Südafrika

Pap für Brad Pitt – Soweto erfindet sich neu

Südafrika, das sind nicht nur Big Five und Garden Route. Bunt, lebenslustig und voller Optimismus, so präsentiert sich Soweto. Ein Reise abseits der bekannten Touristenpfade und mitten in die Seele von Afrikas berühmtestem Township. Aber, was ist eigentlich "Pap"?

Es ist Freitag in Soweto, Monatsende. Die Menschen haben ihren Lohn bekommen. Treibende Kwaito-Rhythmen dringen aus Häusern, wummern aus vorbeifahrenden Autos. Partystimmung liegt in der Luft. In einer Garage ist eine Hifi-Anlage aufgebaut. Frauen tanzen in der Auffahrt. Sie haben ihre Fingernägel frisch lackiert, die Frisuren sitzen.

Auch die Männer haben sich in Schale geworfen, tragen makellos gebügelte Hemden, in der Hand ein kühles Bier. Ausgelassen begeht hier die Belegschaft eines Glücksspiel-Unternehmens aus Pretoria ihr Betriebsfest. Die Herzlichkeit der Feiernden ist ansteckend. Schnell steckt der Fremde mitten im Geschehen und schwingt unbeholfen die Hüften.


Klar, dass es sich hier nicht um irgendeine Garage handelt. Sie gehört zu Wandie's Place, mittlerweile eine Institution in Soweto. Hier im Vorort Dube kennt jeder das kleine Restaurant. War es doch eines der ersten in Soweto überhaupt. Hier essen und feiern Schwarze und Weiße Seite an Seite. Die Zeiten der Apartheid, erst seit wenigen Jahren Geschichte, scheinen hier längst vergessen.

Promis entdecken Soweto

Wandie's, das ist der "Place to Be" in Soweto. Hier trifft man sich, vor allem die neue schwarze Mittelschicht, Geschäftsleute und seit einigen Jahren auch immer mehr Touristen. Selbst Promis wie Aretha Franklin, Christina Aguilera und Brad Pitt waren bereits hier. Die Wände zieren Hunderte von Visitenkarten und Fotos, die Gäste aus aller Welt an die Mauern gepinnt haben.

In den Töpfen brodeln deftige Fleischgerichte wie Chakalaka, dazu wird Pap, ein Brei aus Mais, oder Dombolo, ein gedämpftes Brot, gereicht. Scharfe Chutneys verraten den indischen Einfluss auf die südafrikanische Küche. In einem der Kessel simmert eine dunkelgrüne Masse vor sich hin. Es ist der vorverdaute Inhalt eines Kuhmagens, für den europäischen Geschmack ein eher gewöhnungsbedürftiges Gericht.

Hier funktioniert Nachbarschaft

Mittagszeit, kein freies Plätzchen weit und breit. Geschäftig eilen die Kellner hin und her. Ohne Reservierung geht jetzt gar nichts mehr. Was hier so alltäglich wirkt, ist für Soweto jedoch keinesfalls selbstverständlich - weder für Gäste noch für die Einheimischen selbst: Wandie's ist ein Ort, an dem man Freunde trifft, einen Happen isst, sich entspannt - und sich dabei einfach sicher fühlt.

Draußen auf der Straße parkt ein gepanzerter Streifenwagen. Nicht zum Schutz, vielmehr haben sich die Polizisten bei Wandie schnell eine Kleinigkeit zum Lunch geholt. Den Eingang bewacht hier kein Sicherheitsdienst, auch Elektrozäune sucht man vergebens, im nahen Johannesburg undenkbar. Doch Soweto ist anders. "Im Township funktioniert noch die soziale Kontrolle, Nachbarn passen aufeinander auf", sagt Tour-Guide Sithembiso. Überfälle kämen dort viel seltener vor als in der entvölkerten Innenstadt von Johannesburg.


Vollbracht hat diese kleine Erfolgsstory Wandie Ndala. Der 49-Jährige führt sein Restaurant seit 2002, vor kurzem hat er es zu einem Gästehaus ausgebaut. In der Nachbarschaft kennt jeder den quirligen Gastronomen. Schon zu Apartheidszeiten gehörte ihm ein legendäres "Shebeen", wie die illegalen Kneipen im Township hießen. Immer auf der Hut vor der Polizei, stets in Erwartung einer Razzia. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute eilt Wandie in einem blütenweißen Hemd von Gast zu Gast, hat für jeden ein freundliches Wort, ein strahlendes Lächeln. Wie an unsichtbaren Fäden dirigiert er das emsige Treiben in den verwinkelten Räumen und im schattigen Patio.

Jeder ist ein Businessman

Nein, Soweto besteht nicht nur aus Kriminalität und Wellblechhütten. Das etwa 20 Kilometer vor Johannesburg gelegene South Western Township ist ein verwirrendes Mosaik aus 32 Vierteln, von den Villen von Orlando West, wo einst die ANC-Prominenz residierte, bis zu den No-Go-Areas von White City. Etwa drei Millionen Menschen sollen hier leben, wie viele es wirklich sind, weiß wohl niemand so ganz genau. Noch immer ist Soweto eine gigantische Schlafstadt. Die meisten Bewohner pendeln zum Arbeiten nach Johannesburg, das sich hinter den leuchtend gelben Abraumhalden der Goldminen verschanzt.

Soweto vibriert vor Vitalität. War es zu Apartheidszeiten verboten, im Township Handel zu treiben, eröffnen nun immer mehr Geschäfte und Werkstätten. Ein Laden ist, wo ein Händler seine Waren auf der Straße ausbreitet. Hier werden Haare geschnitten und Zöpfchen geflochten, Ziegen zum Ausbluten aufgehängt, dort Obst, Gemüse oder verbeulte Autoteile angeboten. Irgendjemand hat Auspufftöpfe zu einer bizarren Pyramide aufgerichtet. Sangomas, traditionelle Heilerinnen, hocken auf dem Boden und warten auf Kundschaft. Auf einer Verkehrsinsel verkauft ein junger Mann kleine Polizei-Jeeps aus Blechdosen.

Riesige Plakatwände locken mit Produkten aus der schönen neuen Warenwelt. Auf Mauern wird für billige Handys, Softdrinks oder Bestattungsinstitute geworben, alles fein säuberlich per Hand gemalt. Dazwischen immer wieder öde Flächen, auf denen das Nichts regiert. Stadtplanung? Soweto erscheint wie ein Organismus, der atmet, pulsiert, sich hierhin ausdehnt und sich an anderer Stelle wieder zurückzieht.

Die Sarg-Branche boomt

Immobilienmakler strecken bereits ihre Fühler aus, die Grundstückspreise steigen stetig. Groß angelegte Bauprojekte stampfen Einfamilienhaus-Siedlungen für die wachsende schwarze Mittelschicht aus dem Boden. Auch für die Fußball WM 2010 wird in Soweto fiebrig gebaut. Das alte Stadion von Orlando genügte den Standards der Fifa nicht. Es wurde kurzer Hand abgerissen. Jetzt wächst an seiner Stelle die Soccer-City mit avisierten 95.000 Plätzen in die Höhe.

Doch eine Branche boomt besonders: die allgegenwärtigen "Funeral Shops". Mit riesigen Werbetafeln buhlen die Bestattungsunternehmen um Kunden. Eigentlich überflüssig, denn Bedarf gibt es in Soweto mehr als genug. Südafrika hat eine der höchsten HIV-Infektionsraten der Welt. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben sich mehr als fünf Millionen Menschen - rund 20 Prozent der Bevölkerung Südafrikas - mit dem HI-Virus angesteckt. Tour-Guide Sithembiso erzählt, dass in manchen Vierteln die Supermärkte schließen mussten, weil die Kunden einfach wegstarben.

Besonders groß ist das Elend in den von Wanderarbeitern bewohnten Wohnheimen, den so genannten Hostels. Die heruntergekommenen Baracken stammen noch aus den Zeiten der Apartheid. Damals waren Arbeiter aus fremden Provinzen gesetzlich gezwungen, dort zu leben. Heute stammen die Bewohner vor allem aus dem Kongo, Simbabwe und Nigeria. Arbeitslosigkeit, Alkohol und Prostitution bestimmen den Alltag der zumeist illegalen Einwanderer. Erst vor kurzem hat die Regierung beschlossenen, diese Lager aufzulösen. Doch nicht nur dort gehören Gewalt und bewaffnete Gangs noch immer zum Alltag in Soweto. Aus Angst vor Überfällen sind viele Geschäfte im Township komplett vergittert. Sie sehen wie vom Himmel gefallene Gefängniszellen aus. Nur ein schmaler Schlitz bleibt, um Geld und Waren hin und her zu schieben.

Und ewig lächelt Mandela

Fixpunkt und Wahrzeichen sind die beiden Kühltürme des stillgelegten Elektrizitätswerks. Früher lieferte es Strom nach Johannesburg, die schwarzen Viertel blieben im Dunkeln. Jetzt sind die beiden Betonriesen knallbunt bemalt, pop-farbene Lebensfreude strahlt über die Stadt: Mitten im gepinselten Menschengewimmel groovt eine überdimensionale Miriam Makeba ins Mikrofon, auf der anderen Seite lächelt ein gigantischer Comic-Mandela unermüdlich auf sein Soweto hinab.

Zu seinen Füßen erstrecken sich in Reih und Glied kleine propere Häuschen in aufgeräumten Vorgärten, die so genannten "Matchbox Houses". Frauen fegen im milden Morgenlicht die Gehwege, Ziegen grasen am Straßenrand, nur selten kommt ein Auto vorbei. Bescheiden ja, aber von Elend und Verzweiflung ist hier nichts zu spüren. Vielmehr scheint jedes ordentlich geharkte Blumenbeet, jeder frisch gestrichene Fensterrahmen ein Zeichen der Zuversicht auf eine bessere Zukunft zu sein.

Blitzlichtgewitter im Schlafzimmer

Gleich zwei Friedensnobelpreisträger wohnten einst in Soweto, und das sogar in der selben Straße: Gut gesichert liegt in der Vilakazi Street hinter hohen Mauern das Privathaus von Erzbischof Desmond Tutu. Nur wenige Meter entfernt stößt man auf den kleinen Backstein-Bungalow, in dem Nelson Mandela vor seiner Verhaftung 1963 lebte. Heute ist es ein Museum. Ein Schild am Eingang mahnt den Besucher, dass Waffen hier nicht erwünscht sind.

Als Mandela nach 27 Jahren Haft entlassen wurde, kehrte er nur für kurze Zeit hierher zurück. Das immense Medieninteresse ließ ihm keine Ruhe. Bereits bei Sonnenaufgang zielten die ersten Reporter mit ihren Kameras durch die Schlafzimmerfenster, erzählt Simone, die Besucher gegen ein kleines Trinkgeld durch die winzigen Räume führt. Die sind vollgestopft mit Möbeln, alten Fotos, Mandela-Devotionalien und allerlei Krimskrams, etwa den alten Schnürstiefeln des ANC-Führers oder der Bettdecke aus Antilopen-Fell, die Mandela als Mitglied des Xhosa-Königshauses zustand.

Soweto, das ist auch das Synonym für den Kampf der Anti-Apartheidbewegung. Als die Regierung 1976 Afrikaans - die Sprache der Buren - als Unterrichtssprache einführte, gingen 10.000 Schüler und Studenten auf die Straße. Brutal schlug die Polizei den Widerstand nieder, schoss in die Menge. Das Bild des getöteten zwölfjährigen Schülers Hector Pieterson ging um die Welt. Nur einen Steinwurf vom Mandela-Museum entfernt, erinnert am Tatort ein kleines Mahnmal an die blutigen Ereignisse, Blumen welken in der Sonne vor sich hin. Tour-Guide Gregory erinnert sich: "Aus Angst vor Übergriffen der Polizei zog mich meine Mutter damals wie ein Mädchen an, mit Rock und Söckchen. Sogar Zöpfe flocht sie mir ins Haar. Sie hoffte, dass ich so verkleidet sicher zur Schule kam."

Glitzernder Konsumtempel

Wieder herrscht Aufbruchstimmung in Soweto, friedlich diesmal. Erst vor wenigen Monaten hat auf einer Brache die Maponya-Mall eröffnet, das erste Shopping-Center in einem Township überhaupt. 3500 Menschen haben hier einen Job gefunden. Fast ein Wunder, liegt die Arbeitslosenquote in Soweto doch bei etwa 50 Prozent.

Als Alt-Präsident Mandela das Einkaufszentrum im September 2007 eröffnete, ging für Unternehmer Richard Maponya ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Fast dreißig Jahre hatte der inzwischen 82-jährige Geschäftsmann für sein Projekt gekämpft. Unkenrufe, es gebe im Township keine Kundschaft bewahrheiteten sich nicht. Immer mehr schwarze Südafrikaner können sich inzwischen etwas leisten - auch in Soweto. Das Geschäft in der Mall brummt.

Aber Maponya ist nicht nur eine Shopping-Mall, sie repräsentiert auch ein neues positives Lebensgefühl in Soweto. Nach Geschäftsschluss starten hier die Nachtschwärmer ins Wochenende. Im News Café dröhnen dann Soul, R&B und südafrikanischer Kwaito aus den Boxen. Von der Decke hängen riesige Lüster, auf knautschigen Sofas halten Päarchen Händchen. Drahtige Türsteher wachen streng darüber, wer in den stylischen Club hinein darf. Satte 50 Rand kostet der Eintritt, 12,50 Rand ein Bier. Üppige Preise, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Monatslohn in Südafrika bei 4000 Rand, etwa 400 Euro, liegt. Dennoch drängen sich die Wartenden ungeduldig vor dem Eingang.

Herausforderung Zukunft

Spät in der Nacht harrt Wandie in Pyjama und Schlappen vor seiner Pension aus, bis auch der letzte Gast wohlbehalten heimgekehrt ist. Müde hockt er auf einem kleinen Plastikstuhl. Auch heute war es wieder einmal ein langer Arbeitstag. Auf die Frage, was das Geheimnis seines Erfolges sei, zieht sich ein feines Lächeln über Wandies Gesicht. "Ich bin einfach immer da", sagt der Selfmade-Man lapidar.

Ob die Zeiten jetzt besser seien, als damals während der Apartheid. Natürlich, jetzt sei es auch für Schwarze möglich, Karriere zu machen. Doch dann erinnert sich Wandie fast wehmütig daran, wie es damals war, in seinem illegalen "Shebeen". Dort trafen sich die Leute, hatten Spaß, konnten offen über Politik reden - auch wenn die Angst vor der Polizei allgegenwärtig war. "Die Leute haben einfach mehr zusammengehalten, denn wir hatten ja ein gemeinsames Ziel. Heute muss jeder alleine zurecht kommen. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten." Doch eines ist sicher, Wandie hat seine Chance für eine bessere Zukunft ergriffen.

Hinweis: Touristen sollten Soweto nicht auf eigene Faust, sondern nur im Rahmen einer geführten Tour besuchen.

Die Reise erfolgte auf Einladung von South African Tourism