Es war neulich im Supermarkt. Ein Mann sprach mich an: „Wo sind denn die Eier!?“ Überrascht über den unwirschen Ton und etwas abgelenkt – ich stand an einem überbordenden Käseregal – antwortete ich zunächst: „Keine Ahnung, woher soll ich das wissen?“ – „Sie sehen eben so aus“, antwortete er auf meine Frage. Und schob nach: „Wie eine Hausfrau eben.“

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Ich dachte noch einen Moment über die Eierfrage nach. „Gegenüber vom Fleisch“, sagte ich schließlich, in der Hoffnung, dass er als Mann dieses Kühlregal kannte. Und dass er nicht verlangen würde, dass ich nun auch noch mitkommen und ihm die Eier zeigen solle. Er zog tatsächlich von dannen.

Ich fragte mich etwas beleidigt, wieso ich immer wieder für etwas gehalten werde, was ich gar nicht bin. Vor einiger Zeit redete in Kreuzberg plötzlich ein unbekannter Mann auf der Straße sehr aufgeregt auf mich ein. Ich stand auf dem Gehweg und wartete auf jemanden. Er sei gleich wieder da, versicherte der Mann mir. Es sei dringend. Und so weiter. Erst, als ich immer irritierter dreinschaute, fragte er verunsichert: „Ach, sind Sie nicht vom Ordnungamt ...?“

In diesem Fall brach ich in schallendes Gelächter aus. Ich trug eine dunkelblaue Regenjacke, bei der ich am Morgen tatsächlich selbst schon gedacht hatte, dass sie wegen der Farbe und ihrer Leuchtstreifen der Uniform von Sicherheitsleuten ähnelte.

„Sie sind doch Frau Müller, ich kenne Sie doch!“

Als Reporterin geriet ich einmal im Gleisdreieck-Park in eine Gruppe Schaulustiger, die einer Prügelei mehrerer Männer zuschaute. Vielleicht war es auch eine Art Schaukampf, jedenfalls wurde gejohlt und geschrien. Ich fragte einen jüngeren Mann, der neben mir stand, worum es bei der Aktion ging. Er schaute mich überrascht an, mit einer Miene, als hätte ich ihn bei irgendwas erwischt. „Was machen Sie denn hier?“ Nun war ich wiederum überrascht. „Sie sind doch Frau Müller, ich kenne Sie doch!“ Es stellte sich heraus, dass er mich für seine ehemalige Deutschlehrerin hielt. Vor der er offenbar ziemliche Manschetten hatte. Und die ich natürlich nicht war.

„Arbeiten Sie hier?“ Mit Personal verwechselt zu werden, regt, glaube ich, ziemlich viele Menschen auf. Neulich in einem Sportgeschäft habe ich selbst versehentlich eine Kundin so angesprochen. Sie räumte gerade ein Paar Schuhe in ein Regal. Sie war empört. Ich entschuldigte mich, fand meine Frage aber ebenso berechtigt wie wahrscheinlich der Eiermann die seinige im Supermarkt auch.

An Rollenzuschreibungen ist man immer auch selbst schuld

Woran liegt es, dass einen manche Verwechslungen ärgern und andere nicht? Klar, auch an den Rollen. Die Print-Leserinnen unter Ihnen erinnern sich noch an mein früheres Foto in dieser Kolumne, auf dem ich ein geblümtes T-Shirt trug. Das Kleidungsstück interpretierten einige offenbar als Hauskittel. Ich erfuhr davon, als mir eine Leserin ein Kompliment machte: Sie finde es mutig, dass ich mich in meinem Hauskittel in der Zeitung abbilden lasse.

Was ich daraus gelernt habe: An solchen Rollenzuschreibungen ist man immer auch selbst schuld. Das Blumenshirt war als Hinweis auf meinen Garten gedacht, der früher eine größere Rolle hier spielte. Aber gut, ich hätte gewarnt sein können. Geblümte Kittelschürzen sind auf dem Wochenmarkt der Kleinstadt nach wie vor sehr beliebt.

Vor lauter Achtsamkeit stellen wir anderen immer weniger Fragen

Andererseits sagt es ja auch viel über einen selbst aus, mit welchen Rollen man verwechselt wird. Vielleicht würde ich als Ordnungsamtsmitarbeiterin sogar eine ganz gute Figur machen. Vielleicht würde es mir sogar gefallen, Knöllchen zu verteilen. Und Supermärkte liebe ich ohnehin. Allerdings habe ich großen Respekt vor dem körperlich anstrengenden Job, der zudem ja nicht gerade üppig bezahlt wird. Lehrerin wäre ich tatsächlich aber nur ungern – und ich weiß, wovon ich rede. Nach meinem Volontariat habe ich viele Jahre ein Zeitungsprojekt für Schulen betreut, bei dem Lehrer mich in ihre Klassen einladen durften.

Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe: Es ist vollkommen egal, wie man aussieht oder wer man ist. Was für Schüler zählt, ist, dass man ihnen glaubwürdig etwas erzählt. Und sie selbst genau so nimmt, wie sie sind. Wenn Sie sich also fragen, wieso manche Lehrer so schludrig oder seltsam aussehen: genau deswegen. Und das finde ich an sich ein gutes Zeichen.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.