Lesung

Ilse Eliza Zellermayer erzählt ein Leben in Anekdoten

| Lesedauer: 3 Minuten
Sandra Basan

Gut 150 geladene Gäste im "Adlon" gingen am Sonntag geschlossen in ein anderes Hotel. Gedanklich zumindest. Ilse Eliza Zellermayer stellte im kleinen Wintergarten ihr Buch "Prinzessinnensuite. Mein Jahrhundert im Hotel" (ab 29. Juni im Handel) vor.

Die 90-Jährige, die einst zu den mächtigsten Frauen hinter den Opernkulissen gehörte - sie managte Größen wie Luciano Pavarotti und Mirella Freni - ist die Tochter des Hoteliers Max Zellermayer. Der gründete 1916 das "Hotel am Steinplatz" in Charlottenburg. Das Haus gehörte zwischen den Weltkriegen zu den ersten Adressen Berlins und so erlebte Ilse Eliza Zellermayer allerhand: "Ich habe mit Freude geschrieben, aber auch Momente der Enttäuschung erlebt." Die kleine Ilse spielte zum Beispiel mit Geigenvirtuose Yehudi Menuhin Pingpong. Als junge Frau beobachtete sie, wie Romy Schneider erzürnt abreiste, weil ein männlicher Gast nachts nicht auf ihr Zimmer gelassen wurde. Wie ein lebendes Geschichtsbuch unterhielt die Autorin ihr Publikum. Nicht nur mit Anekdoten über prominente Gäste, nein, auch mit Beate. Die Ziege war 1945 das kostbarste Gut im völlig zerstören Luxus-Hotel. "Sie war ein großes Glück, denn sie lieferte Kaffeesahne und Schlagsahne für den Kuchen in unserem Restaurant." Immer wenn Beate unruhig wurde, ging der Diener Franz auf der Hardenbergstraße zum Zoo. "Dort wartete ein Ziegenbock. Außerdem hatten wir so viele Zicklein, die wir gegen praktische Sachen wie Sessel eintauschen konnten", erinnerte sich Ilse Zellermayer.

Das Engagement ihres Bruders Heinz Zellermayer hatte auch Auswirkungen für ganz Berlin. Er setzte 1949 die Aufhebung der Sperrstunde durch. "Während der Blockade hatten die Lokale im Osten bis 22 Uhr geöffnet, die im Westen mussten um 21 Uhr schließen, weshalb viele Gäste nachts in den Ostsektor wanderten", erzählte die amüsante Unterhalterin. Um das zu stoppen, sprach ihr heute 95-jähriger Bruder beim amerikanischen Stadtkommandanten vor. General Frank Kolley war der Meinung, die Berliner bräuchten nach den Entbehrungen des Krieges ihre Ruhe: Keine Kneipenbesucher, kein Krach. Der Hotelier entwaffnete ihn mit einfacher Logik: "Es wird erst laut, wenn der Wirt 'Schluss' sagt. Solange die Leute im Lokal sind, ist es ruhig." Sprachlos war auch Ilse Zellermayer selbst - bei Louis Armstrong. Als sie den berühmten Gast in der Lobby begrüßte, breitete Satchmo seine riesigen Arme aus und drückte sie an sich: "Entsetzlich!", so die Grande Dame der Opernwelt. "Ich wurde mit schmutzigen Küssen übersäht. Aber ich dachte mir, er ist eine Legende, da muss man das ertragen." Heute lebt sie am Groß Glienicker See, schaut zufrieden zurück: "Es war ein reiches Leben, aber nicht am Geld gemessen." Und es hält nach wie vor Überraschungen bereit. Vor zwei Jahren traf sie nach 45 Jahren ihre große Liebe wieder, den französischen Pianisten Jean Guillou : "Die Liebe hält mich jung, durch die Liebe bleibt man im Leben."

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