Immerhin, es liegen Erfahrungen vor: Seit April 2025 ist der Konsum von Alkohol unter anderem im Hamburger Hauptbahnhof verboten. Die Zahl der Konflikte und Auseinandersetzungen ging dort spürbar zurück. Das Sicherheitsgefühl der Reisenden soll sich verbessert haben, der Reinigungsaufwand ist gesunken. So lautet eine erste Bilanz.

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Nachdem das Konsumverbot bislang an 30 großen Bahnhöfen gilt, soll es bis zum 15. Oktober bundesweit auf allen Bahnhöfen umgesetzt werden. „Shit, kann ich nun im Speisewagen kein Hefe mehr trinken?“, mir fuhr sogleich der Schreck in die Glieder. Jeder denkt zunächst an sich. Mir ist das auf abendlichen Fahrten wichtig. Ich finde es gemütlich. Die kleine Pause mit Bier in der Bahn verkürzt die Reise angenehm. Ich spreche aber von einem Hefe. Auf Gelage habe ich keine Lust. Und ob mit oder ohne Hefe: Ich bleibe zuvorkommend gegenüber den Menschen, die in den Zügen oder auf den Bahnhöfen arbeiten. Sie machen doch nur ihren Job.

Das kurze Nachlesen der Meldung half: In den Zügen und auch in der Gastronomie auf den Bahnhöfen wird auch künftig Alkohol ausgeschenkt. Dass Alkohol enthemmt, viele Menschen Schwierigkeiten im Umgang damit haben und dabei nicht nur ihre Manieren, sondern auch Anstand und gute Kinderstube vergessen, ist keine neue Erkenntnis.

Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. Neben sozialen Themen widmet er sich in seiner Kolumne dem Älterwerden.
Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. Neben sozialen Themen widmet er sich in seiner Kolumne dem Älterwerden.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Es geht um handfeste Übergriffe auf die Beschäftigten des Staatskonzerns

Im Alltag lässt sich das leider häufig beobachten. Nur geht es hier nicht um Manieren oder Kinderstube. Es geht um handfeste Übergriffe auf die Beschäftigten des Staatskonzerns, um Beleidigungen, Tätlichkeiten, manchmal leider sogar um Tötungsdelikte. Ob es da Zusammenhänge gibt? Vermutlich ja. Das sagen jedenfalls oft diejenigen, die die Arbeit vor Ort machen.

„Die Bahn ist eine Familie.“ Das war einmal ein Leitsatz, gehörte zur DNA der Deutschen Bahn. Vor Jahrzehnten sagten das noch viele. Und noch immer arbeiten etliche daran, dass das nicht nur ein Gerücht ist. Wer Verantwortung für Beschäftigte trägt, muss sie auch schützen. Insofern erfüllt die Bahn mit einem Alkoholverbot vor allem eine ihrer wichtigsten Aufgaben: Sie sorgt für mehr Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der Preis dafür ist überschaubar: Man verzichtet gelegentlich auf Alkohol auf dem Bahnsteig. Der mögliche Gewinn ist groß. Nüchtern betrachtet geht es hier nicht um ein Stück verlorene Freiheit, sondern um ein Stück gewonnene Sicherheit. Wenn Beschäftigte dadurch seltener beleidigt, bedroht oder angegriffen werden, dann ist das den Verzicht wert. Im Zweifelsfall retten solche Maßnahmen sogar Menschenleben.

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Auch im Straßenverkehr schützten Verbote

Persönliche Freiheiten werden gelegentlich reglementiert und eingeschränkt. Gott sei Dank. Wir kennen das aus dem Straßenverkehr: Alkohol am Steuer macht uns Menschen auch dort Schwierigkeiten. Freiheit endet eben dort, wo andere gefährdet werden.

Ob und wie das umzusetzen ist, ob genügend Personal dafür vorhanden ist – die jeweiligen Interessenvertreter bringen sich nun in Position und verhandeln darüber. Vermutlich ist das kein leichter Job für die Bundespolizei. Einen leichten Job aber kennt sie ohnehin nicht.

„Wie hältst du’s mit den Obdachlosen? Sie halten sich doch oft an Bahnhöfen auf. Werden sie dadurch verdrängt?“ Immerhin arbeitete ich über 30 Jahre in diesem Bereich und leitete zehn Jahre lang die Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. Einige wird es wundern: Ich unterstütze die Absichten der Bahn.

Die eigentliche Zumutung ist nicht das fehlende Bier am Bahnsteig

Obdachlose Menschen sind in Bahnhofsmissionen weiterhin sehr willkommen. Sie erhalten vielfältige Hilfen, oft Essen, Bekleidung und Seelsorge. Manchmal steht – wenn das Geld vorhanden ist – auch Fachpersonal für Beratungen zur Verfügung. Das hat übrigens schon manches Mal die Bahn finanziert. Auch, um mit dem Trinken aufzuhören.

Dass es Bedrohungen und Übergriffe gibt, davon wissen die Kolleginnen und Kollegen vor Ort leider ein trauriges Lied zu singen. Und manchmal haben sie Angst. Unser Zusammenleben mit obdachlosen Menschen muss nicht ohne Regeln sein. Viele sind alkoholerkrankt – aber nicht doof. Sie dürfen weiterhin trinken. Vor und nach dem Besuch der Bahnhöfe, nur eben nicht mehr dort.

Ich gönne obdachlosen Menschen ein Wohnzimmer, ein eigenes Bett und fachliche Hilfen. Dass sie verdrängt werden, ist nicht neu. Die eigentliche Zumutung ist nicht das fehlende Bier am Bahnsteig. Die eigentliche Zumutung ist, dass wir noch immer zu wenige Wohnungen für Menschen ohne ein Zuhause bauen.

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