Die Ärzte

Bela B: „Das Alter hat mich etwas ruhiger gemacht“

| Lesedauer: 6 Minuten
Steffen Rüth
Mit 56 ist der Punkrocker Bela B Felsenheimer unter die Autoren gegangen.

Mit 56 ist der Punkrocker Bela B Felsenheimer unter die Autoren gegangen.

Foto: Henning Kaiser/dpa / dpa

Bela B Felsenheimer, der Schlagzeuger der Ärzte, debütiert als Buchautor – und verspricht auch noch andere Überraschungen für die nächste Zeit.

Berlin. Bela B, der Schlagzeuger der Ärzte, hat gerade viel um die Ohren, vor aller aber hat er einen Roman geschrieben, seinen ersten: „Scharnow“. Über mehr als 400 Seiten entwirft der 56-jährige gebürtige West-Berliner, der seit vielen Jahren mit Lebensgefährtin und gemeinsamem Sohn in Hamburg lebt, das Sittengemälde eines Dorfes in Brandenburg. Hier und da könnte man bei Felsenheimer leichte Parallelen zu Juli Zehs „Unterleuten“ entdecken, doch sind seine Figuren deutlich absurder, übertriebener und teils auch lustiger gezeichnet. Allzu ernst nehmen muss man den Roman, dem man anmerkt, dass Bela Comics liebt, sicher nicht, auch ergibt längst nicht jede inhaltliche Wendung Sinn. Gleichwohl bildet der Autor in flüssiger Sprache auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ab. Wir unterhielten uns mit Bela B Felsenheimer im Hamburger Büro seiner Band.

Berliner Morgenpost: Die „Scharnow“-Lesereise, das Ärzte-Outtakes-Album „They’ve Given Me Schrott“, das große Livecomeback mit den Ärzten im Sommer – wird 2019 das Jahr des Bela B Felsenheimer?

Bela B Felsenheimer: Sieht ganz gut aus. Das erste halbe Jahr ist voll mit Highlights und Sachen, die mich glücklich machen. An dem Buch habe ich allerdings schon vor zwei Jahren angefangen zu arbeiten. Dass zeitlich jetzt alles Schlag auf Schlag kommt, war nicht geplant.

Wird es auch ein neues Album der Ärzte geben?

(lacht) Kein Kommentar! Wir spielen jetzt erstmal diese Festivals, auf die wir uns sehr freuen. Wir freuen uns auch auf uns und darauf, zusammen Zeit auf dieser Tour zu verbringen. Es wird dann noch ein paar Überraschungen geben, über die ich noch nicht reden will.

Dann reden wir über „Scharnow“. In Ihrem Roman vermengen Sie Elemente aus allen möglichen Genres: Horror, Comic, Komödie, ernsthafte Gesellschaftsliteratur. Was ist „Scharnow“ für Sie?

Unterhaltung! Drama, Tod, Liebe, Spaß – das alles gehört zum Leben dazu. Es gibt sehr traurige Figuren in diesem Buch. Die Tragikomik ist ein Element, das mir extrem wichtig ist. Und es macht mir einen Heidenspaß, die eine oder andere Figur von einem Unglück ins nächste trampeln zu lassen.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie ein Buch geschrieben haben?

Das Bedürfnis war einfach da. Ich habe Hörbücher gemacht und Bühnenauftritte zwischen Theater und musikalischer Darbietung. Ich bin jetzt nicht der erste Musiker, der einen Roman schreibt, und es war auch kein langgehegter Lebenstraum von mir. Aber als ich das Angebot des Verlages hatte, fingen in meinem Kopf gleich die Ideen zu rattern an.

Haben Sie Vorbilder unter den Schriftstellern?

Nicht direkt. Ich habe Stephen Kings „Über das Schreiben“ gelesen, eine Mischung aus Handbuch und Autobiographie, und seine Regeln und Tipps haben mir sehr geholfen. Sein Buch hat mir gerade beim Schreiben sehr viel Mut gemacht.

Haben sie Sie unter Druck gesetzt?

Der Druck ist schon da, wenn du weißt, du lieferst jetzt 400 Seiten bei einem großen Verlag ab, und du wirst eine gewisse Resonanz und auch Kritik bekommen. Trotzdem habe ich mich nicht verrückt gemacht. Beim Schreiben habe ich mich auch treiben lassen und bin das ganz entspannt angegangen.

Man merkt „Scharnow“ Ihre Liebe für Comics an. Sind Comics nicht eher etwas für Teenager?

Naja, als ich mit Anfang 20 noch total gerne Comics gelesen hatte, fragte ich mich auch, ob das nicht irgendwann mal aufhört. Heute weiß ich: Nein, tut es nicht. In Japan lesen auch Geschäftsleute Comics, das ist dort ein ganz normaler, etablierter Teil der Kultur. So falsch kann ich mit meiner Leidenschaft also nicht liegen.

Halten Sie sich eigentlich für erwachsen?

Teils, teils. Ich will kein Opa sein, der mit Weisheiten um sich schmeißt und alle nervt, ein Stück weit werde ich immer 19 bleiben. Dennoch bin ich natürlich älter geworden und profitiere von meinen Erfahrungen, kann besser reflektieren als früher. Früher hätte ich kein Buch schreiben können, da war zu viel Chaos in meinem Kopf.

Fühlen Sie sich manchmal alt?

Nö. Ich bin immer noch auf der Suche und neugierig darauf, Dinge zu lernen und auszuprobieren. So lange das so bleibt, fühle ich mich frisch. Aber natürlich hat mich das Alter etwas ruhiger gemacht. Ein Polizist ist für mich heute zum Beispiel nicht mehr automatisch ein Nazischwein. Früher mag das mal anders gewesen sein.

Sie waren doch selbst mal kurz Polizist.

Ja, zwei Wochen lang. Dann habe ich meine Ausbildung bei der Polizei geschmissen.

Wie kommt ein Punk dazu, Polizist werden zu wollen?

Mit 15, als ich den Einstellungstest machte, war ich noch kein Punk. Heute kann ich jeden Jugendlichen beruhigen und ihm sagen: Ihr müsst mit 16 noch nicht wissen, was ihr für den Rest eures Lebens arbeitet.

Ist es für die Geschichte relevant, dass der Roman in einem Dorf in Brandenburg spielt?

Schon. Berlin sollte als Verheißung, aber auch als bedrohlicher Moloch am Horizont zu sehen sein und 150 Kilometer um Berlin ist nun mal Brandenburg. Plattenbauten und ein schlecht ausgebautes Internet.

Seit wann leben Sie eigentlich in Hamburg?

Seit Ende der Neunziger schon. Berlin ist aber immer noch meine Heimat, aber als Besucher erlebe ich die Stadt heute ganz anders – wenn ich in Berlin bin, bekomme ich immer was geboten.

Welche Stadt ist Ihnen näher?

Definitiv Berlin. Das ist die Stadt, die in meinem Herzen wohnt. Hamburg kommt mir dagegen fast klein und piefig vor. Aber ich lebe hier sehr gern, gehe zum Fußball, ins Kino, fahre Rad und laufe viel. In Hamburg geht es entspannter zu.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos