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Ein Film für Schulen: Vergewaltigungsdrama "Alles Isy"

Die Schauspielerin Claudia Michelsen über ihre Rolle als Mutter in „Alles Isy“ und das zu frühe Schauen von Pornos.

Claudia Michelsen ist Mutter von zwei Töchtern

Claudia Michelsen ist Mutter von zwei Töchtern

Foto: Reto Klar

Berlin. Der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) wagt sich mit „Alles Isy“ (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) an richtig harten Tobak: Bei einer Party wird die 16-jährige Isy im Rausch von drei Jungs vergewaltigt. Einer der Täter ist ihr bester Freund Jonas, der eigentlich in sie verliebt ist. Im Film wird eine glaubhafte Eltern-Riege porträtiert, die den Zuschauer bei verschiedenen Moral-Perspektiven anleitet. Diese Leistung ist auch Claudia Michelsen zuzuschreiben. Die 49-Jährige spielt die Mutter von Jonas – eine Darstellung, die durch Mark und Bein geht.

Frau Michelsen, an Ihrer Person hängt sich der zentrale moralische Konflikt der Erwachsenen-Generation auf: Jonas vertraut sich seiner Mutter mit dem schrecklichen Schuldbekenntnis an, dass er seine beste Freundin vergewaltigt hat. Sie reagiert erschüttert, aber ohne den gewaltvollen Wutausbruch, wie ihr Mann später. Warum haben Sie sich entschieden, das so zu spielen?

Claudia Michelsen: Ganz simpel, einfach weil es so im Buch stand. Die Jugendlichen sind die Hauptfiguren, und wir haben die Aufgabe, ihren Konflikt mitzutragen oder auch zu unterstützen. Anhand dieser „Rahmenbedingungen“ habe ich natürlich auch versucht, Carolas Geschichte zu erzählen. Sie ist zunächst keine starke Frau. Sie lebt eine Ehe, in der sie sich immer zurücknimmt. Erst langsam begreift sie: Dieses Leben ist voller merkwürdiger Verabredungen und Lügen – „ich komme nicht mehr zu mir selbst“.

Wie kann man einen Film über so ein Thema machen, ohne dabei voyeuristisch zu werden?

Das ist natürlich erst einmal die Herangehensweise des Regisseurs, sich für diese distanziertere Erzählweise und auch für eine sehr feine und unaufdringliche Kameraführung zu entscheiden, die Raum lässt und trotzdem sehr nah an den Figuren ist. Sie ist Beobachter, aber auch Betroffener. Und das alles auch noch voller Liebe für den Einzelnen. Keine Einstellung ist beliebig.

Im Film kommt es auch zum Streit unter Freundinnen. Warum fallen sich Frauen so oft gegenseitig in den Rücken, und wie können wir uns gegenseitig besser unterstützen?

Ich habe mein Leben lang immer wunderbare Frauenfreundschaften gehabt – so bin ich schon aufgewachsen. Und natürlich ändert sich das auch immer wieder: Man bekommt Kinder oder einer zieht weg, ich habe ja auch mehrere Jahre im Ausland gelebt. Aber ich kenne das nicht, dass Frauen einem in den Rücken fallen, und hier ist es ja nachvollziehbar aus der Situation der Freundin. Ein Mädchen, Isys Freundin, ist in Not und verletzt. Da tut man solche Dinge.

Von Fat-Shaming bis zu #metoo: Fast jede Debatte, mit der sich Jugendliche heute auseinandersetzen, finden in „Alles Isy“ Anklang. Hätte es diesen Film so schon geben können, als Sie mit 20 zum ersten Mal vor der Kamera standen, oder wie haben sich die Motive in den letzten Jahrzehnten verändert?

Um die Jahrtausendwende gab es verstärkt die Sehnsucht danach, Filme mit Jugendlichen zu machen, ihre Geschichten zu erzählen. Die Neugier, in diese Generation einzutauchen, gab es zu meiner Anfangszeit nur selten. Auf der einen Seite ist das großartig, weil man die junge Menschen ganz anders abholt. Aber man muss mittlerweile aufpassen, dass die Älteren nicht vergessen werden. Es gibt ja kaum noch „alte“ Leute in Filmen! Das finde ich sehr traurig.

Sie haben zwei Töchter. Die ältere ist 21, die andere erst 15. Haben Sie, gerade mit der jüngeren, den Film geschaut und darüber geredet?

Wir schauen eigentlich nur selten meine Filme zusammen. Manchmal wissen sie gar nicht, was ich gerade mache. Trotzdem glaube ich, dass Eltern und Kinder diesen Film gut zusammen schauen können und besprechen sollten. Ich glaube auch, dass „Alles Isy“ seinen Weg in die Schulen finden sollte. Ich werde ihn sicherlich auch noch mit meiner jüngeren Tochter schauen. Es geht um Aufklärung, Grenzen im Umgang miteinander, wie schütze ich mich und wie respektiere ich andere in ihrem Sein.

Haben Sie während der Dreharbeiten noch mal neue Perspektiven auf diese Aufklärungsthematik gewonnen?

Wir haben in Deutschland Lehrermangel. Ich bezweifle, dass die Schulen sich ausführlichst um sexuelle Aufklärung kümmern können. Ich rede von Grenzen, von Respekt, davon, wo ein Nein anfängt und ein Nein aufhört. Davon, was das Netz mit Kindern macht, wenn ich mit elf Jahren Pornos schauen kann, ohne dass sich jemand darum kümmert. Das macht natürlich was mit einem, und auf die Eltern kann man nicht immer hoffen. Also was sollten Schulen leisten können und wie ginge das? Das ist ein weites Feld, aber es wäre ein Anfang.

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