Schauspielerin

Lavinia Wilson: „Anspruchsvoll, aber ein bisschen gestört“

Die Schauspielerin ist Mutter von drei Kindern. Im Interview beklagt sie mangelnde Gleichberechtigung und Sexismus in der Filmbranche.

Lavinia Wilson lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Lavinia Wilson lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Foto: dpa Picture-Alliance / Sebastian Gabsch/Geisler-Fotopre / picture alliance / Geisler-Fotop

Die Hölle, das sind bekanntermaßen die anderen. Im Falle von Lavinia Wilsons neuer Comedy-Serie die „Anderen Eltern“ (ab 19. März, dienstags 20.15 Uhr, TNT Comedy). In Köln-Nippes herrschen Prenzlauer-Berg-ähnliche Zustände: Aus Kitaplatznot will eine Gruppe von jungen Müttern und Vätern ihre eigene Einrichtung gründen – natürlich bioregional und klimaschonend. Die 39-jährige Hauptdarstellerin lebt mit ihrem Kollegen Barnaby Metschurat in Berlin, gemeinsam haben sie drei Kinder. Im Interview erzählt sie vom Selbstoptimierungswahn, Sexismus in der Filmbranche und Rollenschubladen.

Ihre neue Serie heißt „Andere Eltern”. Worum geht es da?

Es gab eine Storyline, aber die Dialoge sind improvisiert. Wir haben im Jahr 2017 bei einem viertägigen Dreh einen Teaser produziert, bei dem schnell das Vertrauen entstand, dass wir tatsächlich so frei arbeiten können. In „Andere Eltern“ geht es um eine Gruppe Kölner Eltern, die die beste Kita der Welt gründen will. Ich spiele Nina Züger, eine frustrierte PR-Managerin, die sich zur Yoga-Lehrerin ausbilden lässt. Die Serie handelt auch von Helikoptereltern, und warum wir uns so einen wahnsinnigen Stress machen, wenn wir Eltern werden. Und wie komisch das eigentlich ist. Je mehr wir das Gefühl haben, dass die Welt außer Kontrolle gerät, desto mehr versuchen wir, unser kleines Nest in Ordnung zu bringen. Und je mehr man sich anstrengt desto weniger klappt das. Selbstoptimierungswahn, Konsumsucht, Leistungsdruck, all das macht natürlich vorm Kinderkriegen nicht halt, ganz im Gegenteil – es kulminiert bei so einer emotionalen Angelegenheit. Bester Stoff für Komödien.

Zuletzt waren Sie als LKA-Beamtin in „Kommissarin Heller“ im TV zu sehen. Was ist reizvoller – Rollen labiler Frauen zu spielen oder von Frauen wie eben dieser Isabel Voigt, die stark ist und ihr Leben im Griff hat?

Rollen wie die der Isabel Voigt wurden mir lange nicht angeboten. Voigt ist eine Figur mit einer Bodenständigkeit, eine im positiven Sinne völlig undramatische Rolle. Aber trotzdem nicht langweilig. Ich habe das Gefühl, dass Frauenfiguren im Film und Fernsehen jetzt endlich komplexer werden. Früher war man als junge Schauspielerin schnell die Liebesaffäre oder die Frau mit den ganz schlimmen Problemen. Ich wurde oft in der Schublade anspruchsvoll, aber ein bisschen gestört verortet. Schauspielerisch ist das dankbar und ich spiele diese Abgründe gern, vielleicht aber auch, weil ich psychisch ziemlich stabil bin. Ich glaube, für labile Menschen ist es wesentlich riskanter, das zu spielen, weil die Gefahr besteht, abzurutschen und nicht mehr herauszukommen, wenn die Distanz fehlt.

Wie nervig ist es, wenn, wie bei Ihnen, das Aussehen immer thematisiert wird?

Natürlich wird mein Aussehen bewertet, das geht Männern in der Branche auch so. Schließlich ist es ist das Erste, was man von jemandem wahrnimmt. Ich bin allerdings erstaunt darüber, dass dieses Attribut so häufig genannt wird, weil ich ja nicht den ganzen Tag durch die Gegend laufe und mich schön finde. Vieles hat auch mit Illusion, Schminke und Styling zu tun. Natürlich freut es mich, aber ich möchte auch nicht darauf reduziert werden. Hält ja auch nicht ewig.

Wie sexistisch ist die Filmbranche? Und hatten Sie einen Me-Too-Moment?

Ich habe Glück gehabt, aber natürlich kenne ich den Sexismus in der Branche. Es gab Angebote, als ich Mitte 20 war, die eindeutig zweideutig waren, Einladungen zum Abendessen, solche Sachen. Ich war damals aber so naiv, nicht zu realisieren, was da vielleicht von mir erwartet wurde, oder dass vielleicht sogar ein kurzfristiger Vorteil winken könnte. Ich war völlig irritiert, warum ich mit irgendwelchen alten Männern essen gehen sollte. Mein ungläubiges Lachen in solchen Situationen hat vielleicht abschreckend gewirkt. Und wie gesagt,ich habe wohl richtig Glück gehabt. Anders war es manchmal bei Kostüm- und Maskenproben, da war oft ein aus heutiger Perspektive völlig absurder subtiler Sexismus zu spüren. Als ich mir einmal die Haare abgeschnitten hatte, war es bei einem Dreh ein Riesen-Thema. Einer aus der Phalanx von männlichen Entscheidern, die sich im Maskenmobil hinter mir aufgebaut hatten, um dieses furchtbare Problem zu besprechen, murmelte immer nur verzweifelt „Wo ist nur ihre Weiblichkeit geblieben?“ Eigentlich sehr komisch, wenn es nicht ernst gemeint gewesen wäre. Auch über das Gewicht einer Schauspielerin meinten Regisseure gerne Verfügungsgewalt zu haben, nach dem Motto: Bitteschön ein bisschen runder innerhalb der nächsten zehn Tage, aber ja nur an den richtigen Stellen. Dabei geht es natürlich nicht um die Kilos, sondern um die Macht, mich im Namen der Kunst nach Belieben formen zu dürfen. Heute lasse ich mir so was nicht mehr erzählen. Macht auch keiner mehr bei mir. Keine Ahnung, ob das an meinem Alter, meiner Ausstrahlung oder Me Too liegt. Wahrscheinlich von allem ein bisschen.

Ist seit Me Too die Arbeit am Set anders geworden?

Es werden weniger dumme und zotige Sprüche gemacht. Viele Männer sind verunsichert, aber das ist völlig in Ordnung, nachdem sie tausende Jahre die Bestimmer waren. Auch was Drehen in der Schwangerschaft angeht, hat sich viel getan. Bei meinem ersten Sohn, im Jahr 2014, wurden Rollenangebote zurückgezogen, weil es versicherungstechnisch komplex und für die Produktion teurer und riskanter ist, eine schwangere Schauspielerin zu engagieren (auch wenn es noch nicht zu sehen ist). Aber von Kind zu Kind wurde es selbstverständlicher hingenommen. Bei meinem dritten Sohn wurde nicht einmal mehr mit der Wimper gezuckt, als ich sagte, ich sei schwanger. Das können auch alles Zufälle sein, aber ich glaube, es tut sich was, auch wenn wir noch lange nicht am Ende sind mit der Gleichberechtigung.

Kann man heute als Frau wirklich beides haben – Kinder und Karriere?

Kinder zu haben bedeutet Verzicht, das lässt sich nicht leugnen. In einer Gesellschaft, in der den Menschen suggeriert wird, sie müssten immer alles haben wollen – und könnten das auch – ist das eine Enttäuschung. Natürlich kann man mit Kindern nicht die Art von Karriere haben, bei der man rund um die Uhr verfügbar ist. Wenn man das macht, hat man von seinen Kindern nichts. Und auch nicht von seinen Freunden. Ich glaube, das Problem sind aber weniger die Kinder, sondern die Vorstellungen von Karriere und Erfolg, und was glücklich macht. Es ist und bleibt ein Spagat, und ein ständiges Abwägen.