Zweites Soloalbum

Seeed-Frontmann Dellé zwischen Reggae und Reihenhaus

Frank Allessa Dellé von Seeed veröffentlicht sein zweites Soloalbum. Doch so prominent wie Peter Fox möchte der Berliner nicht werden

Berlin - Musiker Frank Allessa Dellé alias Eased von Seed

Berlin - Musiker Frank Allessa Dellé alias Eased von Seed

Foto: Krauthoefer

Berlin, Ghana, Schwarzwald – das sind die Stationen im Leben von Frank Allessa Dellé. Der Seeed-Frontmann trägt sowohl sein Geburtsland als auch die Heimat seines Vaters im Namen. Nach „Before I Grow Old“ hat der 46-Jährige jetzt sein zweites Soloalbum „Neo“ veröffentlicht. Ein Gespräch über das Leben zwischen zwei Kulturen, Klischees und gute Nachbarschaft.

Was ist in den vergangenen sieben Jahren seit Ihrem Solo-Debütalbum passiert?

Frank Allessa Dellé: Da war vor allem ganz viel Seeed. 2012 ist nach sieben Jahren Pause, wo wir alle Soloprojekte gemacht haben, das Album „Seeed“ rausgekommen, und wir sind in Frankreich und Südamerika getourt. In der Solozeit haben wir alle Energie geschöpft und hatten voll Bock wieder loszuziehen. Nicht nur in Deutschland, sondern da, wo man Seeed noch nicht kannte. Für mich war das besonders reizvoll, in Deutschland wusste ich gar nicht mehr, ob die Leute kommen, weil es toll ist oder weil es Kult ist.

Wie waren die Reaktion im Ausland?

Wenn ich im Ausland spiele, haben wir als deutsche Reggae-Band erst mal einen Nachteil, weil alle denken: Die Deutschen können gut Autos bauen, aber nicht Reggae machen. Das können die sich immer nicht vorstellen. Aber die Reaktion ist dann toll, weil die Musik Bombe ist.

Mögen Sie es, gegen Stereotypen anzuspielen?

Menschen brauchen Klischees, als Eckpfeiler im Leben, so sind wir Menschen halt. Ein Afrikaner mit bayerischem Akzent überrascht erst mal. Klischees zu brechen, war aber immer schon etwas, was mir im Leben gefallen hat.

Privat sind Sie seit dem letzten Album Vater geworden und haben ein Haus gebaut.

Eine überlebte Katastrophe macht stark (lacht). Das war eine völlig neue Erfahrung, wenn der Bauherr bankrott geht. Das hat meine Frau und mich zusammengeschweißt. Und jetzt wohnen wir in einer schönen Siedlung, oder wie man heute sagt: Town Houses. Dort geht es zu wie in einer Soap, da könnte man eine schöne Serie darüber drehen.

Sie wohnen in einem Reihenhaus? Sind Sie dort als Nachbar so beliebt wie Jérôme Boateng?

Ja, denn ich mähe meinen Rasen (lacht). Das hält man zwar typischerweise für deutsch, aber die Klischees passen nicht immer. Ich fahre zum Beispiel nicht nach Jamaika, um ein Reggae-Album aufzunehmen, sondern setze mich an meinen Schreibtisch und muss das dort abarbeiten. Es gibt viele Afrikaner, die genauso diszipliniert sind wie ich, und viele Deutsche, die das überhaupt nicht sind.

Was würde Sie als „afrikanische“ Eigenschaft an sich bezeichnen? Die gute Laune?

Das denkt man, doch dort sind ja viele schlecht gelaunt. Das ist positiver Rassismus. Genauso wenig haben Afrikaner Rhythmus im Blut. Mein Vater konnte keinen geraden Ton singen. Wenn man hingegen DSDS sieht und kleine blonde Mädels wie Whitney Houston singen, beweist das doch, dass die Vorurteile gar nicht stimmen.

Haben Sie Rassismus erlebt?

Ich hatte immer Glück, eigentlich habe ich nie Rassismus erlebt. Wenn ich als Teenager zusammengeschlagen worden wäre, dann würde ich heute bestimmt nicht mehr so strahlen, dann wäre ich einfach kaputt. Ich habe auch immer die Wohnung bekommen, die ich wollte, obwohl ich schwarz bin. Auch mit den Eltern meiner Freundinnen bin ich immer gut klar gekommen.

Ein anderes Klischee besagt, dass Künstler eine harte Kindheit kompensieren müssen?

Ich frage mich oft: Welches Drama habe ich eigentlich zu erzählen? Aber ich muss eben meine Geschichte erzählen, und die ist eine gute. Mein Vater kam aus Ghana nach Berlin und hat hier Medizin studiert. Ich bin zwar in Berlin geboren, aber wir sind dann in den Schwarzwald gezogen, weil wir nicht in der Stadt groß werden sollten, und von sechs bis zwölf war ich dann in Ghana.

Wie war das?

Super! Mein Vater hat dort im Krankenhaus gearbeitet, und alle waren stolz auf ihn. In Afrika kann man den sozialen Aufstieg nicht wie in Amerika über Musik oder Sport schaffen, sondern nur über ein Studium. Daher haben alle darauf gepocht, dass ich später einen Abschluss mache.

Sie sollten also etwas Vernünftiges lernen?

Und der Druck dazu kam vielmehr aus Ghana als aus Deutschland. Ich habe in Babelsberg dann acht Jahre Toningenieur studiert. „Ingenieur“ war wichtig (lacht). Seeed lief parallel, und 2001 gingen wir auf die erste Tour. Das war ein langer, langer Weg bis zum Erfolg.

Kommen Sie mit dem Ruhm gut klar?

Wir haben immer Seeed vermarktet und keine Personen. Ich werde zwar schon auf der Straße angesprochen, aber ich bin keine öffentliche Person. Das musste Pierre hingegen erfahren mit seinem Erfolg von Peter Fox.

Wünschen Sie sich als Solokünstler einen ähnlichen Erfolg?

Es würde mich freuen, wenn die Leute meine Musik hören, aber den ganzen Wirbel um meine Person brauche ich nicht. Bei Seeed kann ich meinen Anzug anziehen und auf die Bühne gehen. Danach kann ich den Anzug aber auch wieder ausziehen, mir auf dem Festival die nächste Band ansehen, und die Leute glauben nicht, dass ich das bin. Es ist eine tolle Konstellation, weil Seeed die Band ist, mit der ich alt werden möchte, aber ich auch meine Sachen machen kann.