Viele Neuköllner schienen trotz Ankündigung von der Bombenentschärfung am Mittwochabend überrascht worden zu sein. Ratlose Gesichter am Straßenrand, darunter Fahrradfahrer und E-Scooter-Nutzer, die vor der Polizei-Absperrung seufzend umkehren. Autos und Taxis in Warteschleife. Menschen, die panisch in ihre Handys tippen und die Köpfe mit den Nachbarn zusammenstecken.

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„Dann gibt es heute eben Döner“, sagte eine Mutter, die samt Ehemann, Tochter und Koffern frisch aus dem Urlaub zurückgekehrt zu sein scheint. Während im Hintergrund die Lautsprecher der Polizei ertönten, die die Bewohner zum Verlassen des betroffenen Gebiets aufforderten, lief ein junger Mann unter Zustimmung der Beamten schnell in den Sperrkreis, um Medikamente für seine betagte Mutter aus der Wohnung zu holen.

Neukölln: Fliegerbombe am Kanal wurde entschärft

Am späten Mittwochabend verkündete die Polizei dann die erfolgreiche Entschärfung der 100 Kilogramm schweren Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Alle Sperrmaßnahmen seien aufgehoben. „Es besteht keine Gefahr mehr“, teilte die Polizei mit

Die Bombe wurde gegen 10.40 Uhr auf dem Grund des Neuköllner Schifffahrtskanals entdeckt. Sie wurde ans Ufer gebracht, die Entschärfung noch für denselben Tag angeordnet. Der Blindgänger lag am Weigandufer zwischen der Teupitzer Brücke und der Brücke an der Treptower Straße. Entdeckt wurde er, weil Berlins Wasserstraßen regelmäßig auf Kriegsmunition abgesucht werden. Die Entschärfung fand an Land statt.

Fliegerbombe in Berlin-Neukölln gefunden
Polizeibeamte des Kampfmittelbeseitigungsdienstes stehen an der entschärften Bombe. © Annette Riedl/dpa | Annette Riedl

Gegen 21.30 Uhr berichtete die Polizei noch, dass die letzten Krankentransporte für Anwohner das Sperrgebiet kurz vor der Entschärfung verlassen hatten.

WWII bomb discovered in Berlin
Der Blindgänger wurde aus dem Wasser geborgen.© IMAGO/Volodymyr Sindieiev

Sperrkreis von 500 Metern um Bombe: 5600 Haushalte betroffen

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst der Berliner Polizei hatte einen Sperrkreis um den Fund- und Entschärfungsort gezogen. Der Radius betrug 500 Meter. Insgesamt waren etwa 5600 Haushalte von der Evakuierung betroffen. Die Polizei war mit 200 Kräften im Einsatz und begann am Mittwochnachmittag mit der Evakuierung. Betroffen war auch der Berliner Nahverkehr. Die Buslinien M43, 171 und 166 wurden umgeleitet, teilten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit. 

WWII bomb discovered in Berlin
Die Polizei fuhr mit Lautsprecherwagen durch den Kiez.© IMAGO/Volodymyr Sindieiev

„Die Polizei hat an unsere Tür geklopft und gesagt, wir sollen sofort raus“, erzählte ein Anwohner dieser Redaktion am frühen Abend. „Ich habe nur das dabei, was ich am Körper trage.“ Ihm sei gesagt worden, die Entschärfung könne bis 4 Uhr morgens andauern.

Der Bezirk Neukölln richtete eine Notunterkunft mit rund 200 Plätzen in der Adolf-Reichwein-Schule ein. Der Zugang war über die Böhmische Straße 20 möglich. Dort warteten die ersten Anwohner bereits eine halbe Stunde vor der Öffnung vor verschlossenen Türen.

Gegen halb acht am Abend hatten sich 250 Menschen in der Notunterkunft eingefunden. „Wir schaffen gerade mehr Kapazitäten, dann haben wir Platz für 400 bis 500 Personen“, teilte der Büroleiter des Neuköllner Bezirksbürgermeisters unserer Redaktion vor Ort mit.

WWII bomb discovered in Berlin
Die Beamten gehen von Haustür zu Haustür, um Menschen aus ihren Wohnungen zu evakuieren.© IMAGO/Volodymyr Sindieiev

Es gebe einen „guten Zulauf“. Die Notunterkunft sei zwar vornehmlich für Menschen gedacht gewesen, die keine alternative Bleibe hätten. „Das scheinen aber mehr zu sein, als wir ursprünglich gedacht haben“, so der Büroleiter. Mitarbeitende des Deutschen Roten Kreuzes verteilten Essen, Wasser und Kaffee an die evakuierten Menschen. Auch der sozialpsychiatrische Dienst war vor Ort.

Die 16-jährige Konstantina wartete seit den frühen Abendstunden darauf, zurück in ihre Wohnung zu dürfen. Sie saß gegen acht Uhr mit ihrer sechsköpfigen Familie im Innenhof der Schule. Daneben spielen Nachbarskinder Fußball. „Ich glaube, dass wir nicht hier übernachten müssen“, sagte sie.

Neuköllns Sozialstadtrat Hannes Rehfeldt (CDU) organisierte am Abend zur Sicherheit rund 40 Feldbetten. „Für kleine Kinder, Ältere oder Menschen, die im Rollstuhl sitzen. Damit sie sich zwischendurch mal hinlegen können“, sagte er. Die Betten wurden in der Mensa aufgebaut.

Ein Beamter der Berliner Polizei und zwei Feuerwehrkräfte stehen vor der Notunterkunft an der Sonnenallee und besprechen sich.
Einsatzkräfte der Feuerwehr, Polizei sowie des Deutschen Roten Kreuzes betreuten die Notunterkunft an der Sonnenallee.© Berliner Morgenpost | Laura Wagener

Tausende Blindgänger liegen noch immer unter Berlins Straßen

Im Sperrkreis lag auch ein Abschnitt der Ringbahn sowie ein Teil der Stadtautobahn A100. Hier sperrten die Einsatzkräfte erst im Moment der Entschärfung, sagte ein Polizeisprecher. Im Südwesten reichte der Sperrkreis bis an die Sonnenallee. Neben einem Pflegeheim für Obdachlose liegt auch ein Seniorenheim im Bereich. Das Seniorenheim musste allerdings nicht geräumt werden. Mit dem Altenheim sei abgemacht worden, dass die Bewohner im Haus bleiben könnten und es nicht verlassen müssten, sagte Polizeisprecher Martin Halweg. Sie sollten sich aber nur im Hausinneren aufhalten und nicht an den Fenstern. In dem Heim gibt es auch Bewohnerinnen und Bewohner, die im Bett liegen oder im Rollstuhl sitzen.

WWII bomb discovered in Berlin
Passanten müssen umkehren.© IMAGO/Volodymyr Sindieiev

Zwar ist der Zweite Weltkrieg bereits seit mehr als 80 Jahren vorbei. Seine Folgen werden Berlin wohl noch über Generationen beschäftigen. Die genaue Anzahl der noch unentdeckten Blindgänger ist zwar nicht bekannt. Es gibt jedoch Rechenmodelle, die auf mehrere Tausend kommen.

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Nach Schätzungen ist jede fünfte Bombe nicht explodiert

Wie viele Bomben im Luftkrieg über Berlin abgeworfen wurden, kann nur sehr grob geschätzt werden. Experten gehen von 1,35 bis zwei Millionen Tonnen Sprengmasse aus, die von der britischen und der US-amerikanischen Armee zwischen 1942 und 1945 über dem Deutschen Reich abgeworfen wurden – 47.000 Tonnen waren es bei 378 Angriffen über der Reichshauptstadt Berlin. Die Quote der Blindgänger wird auf zwischen fünf und 20 Prozent geschätzt.

WWII bomb discovered in Berlin
Die direkte Fundstelle wurde abgeriegelt.© IMAGO/Volodymyr Sindieiev

Wie viel davon geborgen und unschädlich gemacht wurde, ist nicht klar. Die Statistik der Polizei weist mehr als 1200 dokumentierte Entschärfungen auf. Die Zahlen wurden allerdings erst ab 1948 und bis 1990 nur für den Westteil der Stadt erhoben. Wie viele Blindgänger noch im oder unmittelbar nach dem Krieg entschärft wurden, ist nicht erfasst. Ebenfalls nicht bekannt ist, wie häufig der Kampfmittelräumdienst in der Hauptstadt der DDR ausrücken musste.