Funkausstellung 2010

Wunderwelt der Technik - Die Ifa wird 50

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Ulli Kulke

Albert Einstein kam zur Eröffnung, der Walkman wurde präsentiert – und jetzt kommt das dreidimensionale Fernsehen. In diesem Jahr findet die Internationale Funkausstellung zum 50. Mal statt. Mit ihr wurde Berlin zur Hauptstadt der digitalen Welt.

Von der ersten Übertragung einer Radiosendung auf das Röhrengerät zum dreidimensionalen Fernsehen – die Internationale Funkausstellung Ifa findet in diesem Jahr zum 50. Mal statt. Nicht immer lief die Show nach ihrer Premiere 1924 unter dem Berliner Funkturm. Nach dem Krieg bis 1971 durften sich mit ihr hin und wieder auch Düsseldorf, Frankfurt am Main und Stuttgart schmücken. Doch seit 1971 ist die weltweit mit Abstand größte Messe der Unterhaltungselektronik wieder in Berlin zu Hause, mit enormer Ausstrahlung auf das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt.

Zunächst im Zweijahresrhythmus, doch seit fünf Jahren gehört sie – wie schon in den 20er- und 30er-Jahren – zu den alljährlichen Großereignissen Berlins. Viele Weltneuheiten durften die insgesamt mehreren Millionen von Besuchern über die fast neun Jahrzehnte bestaunen. Und regelmäßig wurden aus exklusiven, unerschwinglichen Gerätschaften der ersten Stunde in wenigen Jahren Massenartikel. In einem Bereich, der wie kaum ein anderer fasziniert. Geht es doch um die Kommunikation rund um den Globus – eine Errungenschaft, die aus allen Menschen Weltbürger macht.

Auf der ersten Funkausstellung im Dezember 1924 konnten die Besucher die Prototypen der deutschen Röhrengeräte zum Rundfunkempfang bestaunen. Sie lösten nun nach und nach die „Detektoren“ ohne elektrische Verstärker ab, die man sich sehr nah ans Ohr halten oder Kopfhörer hinzuziehen musste, um überhaupt irgendetwas zu hören. Vier Jahre war es da erst her, dass überhaupt die erste Radiosendung über den Äther ging („Achtung, Achtung, hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700“).

Nach vielen Versuchen in der Telegrafen-Sendestation der Post südwestlich von Berlin hatten die dortigen, schon an die 200 Meter hohen Antennen Weihnachten 1920 das erste Konzert ausgestrahlt. Der deutsche „Rundfunk“ war geboren. Es war der Auftakt allsonntäglicher Darbietungen, bei denen die Postbeamten selbst zu Geige, Cello und Klarinette griffen. Als Mikrofone benutzten sie Telefonhörer. Beim Sonntagskonzert während der ersten Funkausstellung 1924 – diesmal auch mit postamtlichem Männergesang – durften dann die Deutschen offiziell zuhören.

Bis 1923 war laut Versailler Vertrag der Empfang von Funksignalen nur den Bediensteten der Post sowie anderen ausgewählten Berufen gestattet. Immerhin 170.000 Besucher kamen 1924 schon, die sich von 268 Ausstellern deren Röhrengeräte, Detektoren und Kopfhörer zeigen ließen – vor allem aber auch die Bauteile im Einzelnen, weil damals noch sehr viele sich ihre Apparate selbst zusammenbastelten.

Schon 1926, auf der dritten Ifa, sind aus den einst überdimensionalen Empfangs-Maschinen, an denen noch diverse Einstellknöpfe zu bedienen waren, eher kompakte Radioapparate mit übersichtlicher Handhabung geworden. Die Bedeutung der Fachmesse für das Ausstellungsgelände wird dadurch deutlich, dass in diesem Jahr unmittelbar daneben Berlins höchste Landmarke eingeweiht wurde: Der Funkturm. Gleich nach der ersten Ausstellung 1924 hatte man den Grundstein gelegt. Nun strahlte seine Antenne über Mittelwelle aus 150 Meter Höhe weit ins Land hinaus.

Mit einem Paukenschlag begann die Funkausstellung 1928: Ihr Eröffnungstag, der 31. August, gilt als die Geburtsstunde des deutschen Fernsehens. August Karolus präsentierte seinen Empfänger mit einem Bildschirm von acht mal zehn Zentimetern mit etwa 10.000 Bildpunkten. Doch alles blieb vorerst noch im Versuchsstadium. Im selben Jahr entwickelte Fritz Pfleumer für die AEG zwar eine weitere bedeutsame Errungenschaft der Technik: das erste „Magnetophon“. Auf der Funkausstellung sollte das Tonbandgerät aber noch lange nicht auftauchen. Ein großes Problem: Zu oft rissen noch die Bänder beim Vor- oder Zurückspulen.

Albert Einstein sprach am 22. August, dem Eröffnungstag der Messe 1930, ein Grußwort live über den Rundfunk: „Wenn Ihr den Rundfunk höret, so denkt auch daran, wie die Menschen in den Besitz dieses wunderbaren Werkzeuges der Mitteilung gekommen sind. Der Urquell aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Neugier und der Spieltrieb des bastelnden und grübelnden Forschers und nicht minder die konstruktive Phantasie des technischen Erfinders. Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.“

Die Ifa 1930 zeigte einen Wandel der Branche seit 1928. Innerhalb von nur drei Jahren verringerte sich der Anteil batteriebetriebener Radiogeräte von 93 auf 20 Prozent. Das Netzgerät hat sich durchgesetzt, das einen präziseren und weniger störanfälligeren Empfang ermöglicht. Die Geräte sind keine Handwerksarbeit mehr, sondern Serienartikel von vielen Zehntausend Stück.

Zum ersten Mal durften die Deutschen ein Autoradio bei der Funkausstellung 1932 bestaunen. In den USA hatte Chevrolet das Zubehör schon seit 1927 für seine Modelle angeboten. Doch das Modell, das die Firma „Radiotelefon und Apparatefabrik Ideal“ (heute: Blaupunkt) nun in Berlin vorstellte, konnte sogar von der Lenksäule ferngesteuert werden, ein Vorgänger mithin der heutigen Satellitenbedienung. Das Luxusgerät kostete immerhin ein Drittel eines damals handelsüblichen Kleinwagens.

Nur gut ein halbes Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde auf der Funkausstellung 1933 der „Volksempfänger“ vorgestellt und noch während der Messe in der Stückzahl von rund 100.000 verkauft. Goebbels' Propagandaministerium hatte die Hersteller von Radioempfängern angewiesen, die einfachen Geräte in hoher Stückzahl herzustellen und zu einem staatlich festgelegten niedrigen Preis zu verkaufen. Was manch schwächeres Unternehmen in den Ruin trieb, aber die Propaganda der Nazis in jede Wohnung brachte. Da das Propaganda-Ministerium einen großen Teil seines Etats aus den Rundfunk-Gebühren bestritt, profitierte das Haus Goebbels auch finanziell davon, dass der Volksempfänger den Anteil der Haushalte mit Radios zwischen 1933 und 1941 von einem Viertel auf zwei Drittel erhöhte.

Die Bänder rissen nicht mehr, so brachte die Ifa 1935 endlich das Magnetophon „K1“ an die Öffentlichkeit, ein Tonbandgerät, mit dem nun Jedermann jeglichen Klang seiner Wahl aufzuzeichnen und abzuspielen konnte.

Auf der letzten Funkausstellung vor dem zweiten Weltkrieg, unmittelbar vor dessen Beginn 1939, wurde dann auch noch der „Volksempfänger“ für das Fernsehprogramm vorgestellt. 1935 schon war der Sendebetrieb für den Großraum Berlin als weltweit erster aufgenommen worden. Wenige Glückliche hatten 1936 die Olympischen Spiele in „Fernsehstuben“ auf sehr teuren Geräten mitverfolgen können. Auf der Ifa sollten nun 10000 Einheitsgeräte vom Typ „E1“ verkauft werden, laut Planvorgabe ebenfalls von mehreren Herstellern für vergleichsweise moderate 650 Reichsmark angeboten. Ziel: „Das Bild des Führers unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen“. Absetzen konnte man erst mal nur 50, der Krieg machte einen Strich durch die Rechnung. Das Programm – bereits mit Kindersendungen – wurde 1941 eingestellt, bis auf das „Lazarettfernsehen“ für verwundete Soldaten.

Die ersten beiden Ifa's nach dem Krieg fanden 1950 und 1953 in Düsseldorf statt. 1950 begeisterten sich die Besucher am zuvor unbekannten, klaren UKW-Empfang. 1953 stand ganz im Zeichen der neuen Fernsehgeräte mit bis zu 43 Zentimeter großem Bild, nachdem die ARD im Vorjahr ihr tägliches TV-Programm gestartet hatte. 1958 kam etwas für's Prestige auf den Markt: Das Autotelefon. Gleichzeitig wurde der Öffentlichkeit ein Gerät gezeigt, das heute manchen Anrufer zur Raserei bringt: Der Anrufbeantworter.

Die Neuheit, mit der das holländische Unternehmen Philips bei der Ifa 1963 in Berlin aufwartete, gab die Richtung vor: Den Trend zum Kompakten. Der erste Kassettenrekorder war auf dem Markt. Weil er batteriebetrieben war, konnte die ganz persönliche Wunschmusik nun überall hin mitgenommen werden, auch ins Auto. Damit war auch das Ende des 1959 ebenfalls von Philips vorgestellten Autoplattenspielers eingeläutet, dessen Platz bald das Radiokassetten-Gerät einnahm. Am Eröffnungstag der Messe startete der Sender Freies Berlin als erste deutsche Radio-Station mit der Übertragung von Stereo-Sendungen.

Er war nicht mehr Regierender Bürgermeister und noch nicht Bundeskanzler, doch Willy Brandt ließ es sich auch als Außenminister nicht nehmen, in West-Berlin bei der Ifa 1967 die Ära des Farbfernsehens für die Bundesrepublik zu eröffnen – als zweites Land Europas, wenige Wochen nach Großbritannien und rund ein Jahrzehnt nach mehreren nordamerikanischen Ländern, unter anderem auch Kuba. Der Knopf, auf den Brandt drückte, war eine Attrappe.

Nach dem Tonband für den Klang kam 1971 auch das Wunschprogramm für das Bild: Philips und Grundig stellten den weltweit ersten Videorecorder vor. Überhaupt waren die 70er Jahre ein Jahrzehnt vieler Neuheiten: 1973 Kunstkopf-Stereophonie, 1977 Videotext. Bei der Ifa 1979, bei der der vorgestellte „Walkman“ den Kompaktkassetten noch mal eine ganz neue Aufgabe zuwies, nämlich die Begleitung von Joggern und Spaziergängern, kam gleichzeitig eine Scheibe auf den Markt, der die Kassette langfristig aus demselben verdrängte, und die über 100 Jahre alte Schallplatte gleich mit: Die Compact Disc, kurz CD. Ein glitzernder Tonträger, der kurzerhand Klang und Handhabbarkeit revolutionierte und der inzwischen auch mit einem Brenner im Heim selbst zu bespielen ist.

Handy konnte man es eigentlich nicht nennen: Das Motorola DynaTAC, das erste wirkliche Mobiltelefon aus den USA, das 1983 gezeigt wurde. Es wog 800 Gramm, war 30 Zentimeter lang, kostete umgerechnet etwa 11000 Mark. Ein Jahr später waren in Amerika 300.000 Stück verkauft. Das erste, rudimentäre Mobilfunknetz in Deutschland stand 1985 (C-Netz), das halbwegs flächendeckende D-Netz im Jahre 1990.

Die großen Highlights der Funkausstellungen seit den späten 80er Jahren waren mehr oder weniger einschneidende Verbesserungen zweier längst eingeführter Annehmlichkeiten des täglichen Lebens: Fernsehen und Mobiltelefon. 1989 vermittelte das Breitbild die Vision des Heimkinos, 1995 kamen TV-Digitalisierung und Plasmabildschirme, 2003 dann der digitale Antennenempfang, gleichzeitig mit dem Beginn des Zeitalters von HDTV und Flachbildschirmen. Für die Mobiltelefone, die sich von Ifa zu Ifa rasant verkleinerten und mit längerer Sprechzeit ausgestattet wurden, gibt es seit 1999 den Zugang zum Internet und seit 2006 auch zum Fernsehen.

Auf der Ifa 2010 wird das Fernsehen noch einmal revolutioniert: Präsentiert wird das 3D-Fernsehen, der Stereoempfang fürs Auge sozusagen. Vorerst brauchen wir dafür noch eine Spezialbrille. Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft wollen in Berlin allerdings gleich schon mal zeigen, wie es in einigen Jahren auch ohne Brille gehen kann.