Natalia Wörner - Ein Gespräch über Männer, Wünsche und Berlin

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Natalia Wörner.

Natalia Woerner, Schauspielerin, am Haus der Berliner Festspiele. Hier mit ihrer Mischlings-Huendin Fala

Natalia Woerner, Schauspielerin, am Haus der Berliner Festspiele. Hier mit ihrer Mischlings-Huendin Fala

Foto: Amin Akhtar

Männer! Natalia Wörner bringt das Thema selbst auf. Sie stellt mir nämlich die Frage: „Warum haben Männer Angst vor bestimmten Frauen?“ Voraus geht ein Rollenwechsel. Sie, die bekannte Schauspielerin, soll die Journalistin geben, ich, der Redakteur, plötzlich die Schauspielerin. Der Grund ist, dass sie selbst einmal mit dem Job als Reporterin geliebäugelt hatte – „war eine echte Überlegung“. Also, was würde sie sich selbst fragen?

Männer haben Angst

Und nun? Muss ich jetzt antworten? Ich bin ja eigentlich sie, aber auch ein Spielverderber. Also frage ich, schließlich muss ich ja die Geschichte schreiben: „Haben Männer Angst vor Ihnen?“ – „In der Regel schon. Wenn man so zwischen Angst und Bewunderung wahrgenommen wird, dann wissen sie nicht, wie sie sich da platzieren sollen.“ – „Hat das mit Härte zu tun?“ – „Nein, mit Stärke.“ Gut. Als Mann bin ich nun gewappnet oder sagen wir: informiert, was mich von meinem Gegenüber erwartet im weiteren Verlauf unseres Spaziergangs.

Die Schauspielerin Natalia Wörner – eine der beeindruckendsten in Deutschland. Vor allem durch die Vielfalt ihrer Möglichkeiten. Sie kann die kühle Ermittlerin in der Krimiserie „Unter anderen Umständen“ geben wie auch das laszive Prachtweib in „Die Kirche bleibt im Dorf“. Eine fellinihafte Figur in einer schwäbischen Heimatkomödie.

Aber sie kann auch die verhärmte, überforderte Frau zeigen, wie in der Titelrolle von „Die Mutter des Mörders“. Ein bis in die kleinste Rolle gut besetztes Drama, das am 14. September im ZDF läuft. Aber dazu später mehr.

Treffpunkt: Haus der Berliner-Festspiele

Als Treffpunkt hatte sie das Haus der Berliner Festspiele in der Wilmersdorfer Schaperstraße ausgesucht. Sie war in Begleitung gekommen. Eine große, schwarze Hündin, die auf den Namen Fala hört. Ein indianischer Name, erklärt Natalia Wörner, und bedeutet „Schwarze Krähe“. Es ist eine Mischung aus Dogge, Labrador und Schäferhund.

Nun baut der Fotograf gerade sein Equipment auf. Bevor sie Schauspielerin wurde, war Natalia Wörner schon oft fotografiert worden, weil sie als Model arbeitete. Sie war also an die Kamera gewöhnt, mochte sie sie auch? „Als ich als Schauspielerin angefangen habe, mochte ich es nicht. Es war noch zu nah an dem Job, den ich früher gemacht habe, den ich ja nie als Beruf begriffen habe. Das Modeln war nie so richtig meins. Ich finde es manchmal ein ganz schönes Spiel mit der Kamera. Es ist auch ein Dialog. Aber natürlich ist eine bewegte Kamera, die das Leben mit einfängt und einen abholt in der Emotion, die aufregendere Variante.“

Fala wird jetzt von ihr liebkost und ich frage Natalia Wörner, welches Tier sie denn am liebsten wäre? „Ein Reh. Ich kann mich gut in den Wald zurückziehen, aber komme auch gern mal wieder auf eine Lichtung.“

Auf ein Eis am Ludwigkirchplatz – mit Zitronen-Geschmack

Nun, der Wald ist fern, wir laufen über Asphalt, und Natalia Wörner erklärt mir ihr Wilmersdorf. Im „Weyers“ am Ludwigkirchplatz kann man sie um acht beim Morgencafé treffen, gegenüber ist eine „fantastische“ Eisdiele. Frau Wörners bevorzugte Geschmacksrichtung? „Zitrone.“ Und abends? Da gibt es einen Italiener in der Pariser Straße, „Freni e Frizioni“, wo sie sich Salat auf weißen Bohnen und Tintenfisch auftischen lässt.

Seit 15 Jahren lebt Natalia Wörner in Berlin. „Ich empfinde eine große Freiheit hier. Eine Freiheit des sich Bewegens, des Denkens, des sich Austauschens – eine nichtkonventionelle Form, mit dem umzugehen, was das Leben ist.“

Vor kurzem hat sie ein Buch mit biografisch geprägtem Inhalt veröffentlicht. „Heimat-Lust“ heißt es und handelt in großen Teilen von Schwaben, dem Landstrich, aus dem sie kommt, die gebürtige Stuttgarterin. Es gibt dort einen schönen Satz ihres Vaters: „Freiheit ist, wo das Lachen ist.“

Berlin ist neugierig

„Lachen“, sagt sie, „das kann ich in Berlin total. Ich mag auch den Humor, die Art wie die Leute in Kontakt kommen.“ Die Tonalität sei zum Teil schwierig und ruppig. „Aber die Direktheit, die Unverblümtheit, die Neugierde auf einen anderen Menschen, dieses nicht nur Wertende, sondern erst mal zu gucken: Wer ist denn das? Das finde ich toll.“

Sie war zuerst nach Mitte gezogen. Während eines Weihnachtsfests beschlich sie das Gefühl, in einer Kulisse zu wohnen. Sie war die einzige, die in dem Haus, in dem sie lebte, feierte, alle anderen hatten die Stadt verlassen. „Ich brauche gewachsene Strukturen. Orte, an denen es eine Tradition gibt, die mir entspricht. Und eine Unaufgeregtheit. Mitte ist mir zu viel Turnschuh, zu viel Techno.“

Also Wilmersdorf. Sucht sie hier vielleicht auch nach einem Stück ihrer früheren Heimat? Nein. „Ich bin hier jetzt auf eine Art und Weise angekommen, die mit der Erinnerung an das, was die schwäbische Kindheit war, nichts zu tun hat. Hier zu suchen, was dort ist, ist gar nicht mein Ansatz. Es gibt für mich Berlin-Stationen, die nach 15 Jahren auch ein Stück Biografie und Geschichte geworden sind. Die ich verbinde mit bestimmten Lebensphasen oder Menschen.“

Und dennoch meint sie jetzt: „Wir können ja mal kurz im Schwabenland einkehren. Was trinken und essen. Ich hab total Durst.“ Das Schwabenland heißt in dem Fall „Alpenstueckle“, bietet aber trotzdem schwäbische Küche.

Botschafterin der Kindernothilfe

Und nun sitzen wir bei Rhabarber- (sie) und Apfelsaftschorle (ich) dort und reden über das, was Deutschland momentan beschäftigt: die Flüchtlinge. Natalia Wörner war nämlich gerade im Libanon, als Botschafterin der Kindernothilfe und als Patin der ARD-Themenwoche, die im Oktober unter dem Motto „Heimat“ steht.

Sie hat dort Kinder gesehen, „schwer traumatisiert, sie kommen aus dem Krieg, haben Giftgasangriffe überlebt“. Um einigermaßen zu verarbeiten, was passiert ist, werden sie von Psychologen begleitet. Drei Monate lang. Danach sollen sie, wenn sie es können, wieder zur Schule gehen. „Diese Kinder“, sagt Natalia Wörner, „sind in einem sehr fragilen Zustand, aber sie wollen lachen und reden.“

Es war interessant für sie zu sehen, wie ein anderes Land das Flüchtlingsproblem bewältigt. Im Libanon kommen auf sechs Millionen Einwohner geschätzte zwei Millionen Flüchtlinge. Und trotzdem: „Keine der Familien dort wurde je mit einem Brandsatz begrüßt. Und die Libanesen haben bei dem wenigen, was sie haben, kein Problem zu teilen. Sie tun es einfach.“

Überhaupt die Helfer. „Es sind so unglaublich beeindruckende Menschen, die sich in den NGOs engagieren. Wie viel Leidenschaft und Güte sie antreibt.“ Stoff für einen Film. Sie überlegt, eine Geschichte zu erzählen, die sich im Rahmen so einer Entwicklungsarbeit abspielt.

Geschenk eines zweiten Lebens

Seit zehn Jahren arbeitet sie für die Kindernothilfe. Ihr Engagement hat mit einem Ereignis zu tun, das kurz zuvor geschah. Im Dezember 2004 war sie in Thailand, als Tsunami-Flutwellen Teile des Landes verwüsteten und Tausende Menschen starben. Sie sagt, sie hat heute das Gefühl, ein zweites Leben geschenkt bekommen zu haben. Und doch bleiben die Bilder. „Es hat länger gedauert, als ich gedacht habe, das zu verarbeiten.“

Eine Möglichkeit sah sie darin, etwas zu tun. Mit anderen gründete sie den Verein „Tsunami Direkthilfe“. „Anderthalb Jahre lang war ich damit beschäftigt, Gelder an Stellen und Orte dieser Welt zu verteilen.“ Daraus ergaben sich Anfragen vieler Organisationen, ob sie für sie tätig werden wolle. Sie entschied sich für die Kindernothilfe.

„Ich weiß nicht, ob es so gekommen wäre, wenn ich das in Thailand nicht erlebt hätte. Aber so ist das Leben: einfach nicht planbar. Damit umzugehen und zwar so, dass man nicht stecken bleibt oder sich bitter beschwert oder jahrelang leidet, ist eben auch ein Teil des Lebens.“

Erfahrungen haben sich auf Rollen ausgewirkt

Vielleicht haben diese Erfahrungen auch bewirkt, dass sie Rollen spielen kann, wie in „Die Mutter des Mörders“. Es ist ihre dritte Zusammenarbeit nach „Das Kindermädchen“ und „Götz von Berlichingen“ mit dem Regisseur Carlo Rola. War sie vorher noch die harte Politikerin und männermordende Adelige, spielt sie hier nicht die starke, selbstbewusste Frau, ein Typus, den man Natalia Wörner sonst ganz gern verpasst – sondern etwas Zerbrechliches.

Eine Frau, die in einem Discounter arbeitet und eigentlich nichts auf der Welt hat als ihren Sohn, der in der Entwicklung zurückgeblieben ist. Der Vater ist verschwunden, nur sie umsorgt den Jungen aufopferungsvoll, er gibt ihrem Leben den Sinn. Eines Tages wird die Tochter der Nachbarn ermordet aufgefunden, und der Sohn gerät in Verdacht, es getan zu haben. Natalia Wörner lacht nicht ein einziges Mal in diesem Film, in ihrem Gesicht ist nur Schmerz zu sehen.

Tagsüber Filmaufnahmen, abends Geschichten vom Fußballplatz

Was macht so eine Rolle mit ihr, wie kann man da das Berufliche vom Tag mit dem Privaten am Abend trennen? „Ich komme nach Hause und meinen Sohn schert das null, was ich gedreht hab. Der will sein Abendbrot haben und mir erzählen, was auf dem Fußballplatz passiert ist. Das ist auch ganz gut, und dann macht das klickklack. Ich sitze nicht da und heule, sondern sage: Erzähl mal!“

Aber trotzdem, der Schmerz in dieser Rolle hat sie irgendwie mitgenommen. „Bei mir äußert sich das so, dass ich streckenweise hyperempfindlich bin.“ Am Drehort habe sie sich zurückgezogen und viel Musik gehört in der Zeit. Das Ergebnis schließlich hat sie belohnt: „Ich finde den Film besonders, ja französisch. Weil er so eine Normalität und trotzdem etwas Distinguiertes hat.“

Sie ist jetzt 47 Jahre alt und ich frage, ob sich ihr schauspielerisches Bewusstsein verändert hat. „Es wird differenzierter, weil man sich immer besser kennt. Wenn man dann das Leben und die Menschen um einen herum beobachtet, da gibt es so unglaublich spannende Schicksale. Die im Spiel zu interpretieren, das kann ein Fest sein.“

„Home is inside you“

Wir haben jetzt Quiche und Salat gegessen, Wespen umschwirren uns und ich nehme mir noch einmal unser Eingangsthema vor. „Darf ich noch eine Frage zu Männern stellen?“ – „Unbedingt.“ Ob sie noch Kontakt zu ihren Ex-Partnern hat? Ja, zu dem Schauspieler Herbert Knaup. Auch zu dem Kanadier Robert Seeliger, mit dem sie den Sohn Jacob hat. Und dann gab es ja noch den amerikanischen Musiker John Lurie, der in den 80er-Jahren vor allem durch die Filme „Stranger than Paradise“ und „Down by Law“ von Jim Jarmusch ein Superstar war.

Am Anfang ihres Buches hat er ihr ein paar Zeilen über seine Auffassung von Heimat aufgeschrieben. Unter anderem heißt es dort: „Home is inside you/ Home is knowing who you are“.

Seit einem Jahr haben sie wieder viel E-Mail-Kontakt, erzählt Natalia Wörner. „Wir haben uns viele interessante Dinge geschrieben, die man so im Rückblick schreibt, wenn man auf eine gemeinsame Geschichte zurückblickt.“

Eine gute Journalistin?

Als wir uns verabschieden, fallen mir ein paar Sätze ein, die sie in Beziehung zu Männern vorhin gesagt hat. „Ich glaube, wenn man eine bestimmte Form von Autonomie und Selbstbewusstsein erfahren hat, einfach durch den Weg, den man schon gegangen ist, den man auch selbst gestaltet hat, müssen sich Männer damit auseinandersetzen können. Manche können es wunderbar, und manche scheitern auch daran.“

Natalia Wörner, so scheint es, kennt sich ziemlich gut. Und vielleicht wäre sie auch eine gute Journalistin geworden. Gute Fragen kann sie ja stellen.