Im Herzen Berlins sitzen Menschen an Tischen und spielen ein Spiel, das eigentlich mehr sein will als ein Spiel. Eingeladen haben die Deutsche Presse-Agentur (dpa), das Bonn Institute und mehrere Medienhäuser – darunter die Berliner Morgenpost, der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) und die Deutsche Welle. Die hochmoderne Zentralredaktion der dpa befindet sich in der Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg – direkt an der Mauer, nicht weit weg vom goldenen Springerhochhaus.

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Sie bildet das journalistische Herzstück der größten deutschen Nachrichtenagentur. Bei „Eine Stunde reden“ geht es um ein analoges Dialogformat, das Redaktionen helfen soll, mit ihrem Publikum ins Gespräch zu kommen. Dahinter steht eine Frage, die viele Medien umtreibt: Wie erreicht man Menschen noch, wenn sie sich von klassischen Nachrichten entfernen?

Für dpa-Vizechefin Astrid Maier ist das Format eine Antwort auf einen spürbaren Bedarf: „Wir merken, dass es bei unseren Kunden ein Interesse daran gibt, ihr Publikum in Dialogformaten besser kennenzulernen.“ Medienmarken müssten sich nahbarer und zugänglicher zeigen in einer Welt voller KI‑Content. „Das Angebot ist bewusst niedrigschwellig und kostengünstig. Man kann es in Redaktionen spielen, in einer Kneipe, auf einem Marktplatz oder im Park.“
Ein Safe Space zum Reden
Die Regeln sind einfach: Alle am Tisch bekommen gleich viel Redezeit, niemand darf dazwischengehen. Viele Menschen hätten heute das Gefühl, nicht mehr offen sagen zu können, was sie denken, „weil man sofort gehatet oder abgesagt wird“, so Maier. Das Spiel soll einen geschützten Rahmen für unterschiedliche Perspektiven schaffen. Es gehe nicht um Konsens, sondern um Vielfalt.
Während politischer Streit heute oft laut und zugespitzt in sozialen Medien stattfindet, hören sich die Menschen hier vis-à-vis zu. Die Teilnehmenden wurden unterschiedlich mobilisiert. Der rbb sprach Mitglieder eines Bürgerrats an, die Deutsche Welle aktivierte über TikTok und Instagram und adressierte vor allem internationale Berlinerinnen und Berliner.

Auch Ellen Heinrichs, Chefin des Bonn-Institute, kennt das Problem der Zurückhaltung: „Die Gesellschaft ist so polarisiert, dass die meisten Menschen nicht mehr offen ihre Meinung sagen. Das zeigen Umfragen.“ Für die Demokratie sei das kein gutes Zeichen. Das physische Spieleset des Dialogspiels „Eine Stunde reden“ kann man direkt online beim Bonn Institute beziehen. Es kostet 49 Euro. Das Dialogspiel lässt sich flexibel einsetzen – ob im kleinen Kreis an einem Tisch mit wenigen Teilnehmenden oder in einem großen Saal mit Dutzenden Menschen an vielen Tischen. An jedem Tisch wird über ein bestimmtes Thema gesprochen. Die Spielleitung übernehmen Menschen, die dafür sorgen, dass alle am Tisch gesehen und gehört werden. Eine Stunde reden soll ein Safe Space zum Reden sein, ohne Hass.
Anja aus Pankow beklagt gestiegene Preise für Eigentumswohnungen
An einem Tisch der Deutschen Welle sitzt Dr. Kenneth Norwood, ein Games-Researcher aus Texas. Er lebt seit drei Jahren in Berlin. Da er als Expat kein Wahlrecht hat, sieht er das Format als Chance: „Da wir kein Wahlrecht haben, ist das eine Möglichkeit, uns Gehör zu verschaffen.“ Gerade vor lokalen Wahlen könne er so eine sonst politisch wenig sichtbare Perspektive einbringen.

Am Tisch der Berliner Morgenpost erzählt die 69-jährige Anja aus Pankow von ganz anderen Sorgen: „Pankow erlebt gegenwärtig eine unglaubliche Verdichtung.“ Spielplätze verschwänden, Mieten stiegen. Für ihre Einzimmerwohnung müsse sie „wahnsinnig viel Geld“ zahlen. Trotz ihrer Liebe zu Berlin sorgt sie sich vor staatlichen Zugriffen auf Vermögen und verweist auf Videos im Netz. Solche Momente zeigen, warum Medien neue Gesprächsformen suchen: Am Tisch treffen Alltagserfahrungen, persönliche Ängste und Informationen aus digitalen Quellen unmittelbar aufeinander.
Adrian sucht den „realen, persönlichen Dialog“
Ebenfalls am Tisch der Morgenpost beim Event „Eine Stunde reden“ sitzt Adrian aus Gesundbrunnen. Dass er heute hier ist, liegt gar nicht primär am Hauptthema Wohnen. „Eigentlich hat mich sogar noch mehr das Format angesprochen“, erzählt er. In einer Zeit, in der fast alles nur noch online kommentiert wird, suchte er den realen, persönlichen Dialog von Mensch zu Mensch.

„Das klingt interessant, da schreibe ich mich ein“, dachte er sich und nutzte nun die Gelegenheit zum Austausch im dpa‑Headquarter. Das Dialogspiel führt so zwei Debatten zusammen: die Entfremdung zwischen Medien und Publikum – und die Verunsicherung darüber, was in Zeiten von KI und Fake News noch verlässlich ist. Die Antwort an diesem Abend ist überraschend schlicht: Menschen setzen sich an einen Tisch, hören einander zu und Redaktionen hören mit.





