Messe Berlin

Grüne Woche in Berlin: Agrarmesse und Schlemmermeile

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Auf der Grünen Woche gibt es nicht nur Lebensmittel aus aller Herren Länder, man kann auch einen Blick auf Kühe und andere Tiere werfen

Auf der Grünen Woche gibt es nicht nur Lebensmittel aus aller Herren Länder, man kann auch einen Blick auf Kühe und andere Tiere werfen

Foto: dpa

Es grunzt und gackert wieder in der Hauptstadt: Tiere und der richtige Umgang mit ihnen sind eines der großen Themen der Grünen Woche.

Gleich hinter der Currywurst, an zweiter Stelle. Wer um die Bedeutung der Grünen Woche für Berlin wissen will, muss Christian Göke fragen. Der Chef der Messe Berlin sieht das Event fast auf Augenhöhe mit der berühmtesten kulinarischen Errungenschaft der Stadt.

So viel Selbstbewusstsein muss sein. Vorbei sind die Zeiten, als die Aussteller wie Ende der 40er-Jahre Wurst und Schinken aus Pappe auf ihre Stände packten, weil diese Produkte wegen der sowjetischen Blockade nicht zu bekommen waren. Heute ist die Grüne Woche eine Schlemmerorgie sondergleichen, die besucherstärkste Messe Berlins, eine international beachtete Leistungsschau von Mensch, Tier und Pflanze. Obendrein das „Spitzentreffen der internationalen Agrarpolitiker“, wie es in der Pressebroschüre heißt. Oder, um es mit Gökes Worten zu sagen: das „Davos der Agrarindustrie“.

Die Grüne Woche feiert sich selbst, das verlangen schon die Formalitäten. Es ist das 90. Jubiläum, 400.000 Besucher werden erwartet, und Göke ist sicher, dass es auch ein 100. Jubiläum geben wird. Doch die gute Stimmung mag nicht ganz zur Situation der Branche passen. Bei der Auftaktpressekonferenz am Mittwoch zeichnen die Vertreter von Agrar- und Lebensmittelindustrie ein düsteres Bild.

Viele Landwirtschaftsbetriebe sind in finanziellen Nöten, im September gaben 18 Prozent an, dass ihre Lage angespannt sei – fünf Prozent mehr als im Juni. Einer Prognose zufolge drohen in den nächsten zwei Jahren Einkommenseinbußen von 50 Prozent. Die Bauern kämpfen besonders mit sinkenden Preisen bei Milch und Fleisch. Am Dienstag demonstrierte eine Gruppe Landwirte vor dem Bundestag mit dampfendem Dung und Transparenten mit der Botschaft „Agrarindustrie ist Mist“. Es war der Auftakt für eine Großdemonstration, an der sich am Sonnabend in Berlin mehr als 100 Agrarorganisationen beteiligen wollen.

„Ich würde gerne Optimismus verbreiten, aber die Aussichten sind trüb“, sagt Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Die sinkenden Preise sind auch die Folge schwächelnder Exporte außerhalb der EU, überwiegend verursacht durch die Sanktionen gegen Russland. Bis zu 600 Millionen Euro pro Jahr, so Rukwied, gingen dadurch verloren.

Die Lebensmittelbranche moniert derweil die Essgewohnheiten der Deutschen. 42 Prozent der Verbraucher würden so gut wie nie kochen, während sich der Umsatz mit Fertiggerichten in den letzten sechs Jahren verdreifacht habe, heißt es in einer Mitteilung der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Die Gesamtnachfrage sinke und die Hausfrau am Herd sei eine „bedrohte Spezies“. Schuld seien permanente Mobilität und Zeitdruck. So notierte die Branche 2015 mit 166,3 Milliarden Euro Umsatz das schlechteste Ergebnis seit vier Jahren. Was neben dem Aussterben der Hausfrauen ebenfalls am schwachen Ausfuhrgeschäft liegt. BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff fordert von der Bundesregierungen mehr Bewegung in Sachen Exportbeschränkungen.

Deren Auswirkungen zeigen sich auch auf der Grünen Woche. 22 Jahre war Russland ununterbrochen vertreten, 2006 Partnerland und von da an einer der größten Aussteller. Nicht so in diesem Jahr. Die übliche, von staatlicher Seite initiierte Anmeldung blieb aus – trotz mehrmaligem Nachfragen. Das angespannte Verhältnis zur EU reicht offenbar bis in die Berliner Messehallen. Unabhängige russische „Gas­tronomieangebote“ wurden trotzdem organisiert, auf Kaviar und Wodka müssen die Besucher nicht verzichten.

Berlin präsentiert sich mit Senf aus Steglitz und Curry 36

Ein Schwerpunkt der Grünen Woche sind aber regionale Produkte. Denn die Zahl der Verbraucher, die sich bewusst ernähren und bereit sind, mehr Geld für Ware aus der Umgebung auszugeben, steigt. 500 Aussteller aus 14 Bundesländern wollen zeigen, was sie zu bieten haben. Berlin etwa ist in Halle 21b unter anderem mit einer Senfmanufaktur aus Steglitz und den Traditionsmarken Florida Eis oder Feinkost Pfennigs vertreten. Die Currywurst liefert – wer sonst – Curry 36.

Die 1660 Aussteller aus 65 Ländern führt dieses Jahr Marokko an. Datteln und Couscous präsentiert das Partnerland vor dem Hintergrund „stimmungsvoller Bilder der verschiedene Regionen“. Ein bisschen Tourismusmarketing nebenbei. Das relativ stabile Marokko profitiert von der Unsicherheit in der Region, die Zahl deutscher Urlauber hat sich seit 2012 verdoppelt.

Geschrumpft ist dagegen der Platz auf der Grünen Woche, da parallel die Modemesse Fashion Week stattfindet. Weil die Zahl der Stände gleich bleibt, müssen die Besucher noch enger zusammenrücken. Für sie beginnt die Messe am morgigen Freitag, 10 Uhr, eine Tageskarte ohne Ermäßigung kostet 14 Euro. Hundebesitzer werden gebeten, ihre Vierbeiner zu Hause zu lassen. Wegen Seuchengefahr.

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( dpa/joe )