75. Geburtstag

Rainer Langhans sieht im Internet Chancen auf Weltfrieden

Rainer Langhans sieht sich seit fünf Jahrzehnten falsch verstanden. Ein Treffen mit Gepräch über Gott, die Liebe und Uschi Obermaier.

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Rainer Langhans, Autor und Grimmepreisträger („Schneeweißrosenrot“), kommt ganz in Weiß, sein Markenzeichen. Die langen Haare: weiß, der Dreitagebart: weiß. Materielles ist ihm nicht wichtig, sagt er. Es gehe darum, „aus diesen alten, traurigen Körpern mit ihrem Leid“ herauszukommen, sagt Rainer Langhans. Und um die schwere Erfahrung, doch wieder in diesen Körper hinein zu müssen. „Da versuche ich jetzt etwas zu erklären, was Sie vermutlich nur sehr bedingt verstehen“, sagt Rainer Langhans. Ob man dafür nicht intelligent genug sei? „Ja, natürlich“, sagt Rainer Langhans.

Rainer Langhans wird am Freitag 75 Jahre alt. Sexuelle Revolution, freie Liebe, Kommune 1 – damit ist sein Name verknüpft. Seine Beziehung zum Fotomodell Uschi Obermaier gehört zur Geschichte dieser Zeit. Beim Treffen spricht der Ex-Kommunarde viel von Liebe, die im Geist stecke. Von Gott. Und von Chancen auf den Weltfrieden, den er nicht mehr in Kommunen, sondern in Communitys im Internet sehe. „Die Leute sind da drin zum ersten Mal in einem großen Umfang miteinander freundlich“, sagt er. Rainer Langhans hat sich gewandelt: vom polygamen Bürgerschreck zum spirituellen Asketen. Auf dem Weg zu sich selbst befindet sich die 68er-Legende noch immer.

Wenn er von anderen spricht, spricht er von „den normalen Menschen“, die sich fernab seiner Sphären bewegen. „Ich habe mein Leben lang nicht gearbeitet“, sagt Rainer Langhans. „Ich brauche nicht viel Geld. Mein Körper ist sehr reduziert und um den in dieser reichen Gesellschaft zu erhalten, reichen gelegentliche Jobs“, sagt er. Von seinem Auftritt in der RTL-Show „Das Dschungelcamp – Holt mich hier raus“ in 2011 spricht er nicht. Nicht mehr. Stattdessen sagt Langhans, er habe im Laufe der Jahre verstanden, dass die Menschen „nicht wirklich grässlich sind, sondern nur in einem Wahn befangen“ seien. „So mühsam das war – und ist: Ja, ich bin heute glücklicher denn je“, sagt der 74-Jährige.

Langhans wurde als erstes von vier Kindern in Oschersleben bei Magdeburg geboren. Die Eltern brachten ihn eines Tages in ein Internat. Dann ging er zur Bundeswehr, später nach Berlin, wo er zuerst Jura und dann Psychologie studierte, ohne Abschluss. Im „Argumentclub“ und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) fand er Gleichgesinnte. „Plötzlich waren alle so wie ich, und ich war erlöst aus dem Unglück meiner Jugend“, sagt Langhans. Er wurde Mitbegründer der Kommune 1. Frauen, Männer und Kinder lebten dort zusammen, ließen sich gemeinsam nackt fotografieren. Sie diskutierten, feierten, liebten. Sie wandten sich gegen die Nazi-Generation, den Schah und den Vietnamkrieg. Die Kommune galt als eine Keimzelle der 68er-Revolte.

Und dennoch: Seit fünf Jahrzehnten werde er nun falsch verstanden, sagt Rainer Langhans. „Ich habe die sexuelle Revolution ausgerufen, gelebt, ja. In Wirklichkeit habe ich aber eine sehr viel größere Revolution gezeigt und gelebt – aber niemand verstand das“, sagt er. Es gehe nicht um Sex – der sei sogar ein Hindernis auf dem Weg zum Glück und verhindere Liebe. „Wir erfahren etwas, was viel mehr ist als der jämmerliche Sex. Freie Liebe ist von Sex und Körper befreit.“

Langhans lebt inzwischen in München – erst mit fünf und nun mit vier Frauen in einem Netzwerk. Von den Medien „Harem“ genannt. Meditation gehört zum Tagesablauf, auch Sport, Tischtennis, Spaziergänge. Vor allem sucht die Gruppe innere Entwicklung. Es gibt nicht nur geistige Höhen, sondern auch Abgründe: Eifersucht oder Zickenkrieg. „Frauen können ja nicht miteinander“, sagt Langhans. Manche Frau verstehe nicht, dass sie ihn nicht besitzen könne. So sei es auch mit Obermaier gewesen. „Uschi war total eifersüchtig.“ Ob im „Harem“ neben ihm kein anderer Mann möglich sei? „Das müssen Sie die Frauen fragen“, sagt Rainer Langhans. Mit vielen Ex-Kommunarden ist Langhans zerstritten – sie seien „nicht mitgegangen“, sagt er. Dann verabschiedet er sich. Sein Handy klingelt. Vogelgezwitscher.