Berliner Spaziergang

Der Mann hinter dem Rampenlicht im Friedrichstadt-Palast

Berndt Schmidt ist der Intendant des Friedrichstadt-Palastes. Ein Spaziergang mit dem Mann, dessen Show "The One" für Furore sorgt.

Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palastes

Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palastes

Foto: Krauthoefer

Manchmal bekommt ein lange zurückliegender kleiner Moment erst viele Jahre später Bedeutung. Berndt Schmidt steht an der lärmenden Friedrichstraße in Höhe des Bahnhofs und erinnert sich plötzlich daran, wie er vor 33 Jahren hier entlanglief. Bei einer dieser typischen Klassenfahrten in den 80er-Jahren. Aus Baden-Württemberg in die geteilte Stadt tief im Osten, in der vieles noch aussah und roch wie kurz nach dem Krieg. Natürlich gehörte auch ein Tagesausflug nach Ost-Berlin dazu. Wobei sich die Eindrücke der westdeutschen Schüler vom Osten meist auf einen langen, ermüdenden Besuch im Pergamonmuseum und ein paar Minuten auf dem Alexanderplatz beschränkten.

„Dort müssen wir rausgekommen sein“, sagt Schmidt und zeigt auf einen der Ausgänge des Bahnhofs gegenüber dem Tränenpalast. „Und dann bin ich hier vorbeigekommen.“ Er zeigt auf den Admiralspalast, vor dem wir stehen. Wir nehmen nun seinen Weg von damals. An der Weidendammer Brücke stoppt er. Ist er vor 33 Jahren auch hier stehen geblieben – etwa um einen Blick auf den alten Friedrichstadt-Palast zu werfen? Der stand nämlich damals noch neben dem Berliner Ensemble gleich hinter der Brücke. Oder hat der neue Friedrichstadt-Palast seine Neugier auf sich gezogen, der heute für ihn so wichtig ist? Er war damals gerade im Bau, ein Stück weiter die Friedrichstraße hinab.

Schmidt überlegt. Es scheint, als würde er diesen Tag im Jahr 1983 gern noch mal einfangen. Noch einmal der 19-jährige Schüler aus Graben-Neudorf in Baden-Württemberg sein – für einen Moment. Um zu wissen, was er damals dachte, sah und empfand. „Ich war so nah dran“, sagt er. Heute ist er drin. Er leitet nun das Haus, das er als Schüler in Gestalt einer riesigen Baustelle sah. Seit neun Jahren ist er Intendant des Friedrichstadt-Palastes. Dass das Revuetheater mittlerweile so erfolgreich dasteht, hat sich in seiner Amtszeit entwickelt.

„Ich bin nicht der Typ, der in jede Kamera hineinspringt“

Die aktuelle Revue „The One“, für die der französische Stardesigner Jean Paul Gaultier die Kostüme entworfen hat, feierte sogar die „New York Times“. Wie hat Berndt Schmidt das geschafft? „Mit ein bisschen Glück“, sagt er lächelnd. Schmidt ist kein Mann überschwänglicher Worte, er zeigt lieber Zurückhaltung. Sich auf dem roten Teppich neben die Stars zu stellen, das ist nicht seins. „Ich bin nicht der Typ, der in jede Kamera hineinspringt.“ Er bezeichnet sich als jemand, der gern alleine sei, schon „fast so einzelgängerisch“. Er lebt in Schöneberg, mittlerweile als Single, seine Frau und er hätten sich getrennt, aber man sei noch sehr gut befreundet. Und doch spürt man hinter dieser Reserviertheit Schmidts eine Akribie, eine Lust und Neugier auf Arbeit, ein Sich-reinknien-Wollen.

Dazu später mehr. Drehen wir die Uhr doch mal eine halbe Stunde zurück. Zu dem Moment, als unser Spaziergang begann. Der Bühneneingang des Friedrichstadt-Palastes in der Kalkscheunenstraße ist unser Treffpunkt. Schmidt hat sich gut für diesen unentschlossenen, grauen Herbsttag präpariert: ein schicker orangefarbener Anorak und schwarze Hosen, dazu ein Schirm, falls es doch regnen sollte. Trotz der grauen Haare sieht er jünger aus als die 52 Jahre, die er zählt.

Merkwürdigerweise drehen sich die ersten Sätze dieser Begegnung nicht um Tanz und Mode, sondern um den Zweiten Weltkrieg. Schmidt zeigt auf die Johannisstraße und erzählt: „Hier haben sich 1945 nach einem Aufruf von Goebbels alle noch wehrfähigen Männer für den Endkampf um Berlin gemeldet.“ Ein Stück weiter in der Ziegelstraße entdecken wir Einschusslöcher an einem roten Klinkerbau, Spuren der letzten Kämpfe. „Der DDR ist es zu verdanken, dass hier nichts gemacht wurde. Das kann man schlecht finden, aber jetzt ist es auch wieder gut. Weil man noch viel Altes sieht. Das wäre sonst alles wegmodernisiert worden.“

Schmidt erzählt von seinem Großvater, der ein überzeugter Nazi, ein ranghoher SS-Mann war. Und sein Vater war für eine nationalsozialistische Eliteschule vorgesehen. Aber dann fiel der Großvater in der Ukraine. In dem Schreiben, das die Familie erhielt, hieß es, er sei von Partisanen erschossen wurden. Den Vater prägte diese Erfahrung, er wurde zum überzeugten Anti-Nazi. Und er griff ein, als sein Sohn auf einmal mehr und mehr Begeisterung für das Dritte Reich zeigte. „Dank meines Vaters ist diese Faszination in die richtigen Bahnen gelenkt worden. Er hat mir den richtigen Blick auf die Zeit gegeben“, sagt Schmidt.

„Die Vergangenheit hat mich geprägt“

Vergangenheit, Gegenwart – er sei eigentlich kein Mensch, der im Gestern, sondern wirklich einer, der im Heute lebe. „Aber die Vergangenheit hat mich geprägt. Ich habe immer gewusst, dass man ist, wie man ist, durch das, was war.“ Dieses Credo passt zu seiner Arbeit im Friedrichstadt-Palast. Nicht in der Vergangenheit leben, aber sie auch nicht verbannen. Sie mitspielen lassen auf der Bühne der Gegenwart. Max Reinhardt, das Regie-Genie, das wie an so vielen Berliner Bühnen auch im Vorgängerhaus unweit der Friedrichstraße gewirkt hatte, als es Großes Schauspielhaus hieß. „Es ist mir wichtig zu zeigen, dass die Geschichte unseres Hauses nicht eben 1984 oder 1947 begonnen hat, sondern viel früher, am 27. November 1919, als das Große Schauspielhaus eröffnet wurde.“

Wir erreichen jetzt die Straße Am Zirkus, wo dieses Theater einst stand. Man muss schon sehr viel Fantasie haben, um den wuchtigen Neubau, ein Hotel, mit Reinhardt zu verbinden. Die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die DDR hatte der Vorgängerbau überlebt, bis er 1980 über Nacht schließen musste. Bauexperten hatten festgestellt, dass die Eichenstämme, auf denen das Gebäude im märkischen Sumpf stand, vor sich hin faulten. Schuld war, so Schmidt, der Neubau der Charité, der das Fundamentholz aus dem Wasser im Boden gedrückt hatte. 1986 wurde er abgerissen, da hatten sich die Revue-Besucher schon an das frische Gebäude in der Friedrichstraße gewöhnt. Doch hier am Zirkus blieb erst mal eine Brache. Erst vor ein paar Jahren wurde das Hotel gebaut. Im Schlamm der Baugrube fanden sich noch alte Bühnenmaschinen aus der Reinhardt-Zeit. „Die Bauarbeiter wollten sie schon wegschmeißen, wir haben sie dann aber geholt. Jetzt stehen sie bei uns im Foyer. Nur einen Meter über diesen Maschinen stand Marlene Dietrich damals noch als einfaches Revuegirl auf der Bühne.“

Die Revue war extrem modern

Gerade an diese Zeit wollte er anknüpfen, ohne sie zu kopieren. Wichtig war für ihn die Frage, was die Leute damals bewog, ins Theater zu gehen. Die Frauen, sagt er, wollten sich von der Mode inspirieren lassen, die auf der Bühne getragen wurde. Und die Männer begeisterten sich an der Technik. Die Revue war extrem modern. Genau da wollte er als Intendant wieder hin. „Ich habe gesagt, wenn wir eine Zukunft haben wollen, müssen wir im 21. Jahrhundert ankommen. Das heißt: modernes Licht, moderne Kostüme, moderne Tanzsprache und Themen, die in der Gegenwart spielen.“

Aber warum hat er sich überhaupt auf die schwierige Aufgabe eingelassen? Schmidt war bei der Stage Entertainment angestellt und Geschäftsführer zweier Theater in Stuttgart, als er am 2 . Oktober 2007 von Kulturstaatssekretär André Schmitz angerufen wurde. Schmidt war ihm empfohlen worden. Ob er nach Berlin kommen wolle, an den Friedrichstadt-Palast. „Ich war beeindruckt von der Aufgabe, die vor mir stand, weil ich das eigentlich noch nie gemacht hatte. Ein Rezept hatte ich nicht. Aber ich glaubte, wenn ich mich damit beschäftigte, es schaffen zu können.“

Nach dem Anruf aus Berlin ging alles ganz schnell

Es folgten die vielleicht rasendsten Intendantenvertragsverhandlungen der Berliner Kulturgeschichte. Vier Wochen nach Schmitz’ Anruf hatte Schmidt seinen ersten Arbeitstag im Friedrichstadt-Palast. Die Situation bei seinem Amtsantritt war alles andere als anspornend. „Die Verluste waren das Schlimme, jedes Jahr über vier Millionen Euro. Die Rücklagen, die wir noch hatten, waren bald aufgezehrt.“ Der Senat schoss einen Dreieinhalb-Millionen-Euro-Kredit zu, der mittlerweile fast abbezahlt ist. Aber auch wenn der Friedrichstadt-Palast heute gut dasteht, ein Programm hat, das weit über Berlin hinaus Resonanz findet, ist jede Show ein Risiko.

Anders als im Theater, das zu jeder Spielzeit mit neuen Produktionen aufwarten kann, gibt es im Friedrichstadt-Palast nur eine Show. Die Vorbereitungen dauern zwei, manchmal drei Jahre. Wenn das Stück rauskommt, drücken alle die Daumen, dass es gut läuft, über zwei Jahre lang. 1899 Plätze hat der Friedrichstadt-Palast, die müssen erst mal Tag für Tag besetzt werden. „Im Sommer waren wir fast bei null auf dem Konto, weil alles Geld in die neue Show floss, die im Herbst Premiere hatte.“

Merkel kam nur zur Berlinale

Wir laufen nun gegenüber der Museumsinsel Am Kupfergraben entlang. Passieren das Haus, in dem die Kanzlerin wohnt. Sie sei leider nur zur Berlinale in sein Haus gekommen, seufzt Schmidt. „Wahrscheinlich denkt sie, der Friedrichstadt-Palast ist zu seicht. Damit gehört sie aber zu einer bedauernswerten Spezies der Deutschen, die nicht wissen, was für tolle Sachen wir machen.“

Ein Stückchen weiter bleiben wir vor dem Magnus-Haus, benannt nach dem Physiker Heinrich Gustav Magnus, der in dem klassizistisch-barocken gelben Bau lebte und arbeitete. Wir interessieren uns aber für zwei andere Mieter, die dort von 1911 bis 1921 lebten: Max Reinhardt und sein jüngerer Bruder Edmund. Letzterer wohnte unten in der ersten Etage und er hat, erzählt Schmidt, eigentlich die Arbeit des großen Bruders, der über ihm seine Zimmer hatte, erst möglich gemacht. „Edmund hat die Gelder besorgt, er war in Berlin sehr gut vernetzt.“ Denn die Reinhardts wirkten ja nicht nur am Großen Schauspielhaus, sondern auch an den Kudamm-Bühnen, am Deutschen Theater und vielen anderen Theatern in Berlin.

Schmidt will die internationale Bekanntheit steigern

Außer mit Max Reinhardt hat sich Schmidt auch mit anderen Vorgängern beschäftigt. Auch mit denen, die das „Theater des Volkes“, wie es unter den braunen Machthabern hieß, leiteten. Als er erfuhr, dass es im Bundesarchiv noch Akten aus dieser Zeit gab, schickte er einen Mitarbeiter hin, um Kopien zu machen. Schmidt las dort von einem Intendanten, der abgesetzt wurde, weil er Sado­maso-Beziehungen mit mehreren Frauen gehabt haben soll. Danach kam ein Regimetreuer auf den Posten, der in den letzten Kriegstagen noch von einem anderen Mitarbeiter angeschwärzt wurde, weil er sein Reichsmarkguthaben in Fremdwährung getauscht haben soll.

Auch diese Episoden gehören zur Geschichte des Friedrichstadt-Palastes – auch sie will Schmidt erfahren. Auch wenn er es eher mit dem Heute hat. Und mit dem Morgen – denn er will noch einiges bewegen. „Ich würde mir wünschen, die internationale Bekanntheit zu steigern. 15 Prozent unserer Zuschauer kommen aus dem Ausland, aber im Moulin Rouge in Paris sind es 70 Prozent.“ Und wer folgt Thierry Mugler und Gaultier als nächster namhafter Designer ?

Schmidt sagt, er möchte kein Kostümdesigner-Wettrüsten. Deshalb will er andere Schwerpunkte setzen. „Natürlich müssen Größen her. Aber die können ja auch mal von der musikalischen oder artistischen Seite kommen.“ Sein Vertrag läuft noch bis 2019. Wird er am Friedrichstadt-Palast bleiben? „Ich würde mich freuen, weiterzumachen. Ich finde die Aufgabe traumhaft.“ Aber: „Ich will auch, dass die Leute sagen, ich würde es verdienen.“ Ob die Leute das über ihn sagen, ist nicht schwer zu erfahren – das Plebiszit findet Abend für Abend statt.

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