Krawattenkönig

Der Gentleman-Macher von Berlin

Mit Edsor Kronen mussten er 2014 Insolvenz anmelden. Jetzt ist Jan-Henrik M. Scheper-Stuke mit dem neuen Label Auerbach zurück.

Jan-Henrik M. Scheper-Stuke im Auerbach-Pop-up-Store in den Hackeschen Höfen

Jan-Henrik M. Scheper-Stuke im Auerbach-Pop-up-Store in den Hackeschen Höfen

Foto: Joerg Krauthoefer

Für seine Begrüßungsrede steigt Jan-Henrik M. Scheper-Stuke auf einen Tisch. Dabei kollidiert er beinahe mit einer chinesischen Deckenleuchte. Um ihn herum drängen sich rund 250 Gäste zwischen chinesischen Vasen, Paravans und Skulpturen. „Günther H. Stelly bittet anlässlich des 34. Geburtstages seines Geschäftsführers zur Soirée in seine private chinesische Kunstsammlung“, hatte es auf der Einladung geheißen.

Kabarettistin Désirée Nick, KPM-Chef Jörg Woltmann, Casting Director Rolf Scheider, Moderator Ralph Morgenstern und eine Mischung aus West-Berliner Society und jungen Mitte-Hipstern ist in die herrschaftliche Wohnung nach Westend gekommen. Dresscode: Tenue Foncée.

Den gleichen Kontrast verkörpern auch Stelly und Scheper-Stuke. Der 75-jährige Grandseigneur und der 34-jährige Dandy, Borchardt und Berghain, Tradition und Moderne. Der eine Inhaber und Designer, der andere Geschäftsführer von Auerbach Berlin. Ihr Produkt: Krawatten, Schleifen, Schals, Tücher, Kummerbunde, Hausmäntel und weitere Accessoires, von Hand gefertigt in der gläsernen Manufaktur in den Hackeschen Höfen.

Insolvenz im September 2014

„Im vergangen Jahr hatten wir aus gegebenem Anlass nichts zu feiern“, sagt Scheper-Stuke. „Dieses Mal dafür um so mehr.“ Im September 2014 mussten die beiden mit ihrem einstigen Unternehmen Edsor Kronen nach Ärger mit einem Schweizer Investor Insolvenz anmelden. Stelly hatte die 1909 gegründete Krawattenmanufaktur 1982 von seinem Vater übernommen. 2010 steig sein Patensohn in das Familienunternehmen mit ein. Das Ergebnis einer geschäftlichen Fehlenscheidung machte vor allem Stelly zu schaffen. Doch knapp ein Jahr nach der Gründung steht das neue Label Auerbach mit zwei Shops in Mitte, einem an der Schlüterstraße, einem in den Galeries Lafayette und Kunden wie Joachim Gauck, Sigmar Gabriel, Peter Altmaier, Joko Winterscheidt und Jan Hofer fast besser da als zuvor. Zur Eröffnung hielt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller eine Rede.

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Als Scheper-Stuke bei Edsor Kronen einstieg, reformierte er die Marke radikal. Sein Onkel verfügte zwar durchaus über beste Kontakte in der West-Berliner Gesellschaft, hielt sich in der Öffentlichkeit jedoch stets zurück. Sein Patensohn setzte von Anfang an auf den Jan-Henrik-Faktor. Heute stehen beide im Mittelpunkt der eigenen Marketingkampagne. Auf diese Weise bediene man einen Kundenstamm „von 19 bis scheintot“, wie es Scheper-Stuke ausdrückt.

500 Namen umfasste die Gästeliste zu seinem Geburtstag. Natürlich sei nicht jeder davon ein Freund, aber doch wenigstens ein Bekannter. Er sei eben ein guter Netzwerker, sagt Scheper-Stuke. In einem Beitrag des TV-Magazins „Polylux“ sei er einmal mit dem Unternehmer Carsten Maschmeyer verglichen worden. Der sende einem neuen Kontakt nach dem Tausch der Visitenkarten immer eine handschriftliche Karte und dazu ein Buch. Er selbst schicke einer schönen Frau schon mal Blumen, um in Erinnerung zu bleiben.

1400 Facebook-Freunde

Auf seiner privaten Facebook-Seite hat Scheper-Stuke fast 1400 Freunde, seine offizielle Facebook-Seite haben über 3600 Menschen mit „Gefällt mir“ markiert. Am Ende des Jahres werde nach wichtigen und unwichtigen Kontakten sortiert. Auserwählte bekämen dann eine Einladung zu seiner Geburtstagsparty im privaten Rahmen. Doch so ganz privat ist Scheper-Stuke selten. Für das Fest hat er eine Fotografin gebucht, am Tag danach werden Zeitungen darüber berichten. An mehreren Abenden ist er jede Woche in Berlin auf Empfängen unterwegs. Seitdem er mit der n-tv-Sendung „Premium Lounge“ auch im Fernsehen präsent ist, bestünden zahlreiche Kunden bei einem Besuch in der Manufaktur geradezu darauf, auch einen Blick auf den “Krawattenkönig“ werfen zu dürfen. „Viele Menschen sind sehr distanzlos“, sagt er.

Nach dem Neustart mit Auerbach habe er zunächst versucht, die Verbindung zwischen der Marke und seinem Gesicht zu lockern, da sei es jedoch schon zu spät gewesen. Mit dem JHMSS-Pappaufsteller vor der Tür fängt man Kunden. „Ich lasse die Menschen sehr nah an mich heran“, sagt Scheper-Stuke. Das sei manchmal anstrengend. Zu seinen wirklich engen Freunden zähle er deshalb höchstens eine Hand voll Menschen. „Mehr würde mich belasten, weil ich ständig das Gefühl hätte, ich müsste sie auch bespielen.“

Seinen besten Freund Jens Urbaniak, Gründer des Start-ups Go Butler, kenne er noch aus Internatszeiten. Von der elften Klasse bis zum Abitur besuchte Scheper-Stuke das Eliteinternat Louisenlund in Schleswig-Holstein. Die Schirmherrin der Schule, Marie Alix Herzogin zu Schleswig-Holstein, werde dort mit „Hoheit“ angesprochen, man lerne Konversation, Umgangsformen und Gesellschaftstanz. „Das merkt man mir auch an. Im ganzen Habitus ist das Internat einfach nicht aus mir rauszukriegen“, sagt er.

„Meine Eltern sind sehr korrekte Leute“

Beste Voraussetzungen also, ein Unternehmen zu führen, das aus dem einstigen Hoflieferanten von Kaiser Wilhelm II. hervorgegangen ist und Accessoires vertreibt, die aus einem Mann einen Gentleman machen. Doch so schnell ist die Geschichte nicht erzählt. Nach der Schule absolvierte Scheper-Stuke zunächst eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Kreissparkasse Grafschaft Diepholz in der Nähe seiner Heimatstadt Lohne und ließ sich an der Sparkassenakademie zum Sparkassenbetriebswirt ausbilden.

Nebenbei engagierte er sich als Landespressesprecher der Jungen Union Niedersachsen, bevor er 2005 zum Jurastudium an der Humboldt-Universität nach Berlin ging. Der Vater habe sich immer einen Sohn gewünscht, der die Firma übernimmt, einen Arzt und einen Rechtsanwalt. Fast alles habe er bekommen: Nach dem ersten Staatsexamen schmiss Scheper-Stuke das Studium.

„Meine Eltern sind sehr korrekte Leute“, sagt er. Als sich Mutter und Vater nicht auf eine Namen für ihren Jüngsten einigen konnten, wurde es Jan Bernd Henrik Maria. Die Mutter nannte ihn Jan, der Vater Bernd, heute sei es andersherum. Wenn sie ihm schrieben, beginne der Text stets mit „Lieber Jan Bernd Henrik …“ Aufgewachsen ist Scheper-Stuke mit zwei beinahe 20 Jahre älteren Brüdern auf einem Bauernhof. Die Eltern führten ein Viehhandels- und Schlachtunternehmen. Als Kind habe er den Stall ausmisten und Gatter reparieren müssen. Nicht, weil dafür kein Personal da gewesen sei, sondern weil der Vater ihm zeigen wollte, was Arbeit bedeutet. „Ich hatte eine strenge Erziehung, mein Vater hat dafür gesorgt, dass wir den Wohlstand, den wir hatten, zu schätzen wissen“, so Scheper-Stuke.

“Mamá“, deren bester Freund aus Schulzeiten Günther Stelly ist, ist zum Geburtstag ihre Sohnes angereist. Dort wird mit einer Badewanne voller Champagner, Lachs von Rogacki und Currywurst aus KPM-Schalen gefeiert. Nur einmal sei bei diesen Partys etwas zu Bruch gegangen, als die Frau des russischen Botschafters in einen Paravan stolperte, erzählt Scheper-Stuke. Glücklicherweise sei Stelly aber gut versichert und das kostbare Stück mittlerweile restauriert.