Er sei das modernste und überhaupt „tollste“ Fahrzeug der Welt, schwärmte Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) am Mittwochmorgen. Pünktlich um 9.43 Uhr, aber dennoch mit fünf Monaten Verspätung, rollte feierlich der erste „Urbanliner“ vom Betriebshof der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in Weißensee. Die gut 50 Meter langen XXL-Straßenbahnen werden zunächst auf der Linie M4 fahren. Zwischen Falkenberg und Hackescher Markt (Mitte) ersetzen sie die bisherigen kürzeren Züge. Perspektivisch sollen „Urbanliner“ auch auf anderen Strecken eingesetzt werden.

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15 neue Fahrzeuge würden noch in diesem Jahr in Betrieb genommen, weitere 15 bis 2028, kündigte BVG-Chef Henrik Falk an. Bis 2030 sollen insgesamt 65 „Urbanliner” in Berlin unterwegs sein. Die Fahrzeuge stünden technisch für den weltweit modernsten Standard, versicherte Alstom-Vertriebschef Christoph Klaes bei der Premierenfahrt.
Die ursprünglich für Februar geplante Premiere der neuen Straßenbahnen war damals kurzfristig abgesagt worden. Grund: Es fehlte eine Zulassung der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB). Bei Berechnungen zur Belastung durch die überlange Straßenbahn im Bereich des Alexanderplatzes hatte es Fehler gegeben. Peinlich für Berlin und die BVG, zumal die Bahnen ursprünglich sogar schon Anfang 2025 fahren sollten.
„Steigen Sie ein, fahren Sie Urbanliner“

„Aber wir haben damals schnell eine Videokonferenz einberufen und sind ruhig und ehrlich mit dem Thema umgegangen“, lobte Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) nun bei der Premierenfahrt die Aufarbeitung. Am Alexanderplatz wurden nach statischen Nachberechnungen zwei zusätzliche Stützen im U-Bahn-Tunnel eingebaut, um auch ein höheres rechnerisches Belastungsszenario zusätzlich abzusichern.
Die Redner nutzten den gemeinsam „ausgebügelten“ Fehler und das auch wahlkampfbedingt große Publikum für eine positive Bilanz. Nach dem Motto: Nicht alles in Berlin ist schlecht. Die BVG habe im vergangenen Jahr mit 550 Millionen Euro 40 Prozent mehr investiert als im Jahr zuvor, rechnete Henrik Falk vor. In diesem Jahr werde sich die Summe noch einmal erhöhen auf eine Milliarde Euro.
Fast im Wochentakt gebe es Eröffnungen von Betriebshöfen, Spatenstiche oder andere Erfolgsmeldungen. Gerade ist der Neubau des Waisentunnels gestartet, der Unterquerung zwischen den U-Bahn-Linien U5 und U8 unter der Spree. 100 Millionen Euro sind für den komplizierten Unterwasser-Bau veranschlagt. Er soll bis 2030 abgeschlossen sein.
Auffälligster Unterschied sind die fehlenden Außenspiegel

Die Linie M4 gilt mit täglich 100.000 Fahrgästen als eine der meistfrequentierten der Stadt. „Steigen Sie ein, fahren Sie Urbanliner“, warb Giffey für die neuen Fahrzeuge, die den Slogan tragen: „Neuwagen für alle“. Die neuen Züge sind gut zehn Meter länger als die bisherigen Trams. Gut 300 Fahrgäste passen hinein. Auffälligster Unterschied: Sie bestehen aus neun Segmenten und haben keine Außenspiegel. Navigiert wird stattdessen mit Kameratechnik.
Die ersten Fahrgäste im Premierenzug lobten den barrierefreien Einstieg, den breiten Mittelgang und die Flächen für Rollstühle und Rollatoren. „Allerdings hilft uns das nichts, wenn Straßenbahnhaltestellen wie in Mitte noch immer mitten auf der Straße liegen. Ohne Bahnsteig kommen wir nicht raus“, sagte eine Schulpädagogin, die mit vier Kindern im Rollstuhl und Kolleginnen zufällig eingestiegen war. Eins der größten Probleme für Menschen im Rollstuhl seien die vielen, oft für lange Zeit defekten Fahrstühle in U- und S‑Bahnhöfen, sagte sie.
In 17 Minuten vom Weißen See zum Alexanderplatz

Einige Tram-Fans begutachteten die Inneneinrichtung ausgiebig. „Es riecht alles noch neu“, fand ein älterer Herr, der die niedrigen Sitze testete. Die Bahnen versprechen mehr Komfort. Durch ruhigeres Fahren, Klimaanlagen und ein Lichtkonzept mit unterschiedlich warmem Licht tags und nachts. Verschiedenfarbige Leuchtbänder an den Türen und Haltestangen mit „Golfballstruktur“ zum Tasten sollen Orientierung geben. Über Rufknöpfe ist ein direkter Kontakt zum Fahrpersonal möglich. Sogar Sitznischen für Assistenzhunde sind ausgeschildert.
Was den „Urbanlinern“ fehlt, sind allerdings Fahrkartenautomaten. Erstmals habe man in der Tram darauf verzichtet, so die BVG. Die meisten Fahrgäste seien ohnehin mit digitalen Tickets oder Deutschlandtickets unterwegs. Analoge Fahrkarten gebe es nach wie vor an der Tramstrecke in Verkaufsstellen. Immerhin: Stempelautomaten hat der „Urbanliner“ nach wie vor. Neben der ganzen Digitaltechnik in der neuen Tram wirken sie wie Vintage-Objekte.
Das beste Argument, die Straßenbahnlinie M4 zu nutzen, erlebten viele Premierengäste nicht mehr. Während sich Autofahrer durch Weißensee und Prenzlauer Berg baustellenbedingt fast eine Dreiviertelstunde Richtung Mitte stauten, erreichte der „Urbanliner“ vom Weißen See kommend den Alexanderplatz in lockeren 17 Minuten.
Einen Rekord hält Berlins neue Tram übrigens nicht. Die längste Tram der Welt ist nach Angaben des Herstellers die „Škoda ForCity Smart 38T“ mit knapp 59 Metern Länge. Sie verkehrt in der Metropolregion Rhein-Neckar.






