Volksbühne

Volksbühne dient als Schauplatz für den Song "Mein Ende"

Christoph Letkowski hat der Volksbühne unter Frank Castorf mit seiner Band Von Eden ein Video-Denkmal gesetzt.

Schauspieler Christoph Letkowski

Schauspieler Christoph Letkowski

Foto: Jörg Krauthöfer

Tom Wlaschiha liegt auf dem Boden und kommt nur langsam zu sich. Auf der Nase hat er eine Wunde – die Folge eines Kampfes. Um eine Frau? Mit sich selbst? Das bleibt der Interpretation des Zuschauers überlassen. Für das neue Video seiner Band Von Eden hat Sänger Christoph Letkowski einen Tag lang mit Wlaschiha, Matthias Weidenhöfer und Susanne Bormann in der Kantine der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gedreht. Die beiden Schauspieler liefern sich einen erbitterten Boxkampf, ihre Kollegin bleibt im Hintergrund und schaut mahnend. Am Ende bleibt Wlaschiha alleine zurück. „Diese Schlacht braucht keinen Krieger“, singt Christoph Letkowski dazu.

Der Song „Mein Ende“ erzählt von einer Liebe, auf die man sich einlässt, obwohl man weiß, dass sie nicht gut ausgehen wird. Klassischer Deutschpop für Konzerte, bei denen hauptsächlich junge Frauen in der ersten Reihe stehen. Geschrieben von vier Berliner Musikern, die zu einer Band wurden, als Letkowski in seinem Hauptberuf als Schauspieler 2013 für den Film „Feuchtgebiete“ einen Song beisteuern sollte. Seine Bekanntheit durch Rollen wie in der Charlotte-Roche-Verfilmung, dem „Tatort“ oder als „Nachtschicht“-Kommissar stellt der 35-Jährige ungern in den Vordergrund, wenn es um seine Musik geht. Ganz unbedeutend ist sie jedoch nicht. Bereits für das Video zu „Sommer ist“ konnte er Jürgen Vogel, Peri Baumeister und Kida Ramadan gewinnen.

Und auch der Schauplatz seiner zweiten Regiearbeit für „Mein Ende“ ist nicht zufällig. In der Volksbühne lernten sich Letkowski und Wlaschiha vor zehn Jahren bei der Arbeit für das Stück „Frühling“ kennen. Vor knapp einem Monat stand Letkowski dort in „Die spanische Fliege“ zum letzten Mal auf der Bühne. Genau wie viele andere Schauspieler und Kulturschaffende hadert er mit dem Ende der Intendanz Frank Castorfs und dem Nachfolger Chris Dercon. „Ich denke, der größte Fehler der Politik ist, dass jetzt jemand das Haus übernimmt, der wenig Bewusstsein für die Volksbühne und ihre Geschichte hat“, sagt der Wahlberliner. „Alles, wofür die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stand, wird jetzt komplett gelöscht.“ Er selbst sei wahnsinnig stolz gewesen, als er 2007 an die Volksbühne kam. „Martin Wuttke hat einmal gesagt: Das hier ist das Theater. Ich finde, er hat da nicht Unrecht.“

Kampf zwischen Tradition und Neuanfang

Das Video kann auf einer zweiten Ebene also durchaus auch als Kampf zwischen Tradition und Neuanfang gesehen werden. Auch wenn Letkowski sagt, er habe damit „kein kulturpolitisches Fass aufmachen“ wollen. „Es ist eine Reminiszenz an die Castorf-Ära und die Anfänge von Tom und mir.“ Dass auch die aktuelle Auseinandersetzung am Ende nur eine ist, die hauptsächlich im Kopf der Beteiligten stattfindet, will er trotz aller gegenteiligen Anzeichen nicht ausschließen. „Frank Castorfs Erbe ist kein leichtes, aber Chris Dercon sollte eine Chance bekommen“, glaubt er. „Vielleicht liegt im Wandel auch eine Erkenntnis.“

Er selbst wird das in Zukunft wohl nur von außen beurteilen können. „Theater ist oft Verbrennung“, sagt Christoph Letkowski. Den erforderlichen körperlichen und zeitlichen Aufwand könne er derzeit nicht leisten. Am 11. August erscheint mit „Wir sind hier“ das Debütalbum von Von Eden. Im Anschluss geht die Band auf Tour. Um das zu realisieren hat Letkowski sogar seiner sichersten Einkommensquelle eine Absage erteilt. In der kommenden „Nachtschicht“-Episode wird seine Rolle als Kommissar Yannick Kruse von einem Kollegen gespielt. Nur vorläufig, wie er sagt. Dennoch: „Ich riskiere gerade, dass ich meinen Job verliere. Aber das ist die Verantwortung, die ich gegenüber meiner Band habe.“

Von Eden solle schließlich glaubwürdig sein. Neben dem vollen Einsatz von Letkowski und seinen Kollegen Matthias Preisinger, Philipp Rohmer und Nicolai Ziel gelte das vor allem für die Texte. „Ich habe keine Lust, nur ein Interpret zu sein“, sagt der Sänger. „Helene Fischer hat auf ihrem neuen Album vielleicht einen Song geschrieben. Das ist okay. Aber Authentizität ist mir wichtig.“ Diese Einstellung sei im deutschen Mainstreampop eine Seltenheit – „und man braucht einen langen Atem.“

Um unabhängig von einem Majorlabel zu bleiben hat die Band ihr Debüt mithilfe ihrer Fans durch Crowdfunding realisiert. „Ich bin an einem Punkt, wo ich autark bin“, sagt Christoph Letkowski. Bisher ist das Konzept aufgegangen – auch weil alle Bandmitglieder nebenbei noch andere Jobs haben. Christoph Letkowski dreht derzeit in München einen Dreiteiler fürs ZDF. Sein persönlicher Kampf ist noch nicht zu Ende.

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