Regisseur

So engagiert sich Tom Tykwer für Kinder in Kenia

Filmemacher Tom Tykwer und seine Frau Marie Steinmann engagieren sich in Kenia für Kinder.

Tom Tykwer und Marie Steinmann

Tom Tykwer und Marie Steinmann

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Marie Steinmann kommt direkt aus der Küche, davon zeugen die Mehlspuren auf ihrem T-Shirt. Sie werde sich umziehen müssen, bevor die Gäste kommen, stellt die Ehefrau von Tom Tykwer fest, zuerst müsse aber das Essen fertig werden. Mit 50 Freunden will der Filmemacher am Abend auf dem Holzmarkt seinen 53. Geburtstag feiern. Seit der Eröffnung vor einem Jahr hat er auf dem Gelände am Spreeufer ein Büro.

Was zunächst nur als Kreativlabor für die Arbeit an der Fortsetzung der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ gedacht war, hat sich mittlerweile zum zweiten Lebensmittelpunkt des Paares entwickelt. „Der Holzmarkt ist ein sehr inspirierender Ort. Wir haben uns hier richtig eingeheiratet“, sagt Tykwer. Man könne andere Künstler treffen, seine Kinder betreuen lassen und Partys feiern: „Man muss hier eigentlich gar nicht weg.“

Damit das so bleibt, betont der Wahlberliner die Besonderheiten des Projektes gerne auch öffentlich. So wie am Nachmittag bei einem Besuch von Mitgliedern des Hauptausschusses im Abgeordnetenhaus. Aufgrund eines juristischen Streits um ein Nachbargrundstück droht dem Holzmarkt aktuell die Insolvenz.

Kunstzentrum in den Slums von Nairobi

Engagement scheint Tom Tykwer zu liegen. Gemeinsam mit Marie Steinmann hat er vor zehn Jahren den Verein One Fine Day gegründet. Aktuell planen sie in den Slums von Nairobi den Bau eines Kunstzentrums für Kinder. Seit 2008 betreiben der „Lola rennt“-Regisseur und seine zehn Jahre jüngere Frau Kreativförderung in Kenia.

Am 1. Juni ist im „Säälchen“ auf dem Holzmarkt ein Benefizkonzert mit der Sängerin Cherilyn MacNeil und der Musikerin Pilocka Krach geplant. Im Rahmen eines Workshops haben die beiden Frauen mit den Kindern des One Fine Day Music Clubs in Nairobi die Songs „Smokemachine“ und „Hands in the air“ kreiert, die nun in Berlin ihre Premiere feiern sollen.

Kaum künstlerische Förderung in Südostafrika

Entstanden ist One Fine Day inspiriert durch das Projekt einer gemeinsamen Freundin. Die Fotografin Bee Gilbert hatte nach dem Unfalltod ihres 20-jährigen Sohnes das Projekt Anno’s Africa gegründet. Die Idee: Auch Kinder in Slums sollen die Möglichkeit erhalten, ihr kreatives Potenzial so zu entwickeln, wie ihr Sohn es konnte.

Steinmann und Tykwer, die heute zweifache Eltern sind, hatten damals noch keine Kinder und auch in Afrika waren sie noch nie gewesen. Trotzdem begeisterte sie der Gedanke sofort. Also reiste das Paar nach Nairobi, wo Marie Steinmann einen Kunstkurs unterrichtete. „Als ich gesehen habe, wie Marie mit den Kindern gearbeitet hat, wusste ich: Das ist unsere Zukunft“, sagt Tom Tykwer. „Das war eine sehr starke Energie und das Gefühl, dass man sich dort wirklich nützlich machen kann.“

Die Entscheidung, sich mit Kunst und Kultur zu engagieren, statt beispielsweise Geld für medizinische Versorgung oder sauberes Trinkwasser zu sammeln, fiel dabei ganz intuitiv. „Ich war auf einer Waldorfschule. Das hat mich wahrscheinlich mehr geprägt, als mir anfangs bewusst war“, sagt Marie Steinmann und lacht. Bildungsförderung sei in Südostafrika meist wirtschaftlich ausgerichtet, glaubt Tykwer. Kreative und künstlerische Werte kämen dabei meist zu kurz. „Dabei sind das ja auch die eigenen Wurzeln. Sich damit auseinanderzusetzen bedeutet auch, sich selber und seine kulturelle Identität kennenzulernen und in diesem Punkt ein Selbstbewusstsein zu entwickeln.“

Extremer Kontrast zum Leben in Deutschland

Berufsbildung ist ganz bewusst nicht das Ziel von One Fine Day. Vielmehr gehe es um Persönlichkeitsbildung, sagt Tykwer. Während ihre eigenen Kinder in Berlin ganz selbstverständlich mit Kunst in Berührung kämen, werde das Entdecken von kreativem Potenzial dort als Luxus betrachtet.

Aber auch sonst sei der Kontrast zu ihrem Leben in Deutschland extrem. „Wenn wir aus Kenia zurückkommen, haben wir danach immer echte Anpassungsschwierigkeiten“, so Tykwer. „Wenn man vor Ort ist, wächst das Gefühl von Demut ungemein. Es wird einem sehr bewusst, wie gut es einem geht“, sagt seine Frau. „Und wenn es mir gut geht, dann teile ich das.“

Regelmäßige Kunst-, Film-, Akrobatik- und Tanzkurse für rund 1500 Kinder in mehreren Slums von Nairobi bietet One Fine Day nach zehn Jahren an. Finanziert wird das ausschließlich durch Spenden. Ende Juni reist Marie Steinmann wieder nach Afrika. Dann hoffentlich mit Geld für das Kunstzentrum im Gepäck. Der persönliche Kontakt sei ihr besonders wichtig, sagt sie, auch wenn sie und ihr Mann mittlerweile nicht mehr selbst dort unterrichten. Das Feedback der Kinder sei überwältigend: „Die Kenianer sagen, wir verändern dort die Zukunft.“

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