letzter“ heißt es in der Erklärung ihre beiden Kinder Dylan und Marla vom Dienstag. „Sie hat verstanden - und auch oft gesagt - dass jeder Tag ein Geschenk ist. Bis zuletzt hatte sie eine Offenheit, eine Neugier auf das Fremde, und einen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen.“

Als Tochter aus wohlhabendem Haus brach sie schon früh aus der Erwartungshaltung aus, die in den 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts für junge Frauen galt. Schon mit 13 Jahren unternahm sie erste Spritztouren mit einem Wagen aus dem elterlichen Fuhrpark. Der Vater musste sie von der Wache abholen, nachdem sie dabei erwischt worden war. Nach der Schule lernte sie Kfz-Mechanikerin - als einzige Frau unter jungen Männern. Bis zuletzt liebte sie das Schrauben an alten Motoren. „Ich war nun einmal eine benzinverrückte Berliner Göre“, sagte sie im Rückblick.

Heidi Hetzer - Bilder aus einem bewegten Leben

Seit 1953 - im Alter von 16 Jahren - nahm die Berlinerin an Rennen teil. Das erste führte rund um die Müggelberge – auf einem Lambretta-Motorroller. Doch sie wurde disqualifiziert, weil sie fremde Hilfe annahm. Trotzdem folgten hunderte weitere, darunter Klassiker, wie die Mille Miglia in Italien, die Rallye Monte Carlo, oder eine Wettfahrt von Panama nach Alaska.

Im Alter von 31 Jahren übernahm sie das elterliche Geschäft und baute es zu einem der führenden Autohäuser im damals noch geteilten Berlin aus. Ihr Lebensmotto lautete: „Siege, wenn du kannst. Verliere, wenn du musst. Kapituliere nie.“

Auch sozial war die agile Berlinerin engagiert. Für ihr Engagement wurde sie vor einigen Jahren mit der Benennung einer neuentdeckten Orchideenart geehrt. 2012 verkaufte sie das letzte Geschäft und stürzte sich wenig später in ihr nächstes Abenteuer: Mit „Hudo“, einem Hudson-Great-Eight-Oldtimer, Baujahr 1930, umrundete sie die Welt. In 960 Tagen fuhr sie 85.000 Kilometer durch 46 Länder und fünf Kontinente. Die Reise führte über die Türkei, den Iran und China bis nach Neuseeland und danach über die USA wieder zurück nach Berlin.

Doch die Grande Dame des Motorsports war auch umstritten: 2017 äußerte sie sich am Rande ihrer Weltreise rassistisch über Afrikaner. „Die Schwarzen klauen, wenn sie nur eine Jacke, eine olle Jacke sehen. Die klauen alles“, sagte sie im ZDF-Morgenmagazin. Die öffentliche Empörung war groß. Anschließend entschuldigte sie sich für diese Entgleisung.

Botschafterin Berlins mit Benzin im Blut

Die Nachricht über den Tod Heidi Hetzers löste eine Flut an Beileidsbekundungen aus. „Berlin wird die Frau mit ihrer Auto-Handtasche und der Berliner Schnauze nie vergessen“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). „Diese Berlinerin hat immer, berlinerisch gesagt, volle Pulle gelebt und gearbeitet.“

Auch der Bürgermeister ihres Heimatbezirks Charlottenburg-Wilmersdorf kondolierte: „Autos waren ihre große Leidenschaft – so wurde sie weit über die Grenzen der City West und des Berliner Kudamms eine bekannte Rallyefahrerin, geliebt von den Menschen für ihre Abenteuerlust und ihre unverwechselbare Berliner Originalität“, sagte Reinhard Naumann (SPD). „Heidi Hetzer war immer eine Unternehmerin mit Benzin im Blut“, sagte Berlins CDU-Generalsekretär Stefan Evers. „Ihr Herz hing an der Stadt, wir werden sie vermissen. Mach’s jut, Heidi.“ „Berlin ist geprägt von Menschen, die man auch nur in dieser verrückten Stadt finden wird - Heidi Hetzer war eine von ihnen“, schrieb FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja.

Im Herbst wollte Heidi Hetzer erneut aufbrechen. Mit ihrem pinkfarbenen umgebauten Toyota-Geländewagen sollte es dieses Mal die Küste West-Afrikas hinauf bis Marokko gehen. Ein halbes Jahr hatte sie dafür eingeplant. Dieses Abenteuer findet nun nicht statt. „Ihre Familie hatte sie sehr lieb, und wird sie sehr vermissen“, schrieben ihre Kinder Dylan und Marla Mackay am Dienstag.

Heidi Hetzer - Ihr Leben in Daten

  • 1953 nahm die Motorsport-Legende erstmals an einer Rallye um die Müggelberge teil
  • Heidi Hetzer hat mit ihren zahlreichen Wettfahrten mehr als 150 Preise gewonnen
  • 1954 erlernte Heidi Hetzer den Beruf der Kfz-Mechanikerin im Familienbetrieb
  • 1969 übernahm sie mit 31 Jahren das Familienunternehmen in Charlottenburg
  • Das Opel-Autohaus wurde zu einem der größten Autohäuser Berlins
  • Sie leitete das Unternehmen bis 2012
  • Am 27. Juli 2014 begann sie in Berlin eine Fahrt um die Erde
  • Am 16. April kehrte sie vom ersten Teil einer Tour aus Afrika zurück
  • Die Weltenbummlerin plante von November 2019 bis Mai 2020 erneut eine Reise durch Afrika
  • Bekanntheit erlangte sie auch durch ihr soziales Engagement
  • Heidi Hetzer starb am 21. April 2019 in Berlin

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