Neulich spielte sich in der Turmstraße 91 wieder so ein Drama ab, das sich kaum erdichten lässt. Die Wirklichkeit überbietet die Fantasie manchmal in unvorstellbarer Weise. Im Saal 500 des Kriminalgerichts Berlin wurde der Fall eines Mediziners verhandelt, der am Ende wegen 15-fachen Mordes verurteilt wurde. Die Morgenpost berichtete ausführlich.

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Der 41-jährige Arzt machte sich zum Herrn über Leben und Tod und nutzte dabei die Hilfsbedürftigkeit und Hilflosigkeit der schwerkranken Patienten aus. Er verabreichte ihnen Medikamente, die ihren Tod herbeiführten. Er wurde mit der höchstmöglichen Strafe belegt, die das deutsche Strafrecht vorsieht: lebenslange Haft mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und anschließender Sicherungsverwahrung. Aller Voraussicht nach wird er nicht mehr in Freiheit gelangen.
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Das Berliner Kriminalgericht hat schon viele solcher Dramen erlebt. Es ist der größte Justizkomplex Europas. Das liegt daran, dass sich hinter dem riesigen Areal mit mehreren ineinander verschachtelten Gebäuden und unzähligen Verhandlungssälen auch noch die Untersuchungshaftanstalt befindet. Sie ist für sich genommen mit knapp 900 Plätzen eine der größten Haftanstalten in Deutschland.
Das Besondere an dem ganzen Komplex besteht darin, dass Gefängnis und Gericht mit unterirdischen Gängen verbunden sind. So können Insassen in – fast – jeden Verhandlungssaal gebracht werden, ohne dass sie – wie andernorts – dorthin transportiert und über die öffentlich zugänglichen Gänge hineingebracht werden müssen. Besucher können diese Geheimgänge im Kriminalgericht an den brückenähnlichen Querkonstruktionen erkennen, weswegen sie auch „Seufzerbrücken“ heißen.
Angeklagte aus der U-Haft laufen durch die Gänge in den Saal
Der Saal 500 ist einer der beiden großen Verhandlungssäle im Kriminalgericht. Hier werden die Angeklagten aus der U-Haft durch einen dieser Gänge auf der linken Seite des Saals hineingebracht. So erging es nicht nur dem mörderischen Arzt. Auch der wohl prominenteste Insasse wurde so in den Saal geführt: Der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, als er sich nach dem Fall der Mauer für das DDR-Unrecht, vor allem die Mauertoten, verantworten musste. Auch der letzte DDR-Chef Egon Krenz und der berüchtigte Geheimdienstchef Erich Mielke gelangten so in den Verhandlungssaal.
Honecker war nicht der einzige Prominente in Saal 500. Wahrscheinlich fand hier auch der Prozess gegen den Maler und Zeichner George Grosz statt, der sich ab 1927 unter anderem wegen Gotteslästerung vor Gericht verantworten musste. Er hatte Jesus am Kreuz mit einer Gasmaske gezeichnet. „Maul halten und weiter dienen“ stand darunter. Schließlich wurde er freigesprochen.
Steglitzer Schülertragödie wurde im Saal 500 verhandelt
Im Saal 500 wurde auch Justizgeschichte geschrieben. Ebenfalls im Jahr 1927 ereignete sich die sogenannte Steglitzer Schülertragödie. Vier Heranwachsende verabredeten sich zu einem Selbstmordpakt. Während einer der Jugendlichen die Tat an einem Mitschüler ausführte, hielt sich sein Mitschüler Paul Krantz nicht an die Verabredung. Er wurde dennoch wegen Mordes angeklagt. Der Prozess gegen den Heranwachsenden hatte maßgeblichen Einfluss auf die Reform des Jugendstrafrechts, in dem strafmündige Heranwachsende anders behandelt werden als Erwachsene. Krantz wurde schließlich freigesprochen. Später wanderte er in die USA aus und wurde unter anderem Namen Literaturprofessor.
Für die Prozesse gegen die RAF-Terroristen wurden der Saal 500 und sein noch etwas größerer Bruder ein Stockwerk darüber, der Saal 700, umgebaut. Seitdem gibt es dort Einlassschleusen mit Metalldetektoren, die bei Bedarf aufgebaut werden. Die Terroristen des Anschlags auf das Maison de France am Kurfürstendamm (1983) und die Diskothek La Belle in Friedenau (1986) wurden hier verurteilt, wie auch der Kaufhauserpresser „Dagobert“ (1994).
Der Prozess gegen den Hauptmann von Köpenick, Wilhelm Voigt, fand übrigens nicht in Moabit statt, sondern im damaligen Landgericht II. Das befand sich nach heutiger Adresse am Halleschen Ufer 29 in Kreuzberg. Da steht heute ein ziemlich hässlicher Neubau, einen Hinweis auf den historischen Ort sucht man dort vergebens.




