Best of Berlin

Umstrittene Perlen der Architektur in Berlin

Sie gefallen nicht jedem, gehören aber untrennbar zu Berlin. Wir stellen zehn besonders verrückte und umstrittene Bauwerke vor.

Architekt Rainer Rümmler prägte West-Berlin. Zu seinen Werken gehört auch der "Checkpoint Bravo" - der Grenzübergang Dreilinden.

Architekt Rainer Rümmler prägte West-Berlin. Zu seinen Werken gehört auch der "Checkpoint Bravo" - der Grenzübergang Dreilinden.

Foto: imago / Jürgen Ritter

Berlin. Sehenswerte Altbauten, Schlösser und Parks gibt es in Berlin zuhauf. Es existieren in unserer Stadt aber auch Gebäude, die vielleicht nicht jedem gefallen, in ihrer Einzigartigkeit aber immer einen Besuch wert sind – in Coronazeiten leider nur von außen.

Zehlendorf: Ein bunter Gruß vom „Checkpoint Bravo“

Der Architekt Rainer Rümmler prägte mit seinen fließenden Formen und schrillen Signalfarben West-Berlin. So stammen von ihm etwa die poppigen U-Bahnhöfe der U7 ebenso wie die Feuerwache an der Wiener Straße in Kreuzberg. Den „Checkpoint Bravo“, wie der Grenzübergang zwischen West-Berlin und der DDR offiziell hieß, entwarf Rümmler 1969. Heute kann man aufs Gelände fahren und sich das verlassene Areal ansehen.

Kontrollpunkt Dreilinden, Isoldestraße, an der A115 (Kreuz Zehlendorf) in Wannsee

Lichterfelde: Ganz viel Beton im Berliner Südwesten

In Berlin existieren wenige Beispiele für brutalistische Architektur – wie das Institut für Hygiene und Umweltmedizin. 1974 vom Architekturbüro Fehling und Gogel gebaut, zählt es zu den spannendsten Bauwerken der West-Berliner Ära. Das vielgliedrige Gebäude, heute Teil der ­Charité, ist mit Büro- und Semi­narräumen, ­Laboren und einem Auditorium ausgestattet. Es soll einem Wissenschaftscampus weichen, was nicht jedem gefällt.

Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Hindenburgdamm 27, Lichterfelde

Kreuzberg: Ein überaus sehenswertes Nebengebäude

Seit 1916 hatte die jüdische Gemeinde in Kreuzberg eine Synagoge. Bei der Pogromnacht am 9. November 1938 und im Zweiten Weltkrieg wurde das Hauptgebäude zerstört und die Überbleibsel 1959 abgerissen. Heute ist nur das Nebengebäude erhalten und dient den Berliner Juden als Gotteshaus. Da sich die jüdische Gemeinde vergrößert hat, ist ein Wiederaufbau des Hauptgebäudes geplant. Die Grundsteinlegung dafür soll 2023 erfolgen.

Synagoge, Fraenkelufer 10, Kreuzberg

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Mitte: Eine Perle der modernen Architektur

Zunächst hatte der berühmte Architekt Erich Mendelsohn den Einsteinturm in Potsdam (1920-1922) begonnen. Im Jahr 1921 bekam er dann den Auftrag, das bei den Spartacus-Aufständen 1919 stark beschädigte Mossehaus des Verlegers Rudolf Mosse umzugestalten. Mit seinem Stil der Neuen Sachlichkeit gehört das Mosse-Zentrum-Berlin heute zu den wichtigsten Beispielen für die Architektur der Moderne in unserer Stadt.

Mosse-Zentrum-Berlin, Schützenstr. 25, Mitte

Oberschöneweide: Ein Ort mit ­großer Vergangenheit und Zukunft

Erbaut wurde das Funkhaus in den 1950er-Jahren nach Plänen des Architekten Franz Ehrlich. So entstand eines der modernsten Sendehäuser Europas, das bis 1993 genutzt wurde. Seitdem hatte die Immobilie mehrere Eigentümer, und es gab diverse Pläne für die Nachnutzung. Die im Funkhaus residierenden Künstler sollen wohl auch bleiben, der neue Investor Uwe Fabich will ein riesiges Musikstudio einrichten und die Veranstaltungsräume ausbauen.

Funkhaus Berlin, Nalepastraße 18, Oberschöneweide

Wedding: Vom Krematorium zum Kulturzentrum

1912 eingeweiht, war das Krematorium Wedding noch bis 2001 in Betrieb. Die Krematorien in Ruhleben und am Baumschulweg decken den Bedarf in Berlin ab. Das sich an neoklassiszistischen Formen orientierende Gebäudeensemble stand leer, bis es um 2013 an das Projekt „Silent Green Kulturquartier“ übergeben wurde. Es entstanden Ateliers, Räume für Ausstellungen und Konzerte sowie Büros.

Silent Green Kulturquartier, Gerichtstr. 37–38, Wedding

Westend: Der Turm für die Zielrichter an der Rennstrecke

Die 1921 erbaute Avus war eine Rennstrecke und wurde auch vor 1933 für Rennen benutzt. Die Nazis machten da weiter. Sie ließen um 1937 an der Avus eine Zuschauertribüne aufbauen, erweiterten und modifizierten die Kurven und ließen ein Gebäude mit einem Zielrichterturm an die Strecke bauen. Dieser kuriose Rundbau begegnet bis heute jedem Autofahrer. Mittlerweile wird das Gebäude mit dem lustigen Turm als Motel genutzt.

Avus Motel, Halenseestr. 51, Westend

Wilmersdorf: Und die Autos rasen mitten durchs Haus

Die „Schlange“, wie die Autobahnüberbauung in Wilmersdorf von den Berlinern genannt wird, gehört zu den eigenwilligsten Wohnungsbauprojekten in West-Berlin. Entstanden ist der riesige Wohnblock in den 1970er-Jahren. Insgesamt gehören fast 1800 Wohnungen zu der Anlage. Die Idee vom Wohnen über einer Autobahn stieß auch auf Unverständnis. Heute steht das Bauwerk unter Denkmalschutz.

Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, Schlangenbader Str., Wilmersdorf

Kreuzberg: Streng geometrische Formen in 14 Geschossen

Das letzte stadtplanerische Großprojekt in West-Berlin war die Internationale Bauausstellung 1987. Damals entstand auch der „Kreuzberg Tower“ von John Hejduk, einem Mitarbeiter des Stararchitekten I. M. Pei. In Kreuzberg wurde Hejduks 14-geschossiges Atelier- und Wohnhaus errichtet. Die strengen geometrischen Formen und die gedeckten Grün- und Grautöne stellten sich den damaligen Vorstellungen der Postmoderne entgegen.

Kreuzberg Tower, Charlottenstr. 96–98, Kreuzberg

Oberschöneweide: Das kleine Wahrzeichen an der Spree

Dieses Kleinod von 1967 liegt etwas versteckt, bietet aber eine sensationelle Optik. Das liegt auch am Kran, der auf dem denkmalgeschützten Industriegebäude thront. Das dortige Kranhaus-Café bietet einen mindestens ebenso eindrucksvollen Blick auf die Spree. Die Betreiber servieren außerhalb von Coronazeiten neben Kaffee und Kuchen auch Drinks, Gäste können dann auf der Terrasse von Fahrradtouren pausieren oder entspannt auf den Sonnenuntergang warten.

Kranhaus, Paul-Tropp-Str. 11, Oberschöneweide

Tiergarten: Wo das Minsterium für Verteidigung residiert

In den frühen 1930er-Jahren entstand das moderne Bürogebäude am Reichpietschufer. Seit 1958 steht der in Stahlskelettbauweise, nach Plänen von Emil Fahrenkamp errichtete Bau, der stilistisch der Neuen Sachlichkeit zugeordnet wird, unter Denkmalschutz. Die in senkrechten Wellen strukturierte Fassade macht das Shell-Haus einzigartig. Heute wird es vom Bundesministerium der Verteidigung genutzt.

Shell-Haus, Reichpietschufer 60–62, Tiergarten

Spandau: Eine ganz aus Beton gegossene Kuriosität

Zum Schluss noch ein interessantes Kleinod vom Stadtrand. Tief in Spandau steht seit 1971 das Haus Plettner. Das komplett aus Beton gegossene Wohnhaus verwirklichten die Architekten Jan und Rolf Rave im Auftrag des Immobilienhändlers Hans-­Peter Plettner. Das Projekt ist landesweit ein Unikum, denn die Verwendung von Stahlbeton im Einfamilienhausbau ist äußerst selten. Auch das Haus Plettner ist somit eine Perle der Berliner Architektur.

Haus Plettner, Scharfe Lanke 51, Spandau

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