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Sternekoch Thomas Kammeier hat neuen Job in Berlin

Sternekoch Thomas Kammeier hat einen neuen Arbeitsplatz. Ab sofort wirkt er als gastronomischer Leiter des „Euref Campus Berlin“.


Thomas Kammeier geht neue Wege, will Berlin aber erhalten bleiben

Thomas Kammeier geht neue Wege, will Berlin aber erhalten bleiben

Foto: Amin Akhtar

Ein Garten, inmitten der Stadt. „Das ist unser Kleinod“, sagt Thomas Kammeier. Dann geht er weiter. „Und hier ist dann das Reglerhaus“, sagt er und zeigt auf ein kleines Häuschen links des Gartens, Backstein mit Schornstein. „Für die kleineren, besonderen Veranstaltungen, 32 Leute circa.“ Kurz führt er in das Ein-Raum-Haus, Bohrlärm und Bauverkehr scheuchen schnell wieder hinaus. „Dann weiter zur Werkstatt“, sagt Kammeier. Er wolle einem schließlich noch diese, dann Schmiede, Bamboo, Café im Wasserturm und natürlich das Gasometer zeigen. „Ja, das ist es nun. Klein ist‘s nicht, was?“, fragt Thomas Kammeier fordernd – und grinst vergnügt.

Thomas Kammeier hat einen neuen Arbeitsplatz. Nur zwölf Tage, nachdem er den letzten Tag als Sternekoch und Küchenchef im Restaurant „Hugos“ des Hotels „Intercontinental“ vollendet hat, startet er ein paar Kilometer weiter südlich in Berlin mit einem neuen Job. Als Gastronomischer Leiter des „Euref Campus Berlin“ in Schöneberg. Mit Café, Restaurant und viel Veranstaltungsfläche. Kammeier geht unter die Großgastronomen à la Mary, Laggner, Beltle.

Nur, dass ihm der Campus nicht gehört. Bereits im September vergangenen Jahres habe ihn der Chef des „Intelligenten Stadtquartiers und Impulsgebers für die Energiewende“, wie die Euref AG ihren Standort rund um das denkmalgeschützte Areal am Gasometer nennt, nach Interesse gefragt. Obwohl Reinhard Müller ihn noch viel länger kennt, seit frühesten Berlin-Tagen und schon 2011 wünschte, dass sich Kammeier um die kulinarische Entwicklung seines Campus‘ rund um Mieter, TU und Talk von Günther Jauch kümmern möge. „Aber damals war ich noch nicht soweit“, sagt Thomas Kammeier.

"Hier werden 2000 Menschen täglich arbeiten"

Vier Jahre später steht er auf dem Gelände und freut sich auf seinen ersten Arbeitstag am kommenden Mittwoch. Noch müsse viel gebaut und geplant werden, auch Mitarbeiter würden noch fehlen. Und natürlich sei er daher in den letzten Monaten schon öfter auf dem Campus gewesen, schließlich wollten Entscheidungen auch schon vor seiner Ankunft gefällt werden, sagt Kammeier. „Ende 2016 werden hier mehr als 2000 Menschen täglich arbeiten, gutes Essen und Trinken sind die Grundlage“, sagt Chef Müller.

Thomas Kammeier führt in die „Werkstatt“. Haus Vier, wie es intern heißt. Die Werkstatt eines ehemaligen Mieters war noch bis März dieses Jahres in Betrieb. Nun sind die Hallen aus Beton und Stahl, viel weiß, viel grau, mit Kran und Lichthof, leer. Nur ein paar Paletten stehen herum. „Werkstatt und Reglerhaus müssen noch gemacht werden“, erzählt Thomas Kammeier. Bestückt werden: Den derzeit so gefragten Industriechic der Berlin-Gastronomie, Vorbild London, hat er hier bereits.

Fürs Gasometer hätte er eine Idee

Ein Tagesrestaurant soll daraus werden. Dann führt er durch das Café im Wasserturm, Kunst von Walter Stöhrer und „Bombshell“-Kleid-Skulptur von Marilyn Monroe über Cimbali und Deli-Theke warten. In der „Schmiede bei Pino“, Pino Sangermano, hinten links auf dem Gelände, sind Gastraum und Küche, wie im ein paar Meter weiter liegenden koreanischen Restaurant „Bambo Bay“ ebenfalls fertiggestellt. Schon länger. Der Italiener und der Koreaner sind bereits im Betrieb. Ersterer für die Sushi-Pause der Anrainer, letzterer für Antipasti und Autogramm-Jäger der Jauch-Sonntage. Zur Aftershow der Talksendung geht es in die „Alte Schmiede“. „Pino und Bamboo arbeiten autark, das Café gehört dann noch zu uns“, sagt Kammeier. Sein letzter Gang führt ins Gasometer, rein ins Studio von Jauch. Was damit passiere, wenn der Moderator Ende des Jahres aufhört? Dann folge entweder Anne Will, oder er könne seine Idee für diesen besonderen Veranstaltungsort für rund 360 Leute auch noch verwerten. „Wenn Will nicht will, dann hat sie schon“, sagt Thomas Kammeier. Wieder grinst er vergnügt.

Thomas Kammeier ist 1996 nach Berlin gekommen. Im nordrhein-westfälischen Schermbeck geboren, zieht es ihn nach der Bäckerlehre zum Kochhandwerk. „Landhaus Scherrer“ in Hamburg, „Hummerstübchen“ in Düsseldorf und schließlich „Zum Hugenotten“ folgen. In dem im Erdgeschoss des „Interconti“ liegenden „Hugos“-Vorgänger startet Kammeier als Sous Chef. 1998 steigt er zum Küchenchef auf, das Restaurant ein paar Jahre später mit ihm in den 14. Stock. Nur zwei Jahre später holt Kammeier den Michelin-Stern für das Haus.

Kammeier spürt den Drang zu etwas Neuem

Den er nun aufgibt. Ob das schmerze? „Nein, das tut nicht weh“, sagt Thomas Kammeier. „Und ich glaube auch nicht, dass es das noch wird.“ Zu lange habe er diesen Job nun gemacht. „Ich habe den Drang nach etwas Neuem“, sagt Kammeier. Bewegen wolle er wieder was, eine gute, regional-saisonale und nachhaltige Küche, für ein Publikum im niedrigeren Preissegment machen. Hauptsächlich koordinieren wolle er nun, auch Frau und Tochter wegen der „täglichen abendlichen Verhaftung“ entkommen. Bei der ein oder anderen Veranstaltung werde er dann sicher auch wieder selbst am Herd stehen, besonders im „Reglerhaus“. Laut Reinhard Müller gibt es dort „Köstlichkeiten von Kammeier auf Sterne-Niveau“. Drei bis zehn Euro sollen die Gänge im Tagesgeschäft, im Tagesrestaurant der „Werkstatt“ sowie im „Café im Wasserturm“ mit Küchenchef Gerd Georgi kosten. Mitte bis Ende September 2016 sollen die meisten Teile des gastronomischen Bereichs eröffnet, die ersten Gäste bewirtet sein. „Das hier reizt mich alles sehr“, sagt Thomas Kammeier.

Bewegt habe ihn der Abschied aus dem „Hugos“ aber doch. 19 Jahre und fünf Monate ist er dort gewesen. Vergangenen Donnerstag haben ihm zwei seiner Stammgäste einen letzten Abend spendiert. 2500 Euro jeweils gaben sie – bis in den frühen Morgen wurde gefeiert. Freitag hat er sich von seinem Team, von Sous Chef und Nachfolger Eberhard Lange, auch von Ex-Mitarbeitern wie Olaf Rode, die extra gekommen waren, mit einem letzten Abend am Herd verabschiedet. Einen tierischen Frosch im Hals habe er da gehabt, sagt Thomas Kammeier. Einen Menschen habe er gar richtig trösten, in den Arm nehmen müssen. Sein Spüler habe so geweint. „Chef, Du warst der Erste, der mich wie ein Mensch behandelt hat“, hat der Spüler gesagt. „Das war schon ganz schön komisch“, sagt Thomas Kammeier. „Da standen wir da, ich mit Spüler im Arm. Mitten im Hotel, mitten in der Stadt.“

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