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Berlin bietet Kunst, wo man sie nicht vermutet

Ob Henry Moore, Frank Stella oder Eduardo Chillida: Skulpturen einiger der größten Bildhauer machen Berlin zu einem einzigartigen Open-Air-Museum. Morgenpost Online stellt Ihnen eine Auswahl vor.

Foto: Glanze

Tiergarten – Aluminium-Prinz am Potsdamer Platz

Mit der Blüte von Jeff Koons „Ballonflower“ auf dem Marlene-Dietrich-Platz ist es seit vergangenem Jahr vorbei. Die Skulptur wurde verkauft. Der Nachfolger kam Ende 2010: Frank Stellas „Prince Frederick Arthur of Homburg, General of Cav“. Die über drei Meter hohe, weiß-silberne Skulptur aus Aluminium, Fiberglas und Karbon von 1999 gehört schon länger zum Bestand der Daimler Kunst Sammlung. Vor dem Umzug an die Spree stand sie im Sindelfinger Werk. Stella fügt sich gut in die Umgebung ein. Er steht mit Werken anderer US-Künstler, Keith Harings blau-roten „Boxers“ und Mark di Suveros „Galileo“ gemeinsam im Pianosee auf dem Platz.

Prince Frederick Arthur of Homburg: Marlene-Dietrich-Platz, Tiergarten, S1, 2, 25 Potsdamer Platz, U2 Potsdamer Platz

Tiergarten – Symbol der Wiedervereinigung

Politiker müsste man sein. Im Kanzleramt wird nicht nur regiert, der Bau beherbergt auch eine stattliche Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst. Zumindest in den Genuss eines Werkes kommt, mit Blick über den Zaun, auch das Volk: Im Ehrenhof steht die monumentale, fünfeinhalb Meter hohe und 87,5 Tonnen schwere Eisenskulptur „Berlin“ des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida (1924–2002). Mit ihren beiden aufrechten Stahlträgern samt acht stählernen, fast ineinander greifenden Armen soll sie die deutsche Wiedervereinigung symbolisieren.

Skulptur Berlin Kanzleramt, Willy-Brandt-Str. 1, Tiergarten, U55 Bundestag

Kreuzberg – Grenzübergang als Kunstinstallation

Autofahrer haben es schwer am Checkpoint Charlie. Besucher gehen kreuz und quer über die Friedrichsstraße, um auf den Mittelstreifen zu gelangen. Dort steht ein originalgetreuer Nachbau des alliierten Kontrollpunktes. Die beiden meterhoch angebrachten Fotos eines sowjetischen und eines amerikanischen Soldaten sind eine Installation des Künstlers Frank Thiel. Das „You are leaving the American Sector“-Schild ist eine Kopie, ebenso wie die sowjetische Fahne an der Museumsfassade. Die Originale findet man im Museum.

Checkpoint Charlie: Kochstraße, Ecke Zimmerstraße, Kreuzberg, U6 Kochstraße

Mitte – Der Ort der verbrannten Bücher

Man muss den Kopf senken, um nicht achtlos über die kleine Glasplatte auf dem Bebelplatz zu laufen. Wer stehenbleibt, blickt hinab in fünf Meter Tiefe und sieht einen rund 50 Quadratmeter großen Raum mit leeren Bücherregalen aus Beton. 20.000 Bücher könnten dort stehen, so viele, wie am 10. Mai 1933 von den Nazis hier verbrannt wurden. Zum 50. Jahrestag der Bücherverbrennungen in Deutschland wurde ein künstlerischer Wettbewerb ausgerufen. Der Entwurf der versunkenen „Bibliothek“ des israelischen Bildhauers und Konzeptkünstlers Micha Ullman wurde 1995 realisiert. Die beiden benachbarten Bronzetafeln informieren gut verständlich über das Mahnmal.

Bibliothek Bebelplatz, Mitte, U6 Französische Straße

Tiergarten – Ein fliegender Bronze-Schmetterling

Es scheint, als würde er trotz des Gewichts von mehr als acht Tonnen über dem Wasser schweben: Henry Moores „Schmetterling“. 1987 wurde seine Bronzeskulptur „Large Divided Oval: Butterfly“ anlässlich der Wiedereröffnung des Hauses der Kulturen der Welt und der 750-Jahr-Feier Berlins für 3,5 Millionen DM erworben und mitten im Spiegelteich vor der „Schwangeren Auster“ aufgestellt. Der Schmetterling ist das letzte öffentliche Werk von Moore. Der britische Bildhauer starb 1986. Im Frühjahr 2010 wurde die Skulptur neu patiniert und poliert, sodass ihr bronzefarbener Glanz wieder zu Tage tritt.

Large Divided Oval: Butterfly Tiergarten, vor dem Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 1, S3, 5, 7, 9, 75 Hauptbahnhof, U55 Bundestag

Charlottenburg – Mein Freund, der Baum

Führe die S-Bahn am Savignyplatz durch, würde man Ben Wagins Weltenbaum kaum wahrnehmen. Zu sehr verschmilzt das bräunliche Wandbild mit der dunklen Brandmauer mit dem Bahnhof. Auffälliger sind die vielen Graffitis, aus denen er scheinbar herauswächst. Ein Teil der Schrifttafeln hängt noch. „Die Emailletafeln habe ich inzwischen in mein Projekt ‚Parlament der Bäume' integriert“, sagt Wargin, der mit seinem Mitte der 80er-Jahre erschaffenen Weltenbaum zum verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Umwelt aufrufen wollte.

Weltenbaum auf dem S-Bahnhof Savignyplatz, Charlottenburg, S5, 7, 9, 75 Savignyplatz

Treptow – Der durchlöcherte Mann im Wasser

Bei Sonnenschein glänzen sie, in der Abenddämmerung wirken sie fast unheimlich: Das scheinbar auf der Wasseroberfläche der Spree stehende Werk „Molecule Man“, mit seiner Größe von 30 Metern weithin sichtbar, wurde von dem amerikanischen Künstler Jonathan Borofsky erschaffen und 1999 unweit der Stadtteile von Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow aufgestellt. Rund 45 Tonnen ist der dreigeteilte Mann schwer. Wegen seines durchlöcherten Aluminiumkörpers sieht man ihm sein Gewicht nicht an.

Molecule Man : An den Treptowers 1, Treptow, S8, 9, 41, 42, 85 Treptower Park

Britz – Ein Esel, der seit 26 Jahren verrostet

Seit 26 Jahren rostet er vor sich hin. Dabei hatte es so vielversprechend begonnen. Als „Goldesel“ wurde die überlebensgroße, sitzende Grautier-Silhouette 1985 zur Eröffnung der Bundesgartenschau Berlin (Buga), dem heutigen Britzer Garten, unweit des Parks aufgestellt. Bildhauer Eckart Haisch plante von Anfang an die Verwitterung des Esels als sichtbares Zeichen der Vergänglichkeit ein. Zur Eröffnung der Buga kam mit „Rosie“ auch ein echter Esel aufs Buga-Gelände. Die Grautier-Dame hat inzwischen mit 36 Jahren ein für ihre Spezies biblisches Alter erreicht, gibt sich aber in Gesellschaft weiterer Artgenossen, Hotte, Linus und Anna, rüstig.

Goldesel: Mohriner Allee/Ecke Buckower Damm, Britz, S, U Hermannplatz, dann Bus M44 bis Britzer Damm/Mohriner Allee

Grunewald – Dauerparkplatz Rathenauplatz

1958, kurz nach dem Abschluss seines Kunststudiums, veranstaltete Wolf Vostell (1932–1998) in Paris das erste Happening Europas, bediente sich dazu Teilen von Autos und Fernsehern. Seine 1987 auf dem Rathenauplatz aufgestellten „Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja“ – der Name ist eine Anspielung auf das Goya-Gemälde „Die schöne Maja“ – waren lange Zeit umstritten. Inzwischen ist der sie umkreisende Autoverkehr lauter als einst die Aufregung. Fast 25 Jahre nach der Installation von Vostells künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Autokult und -wahn kann man sogar behaupten, sie werten den ansonsten drögen Rathenauplatz auf.

Beton-Cadillacs: Rathenauplatz, Grunewald, M19, M 29 Rathenauplatz

Friedrichshain – Die Mauer der Kunst

Der Trabi, der durch die Mauer fährt und der sozialistische Bruderkuss: Die Kunstwerke auf der East Side Gallery sind weltweit bekannt. 1990 wurde mit der Bemalung der Mauerstrecke zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof begonnen – 118 Künstler aus 21 Ländern beteiligten sich daran. Vor zwei Jahren wurde die mit mehr als 1,3 Kilometern weltweit längste und unter Denkmalschutz stehende Open-air-Mauergalerie anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls komplett saniert, Künstler der ersten Stunde kamen, um ihre Werke aufzufrischen.

East Side Gallery: Mühlenstraße, Friedrichshain, U1 Warschauer Straße, S3, 5, 7, 9, 75 Ostbahnhof