Dass sich Leserinnen und Leser dieser Kolumne bei der Berliner Morgenpost oder direkt bei mir gemeldet haben, um Timo zu helfen, hat mich nicht gewundert, vielmehr gefreut. Danke dafür. Zur Erinnerung: Timo ist jung, arbeitet als Monteur, seine Freundin setzte ihn nach der Trennung vor die Tür. Kurzfristig fand er Zuflucht bei einem Freund, lange aber keine bezahlbare Wohnung in Berlin. Obdachlosigkeit drohte. Not und Angst waren riesig. Gut für Timo: Seine Notlage ist beseitigt.

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Fast jede Woche haben wir Berlinerinnen und Berliner um Hilfe gebeten. Das war etwa zwischen 2010 und 2020; ich war damals Leiter der Bahnhofsmission Zoologischer Garten. Täglich kamen 600 bis 700 obdachlose und arme Gäste, es fehlte ständig an allen Ecken und Kanten. Weil uns geholfen wurde, konnten wir helfen: Lebensmittel, Bekleidung, Schlafsäcke, Hygieneartikel; meist waren unsere Lager voll. Und klapperten wir laut und ordentlich, bekamen wir sogar Geld. Das kann zum Segen werden. Die meisten Spenden erhielten wir übrigens, als wir um Hilfen für die Hunde der Obdachlosen baten.

Ich bin kein Fachmensch für obdachlose Kinder und Jugendliche. Es gibt sie in Berlin. Am Bahnhof Zoo gab es sie damals kaum. Und eigentlich bin ich froh darüber, ich hatte wenig mit ihnen zu tun. „Sie sind doch selbst schuld“ ist eines der größten Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen. Ich hörte und höre den Satz häufig. Von Schuld freigesprochen sind aber Kinder. Ihre Geschichten rühren, Menschen werden großzügiger. 

Obdachlose Senioren: Gesellschaft reagiert mit Anteilnahme und Hilfe

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Bei Frauen ist das ähnlich. Auch hier ist die Gesellschaft eher bereit, das kollektive Portemonnaie zu öffnen. Hilfen und private Spenden sind eher möglich. Aber: Auch hier sind weitere Unterstützungen nötig! 75-jährige, gar 80-jährige obdachlose Menschen rühren die Menschen ebenfalls. Schreibt jemand ihre Geschichte auf, wird geholfen. Sitzen sie dann noch im Rollstuhl, bekommt die Gesellschaft zu Recht Atemschwierigkeiten. Und hilft. Wenn man beharrlich erinnert.

„Wir müssen unseren deutschen Bürgern doch helfen, dürfen nicht alles den Flüchtlingen geben.“ Ich hörte das oft und hatte damit meine Schwierigkeiten. Nächstenliebe, die nach Nationalitäten unterscheidet, kenne ich nicht. Ich habe mir sagen lassen, das nimmt gerade sogar wieder zu. Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, „dem guten, deutschen Obdachlosen“ zu helfen. Wer dabei „gut“ ist, tauschen wir vielleicht bei anderer Gelegenheit aus.

Was aber machen wir mit den Männern zwischen 30 und 60, deren Wiege nicht in Deutschland stand, die vielleicht ein großes Suchtproblem haben und möglicherweise psychisch erkrankt sind? Mit Rumänen und Polen, Bulgaren und anderen Menschen aus Osteuropa, die hier auf der Straße leben? Mit Menschen, deren Deutsch schlecht ist, die keine Familie in Berlin und oft keinen Anspruch auf Hilfen haben, die wir für andere selbstverständlich finden? Da wird es kompliziert. Politik und Gesellschaft, manchmal selbst das Hilfesystem, sind langsamer. Es gibt Hilfen, Beratungsstellen und Notunterkünfte. Aber auch Grenzen, Zuständigkeiten und die Frage: Wer fühlt sich verantwortlich?

Hilfsbereitschaft: Wem Menschen am ehesten Unterstützung geben

Und dann gibt es noch uns. Die Menschen, die helfen könnten. Da scheint es ein Ranking zu geben. Kinder weit oben. Alte Menschen ebenfalls. Frauen ziemlich weit vorne. Der deutsche Mann mittleren Alters schon schwieriger. Der Suchtkranke, psychisch kranke Mann aus Rumänien oder Polen? Ziemlich weit unten.

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Das ist bitter. Wenn ein Mensch friert oder Hunger hat, darf die erste Frage nicht sein: „Woher kommst du?“ Am Bahnhof Zoo habe ich gelernt: Die Bedürftigkeit eines Menschen ist nicht proportional zu unserer Bereitschaft, ihm zu helfen. Manche Geschichten öffnen Herzen und Portemonnaies. Andere lösen Abwehr aus. Nicht, weil niemand helfen wollte. Sondern weil Hilfe davon abhängt, wen wir als hilfsbedürftig ansehen. Timo hatte Glück. Seine Geschichte verstanden viele: junger Mann, Arbeit, Trennung, Wohnung weg. Da sagt man: „Dem muss doch geholfen werden.“ Ja. Muss man. Aber eigentlich gilt das doch für alle.

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