Interview

Was Nana Mouskouri von Charles Aznavour gelernt hat

Im Gespräch mit der Morgenpost verrät die Chanson-Legende, welche Weisheit von Charles Aznavour sie sich zu Herzen genommen hat.

Nana Mouskouri auf der Bühne (Archivbild)

Nana Mouskouri auf der Bühne (Archivbild)

Foto: pa

Berlin. Wenn Nana Mouskouri am 20. November im Admiralspalast auftritt, wird sie gerade ihren 84. Geburtstag gefeiert haben. Ihr neues Album hat Mouskouri, ganz ohne Ironie, „Forever Young“ genannt. Ihr Gedanke dahinter? Auch wenn viele der Künstler und guten Freunde, deren Lieder sie auf der neuen Platte covert, schon „von den Sternen auf uns herabschauen“, ihr Werk bleibt für immer jung. Im Gespräch mit der Morgenpost verrät die Chanson-Legende, welche Weisheit von Charles Aznavour sie sich zu Herzen genommen hat, und warum nur Alain Delon sie zum Glücksspiel überreden konnte.

Berliner Morgenpost: Für Ihre bevorstehende Tour haben Sie „Sa jeunesse“ von Ihrem Weggefährten Charles Aznavour eingesungen, der am Montag im Alter von 94 Jahren von uns ging. Welche Gedanken werden Ihnen nun durch den Kopf gehen, wenn Sie dieses Lied singen?

Nana Mouskouri: Ich werde daran denken, was ich von ihm gelernt habe. Und auf der Bühne wird es so sein, als stünde er direkt neben mir – als würde er mich durch sein Lied führen. „Sa jeunesse“ fordert junge Menschen dazu auf, das Beste aus ihrem Potenzial zu machen. Das bedeutet zum Beispiel der Zeit, die man hat, eine Bedeutung zu geben und nach der Wahrheit zu suchen. Denn wenn die Jugend, vor allem die Jugendlichkeit im Herzen, einmal entschwunden ist, dann kommt sie nie zurück. Ich erinnere mich gerne an die vielen weisen Dinge, die er gesagt und von denen er gesungen hat: Jugend bedeutet für ihn ewiges Lernen. Und das hat er auch gelebt.

Erinnern Sie sich an einen privaten Ratschlag?

Er sagte zu mir: „Hör niemals auf zu singen. Alles was wir beide jemals gekannt haben, war die Bühne.“ Ich fühle da genauso wie er, wir teilen dasselbe Schicksal.

Wann haben Sie zum letzten Mal mit Aznavour gesprochen?

Ungefähr zehn Tage vor seinem Tod haben wir noch geredet, wann wir uns das nächste Mal treffen wollen. Und dann letzten Freitag, da war ich nicht in Paris, sah ich ihn im Fernsehen, wie er seine nächsten 30 Konzerttermine bekannt gab. In all seinen Liedern sang er von der Liebe, sein Motto war: Wer liebt, der lebt länger. Und er hatte so viel Liebe in sich – er hätte niemals gedacht, dass er sterben würde. Wir hatten absolut nicht damit gerechnet, jetzt so eine Nachricht zu bekommen! Soweit ich weiß, war er alleine in seinem Haus in Südfrankreich, er soll ganz ruhig eingeschlafen sein. Ich hoffe, das ist wahr und er musste nicht leiden. Aber wir, die ihn jahrelang gekannt haben, vermissen ihn jetzt schon.

Wie haben Sie die Songauswahl für das neue Album getroffen?

Es sind Lieder von großartigen Kollegen, die mich in den letzten sechs Dekaden begleitet haben und die sehr wichtig für mich waren: Harry Belafonte, Leonard Cohen, Bob Dylan oder Dalida. Oder auch mein Freund Udo Lindenberg, von dem ich „Durch die schweren Zeiten“ aufgenommen habe, mit dem ich gerne gesungen habe. Ich und viele meiner Hörer sind äußerlich vielleicht älter geworden. Aber wenn wir diese Lieder hören, dann sind wir im Herzen wieder jung.

Was bedeutet das für Sie?

Man darf sich nicht davor scheuen, immer wieder Risiken einzugehen. Und den Glauben an Respekt und Menschlichkeit nicht zu verlieren. Egal wie traurig meine Lieder manchmal sind, es ist immer noch ein Funke Hoffnung darin.

Alain Delon, ein guter Freund von Ihnen, der mittlerweile für seine melancholischen Aussagen bekannt ist, sagte kürzlich in einem Interview: „Ich denke mehr an die Vergangenheit als an die Zukunft, ja, weil meine Vergangenheit außergewöhnlich war.“ Sie wirken so viel weniger nostalgisch, wie kommt das?

Gegenwart und Vergangenheit können nur zusammengedacht werden: Denn was vorher geschah, hat mich hierher gebracht. Menschen wie Alain - den ich sehr liebe und mit dem ich fabelhafte Duette gesungen habe - und ich haben immer viel gearbeitet. Auch daran, an sich selbst zu glauben. Und dieser Lernprozess hat für mich nie aufgehört. Schönheit und Leid zu erleben gehört einfach dazu, wir müssen jede Situation als einzigartige Erfahrung schätzen. Ich sage immer: Die Traurigkeit und das Glücklichsein können sehr nahe beieinanderliegen. Und beide haben immer ein Ende.

Kommen wir vom Glücklichsein zum Glücksspiel: Da Ihr Vater ein Spieler war, sind Sie nie ein Fan davon gewesen. Stimmt es, dass Sie doch ein einziges Mal gezockt haben – weil Alain Delon Sie überredete?

Ich war meinen beiden Ehemännern immer treu, aber ich war auch immer mal in andere verliebt. Es ist wunderbar, Liebe zu empfinden, dass muss dann auch nicht immer aktiv ausgelebt werden. Und damals, 1963, begegnete mir eben Alain Delon. Ich sang in einem eingeschneiten Nachtklub mit einem Casino in Megève, und er bat mich danach zu seinem Tisch, irgendwann begannen wir zu spielen. Währenddessen unterhielten wir uns sehr gut. Aber ich gehörte nie zu den Frauen, die sich in Sachen Männer wirklich was trauen. Und er war Alain Delon, da habe ich es nicht gewagt…irgendwann wollte ich gehen, und da sagte er zu mir: „Wenn ich verliere, dann hörst du nie wieder von mir. Aber wenn ich heute Abend gewinne, dann komme ich dich im Hotel besuchen.“ Also verriet ich ihm, wo ich übernachtete. Drei Tage später bekam ich dieses riesige Blumenbukett mit einer Karte: „Ich habe verloren. Trotzdem freue ich mich Dich kennengelernt zu haben.“ Bis heute schickt er mir manchmal kleine Notizen, wenn ihm zum Beispiel ein Auftritt von mir besonders gut gefallen hat. Er ist immer in meinem Herzen.