Doppel-Interview

"Man kann einfach nicht tricksen"

Die Schauspieler Katharina Thalbach und Louis Held sprechen mit der Berliner Morgenpost über ihre Theater-Zusammenarbeit.

Katharina Thalbach und Louis Held

Katharina Thalbach und Louis Held

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Zwei, die sich verstehen: Katharina Thalbach (63), die im Stück "Die Glasmenagerie" als Regisseurin fungiert, war auf Anhieb klar, dass sie den jungen Kollegen Louis Held (21) besetzen möchte. Im Interview sprechen die Schauspieler über ihre Liebe zum Theater, Zeitreisen und die Rente.


Berliner Morgenpost: Herr Held,
die Zusage für die Rolle des Tom Wingfield empfanden Sie als einen der glücklichsten Momente Ihrer Karriere.

Louis Held: Mit "Bibi und Tina" und Detlev Buck als Regisseur als Einstieg in die Filmbrache hatte ich einfach von Anfang an großes Glück. Nach all den Filmen wollte ich aber als Schauspieler den nächsten Schritt gehen. Ich war nicht der Schauspieler Louis Held, sondern der Junge aus "Bibi und Tina". Daher war es so toll, als Katharina meinte: "Die Rolle hat auf dich gewartet". Jetzt kann ich aus dem Vollen schöpfen, die Rolle bietet das an.

Frau Thalbach, erinnern Sie sich noch an solche Glücksmomente?

Katharina Thalbach: Einer meiner großen Momente war, als ich mit 15 Jahren die Polly in "Die Dreigroschenoper" spielen durfte, weil jemand anderes krank wurde. Louis hat da großes Glück, mit einer Rolle so bekannt geworden zu sein, das ist ihm vielleicht noch gar nicht so klar. Mir wurde das ja als Französischlehrerin mit einem anderen Kinderpaar, "Hanni und Nanni", zuteil. Man spielt sich in die Herzen der Kinder.

Herr Held, es ist das erste Mal, dass Sie Theater spielen. Was sind die markantesten Unterschiede zur Arbeit beim Film?

Held: Ich habe natürlich Respekt vor der Theaterbühne, letzten Endes vergisst man aber beim Spielen, dass man eben spielt, und so groß ist der Unterschied dann am Ende nicht. Die Herausforderung besteht darin, dass man keine Szenen wiederholen kann und durchspielen muss, es ist ein Haufen Arbeit. Die Proben sind aber toll, man kann sich lange mit der Rolle auseinandersetzen, diese Möglichkeit fehlt beim deutschen Fernsehen oft. Da wird sich schon oft beschwert, wenn man einen Take noch mal drehen möchte.

Thalbach: Und dank der verdammten HD-Technik wird dann oft gesagt "das ist unscharf" und dann muss neu gedreht werden. Ich hasse HD, es bringt nichts, außer dass Frauen auf dem Bildschirm schlechter aussehen als vorher.

Stehen Sie denn lieber auf der Bühne als vor der Kamera?

Thalbach: Ich habe von Anfang an immer beides gemacht, Film und Theater. Wenn ich wählen müsste, was ich Gott sei Dank nicht muss, würde ich das Theater wählen. Obwohl man dort wesentlich weniger verdient und es die vergänglichere Kunst ist. Aber das Leben kann man auch nicht festhalten, das macht das Theater so wahr. Man kann einfach nicht tricksen. Theater ist die Ursprungsform des Darstellens. Wenn der Kapitalismus es schafft, diesen Planeten zu zerstören, und es sieht stark danach aus, dann werden wir trotzdem immer noch einen großen flachen Stein finden, auf dem wir Theater spielen können.

Haben Sie Ihrem jungen Kollegen Theaterrituale nähergebracht?

Thalbach: Man soll nicht "Danke" sagen nach dem "toi toi toi" und nicht über die rechte, sondern über die linke Schulter spucken. Man soll nicht mit einem Hut auf die Bühne gehen, außer die Rolle verlangt es. Pfeifen auf der Bühne ist auch nicht erwünscht. Das rührt aber daher, dass es früher Gasbeleuchtung im Theater gab und man Angst vor dem Luftzug hatte. Genauso heißt es, dass man im französischen Theater kein Grün im Kostüm tragen soll. Im 17. Jahrhundert wurden Schauspieler mit vergifteten Kostümen umgebracht, daher dieser Aberglaube.

Am Stück sind Ihre Tochter Anna und Ihre Enkelin Nellie beteiligt. Stellen Sie vorher bestimmte Regeln auf?

Thalbach: Ich bestehe drauf, dass Anna mich nicht Mama und Nellie mich nicht Oma nennt, wenn wir zusammenarbeiten. Ich bin mit meiner Familie eher schneller ungeduldig, da ich sie besser kenne. Aber ich bin es gewohnt, mit Familie zu arbeiten, das war schon mit meinem Vater und meinen Geschwistern so. Bei uns war es ein bisschen wie bei Molière, etwas durcheinander.

Herr Held, könnten Sie sich vorstellen, mit Ihrer Familie zu arbeiten?

Held: Ich weiß nicht, wie es ist, mit der Familie zu drehen. Aber meine Mutter ist Fotografin und macht alle meine Bilder. Da merke ich schon, dass da schneller Spannungen entstehen, wenn man mit der Familie zusammenarbeitet.

Das Stück spielt in den 30er-Jahren. Welche Zeitreise würde Sie reizen?

Thalbach: Mich interessiert die Jungsteinzeit. Da waren die Menschen schon sesshaft, aber es gab noch keine Kriege. Die kamen erst, als Eigentum immer wichtiger wurde. Da hätte ich gerne gelebt.

Held: Ich würde gerne mal durch verschiedene Epochen springen, um zu sehen, wie es sich dort wohl gelebt hat. Ein Tag im alten Rom klingt doch interessant, vor allem für mich als Schauspieler.

Thalbach: Das wird kommen. Die großen Konzerne werden sicher irgendwann Time-Tunnel-Tourismus einrichten. Aber für viel Geld. Je nachdem, in welcher Epoche und als was du dann dort unterwegs bist.

Frau Thalbach, Sie haben sich kürzlich zum Thema Altersarmut geäußert. Ist das auch schon ein Thema für Sie, Herr Held?

Held: Ich schiebe das Thema Rente noch von mir weg, das ist vielleicht nicht so klug, aber ich bin irgendwie der Überzeugung, dass ich das schon hinbekomme.

Thalbach: Ich habe mit 22 schon an die Rente gedacht, aber da war ich ja auch schon Mutter. Und ich kam aus dem Osten in den Westen und habe dem Westen in Geldfragen nicht vertraut. Alt und arm sein wollte ich nie. Was die nächste Generation betrifft: Da ist ja gar nicht sicher, ob sie das, was sie eingezahlt hat, auch rausbekommt. Ich wäre an deren Stelle vielleicht gefährdet, mir ein Gewehr zu besorgen und bestimme Leute aus dem Weg zu räumen.

"Die Glasmenagerie"
Theater am Kurfürstendamm.
Am 14. / 15. November und am 8. / 9. Januar

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