Rufe ich die Feuerwehr oder nicht? Ist jetzt ein Arzt nötig, der besser als ich einschätzen kann, was los ist? Oder macht ein Mensch einfach nur Pause, schläft seinen Rausch aus oder ruht sich aus? Wann wird aus Wegsehen Lebensgefahr?

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Täglich begegne ich auf meinen Wegen durch Berlin obdachlosen Menschen. Gelegentlich leben sie sogar direkt vor meiner Haustür in Charlottenburg. Wir sind, wenn man so will, Nachbarn. Und wenn ich den Statistiken und Prognosen glaube, werden es in den kommenden Jahren eher mehr als weniger Menschen sein, die auf der Straße leben.

Wir grüßen uns. Das machen Nachbarn so. Manchmal reden wir miteinander. Gelegentlich kann ich helfen – mit etwas Geld, einem belegten Brötchen, einer Flasche Wasser, einem Pullover oder einer Jacke. Aufmerksamkeit und Respekt sind oft genauso wichtig wie materielle Hilfe.

Das darf in einer reichen Stadt wie Berlin nicht normal werden

Mit manchen lache ich. Wir teilen für einen kurzen Moment ein Stück Alltag. Oft aber macht mich der Anblick traurig. Zu sehen, wie Menschen auf der Straße altern, krank werden oder ihre Würde verlieren, berührt mich jedes Mal. So sollte niemand leben müssen. Das darf in einer reichen Stadt wie Berlin nicht normal werden. Mehr als drei Jahrzehnte habe ich beruflich versucht, daran etwas zu verändern. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass Obdachlosigkeit für viele Menschen in Berlin noch immer zum Alltag gehört. Das ist keine gute Bilanz.

Im Winter fällt mir das Helfen oft leichter als jetzt im Sommer. Liegt bei minus zehn Grad ein Mensch regungslos auf dem Gehweg, womöglich unzureichend bekleidet und kaum ansprechbar, ist die Entscheidung einfach. Dann ist Hilfe gefragt. Man macht bei solchen Temperaturen keinen Mittagsschlaf im Freien. Menschen können schon bei niedrigen Plusgraden an Unterkühlung sterben.

Alkohol und andere Drogen machen die Einschätzung deutlich schwieriger

Ich spreche den Menschen an. Reagiert er kaum oder gar nicht, rufe ich die Feuerwehr. Die ist darüber nicht immer begeistert, aber ich sehe das pragmatisch: Genau dafür ist sie da. Immer wieder werden auf diese Weise in Berlin Menschenleben gerettet. Eine Ohnmacht, ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder eine schwere Unterzuckerung – von außen sieht das oft erschreckend ähnlich aus.

Alkohol und andere Drogen machen die Einschätzung deutlich schwieriger. Viele obdachlose Menschen konsumieren Alkohol. Längst nicht alle, aber nach aktuellen Erhebungen trinken zwischen 60 und 80 Prozent regelmäßig, rund die Hälfte ist alkoholabhängig. Hinzu kommen häufig weitere Substanzen wie Cannabis, Kokain oder Amphetamine. Dann wird die Frage noch komplizierter: Rausch oder medizinischer Notfall?

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Deshalb: Schauen Sie genau hin. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit. Liegt der Mensch im Schatten oder in der prallen Sonne? Es muss nicht immer ein Herzinfarkt sein. Wer stundenlang alkoholisiert in der Sonne liegt, kann schwerste Verbrennungen oder einen lebensgefährlichen Hitzschlag erleiden. Im Sommer gehören deshalb zwei kleine Flaschen Wasser in jede Tasche – eine für Sie selbst, eine für jemanden, der sie dringend braucht.

Wenn Ihnen die Situation nicht geheuer vorkommt, rufen Sie den Rettungsdienst

Und wenn Ihnen die Situation nicht geheuer vorkommt, rufen Sie den Rettungsdienst. Vertrauen Sie Ihrem gesunden Menschenverstand. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. „Wären wir eine halbe Stunde später gerufen worden, hätten wir nichts mehr tun können.“ Diesen Satz habe ich von Rettungskräften oft gehört. Gut, wenn es diesmal anders ausgegangen ist.

„Dann sollen sie eben weniger oder gar nicht trinken“, werden jetzt manche denken. Oder: „Die sind doch selbst schuld.“ Ach, wenn das Leben doch so einfach wäre. Alkoholabhängigkeit ist keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit. Sie hat Ursachen. Sie kann behandelt werden – aber auf der Straße ist selbst der erste Schritt zurück ins Leben ungleich schwerer.

Vielleicht ist das alles, was wir tun können: hinschauen statt vorbeigehen. Fragen statt urteilen. Und im Zweifel Hilfe holen. Nicht jeder Mensch, der auf dem Bürgersteig liegt, braucht einen Rettungswagen. Aber jeder Mensch verdient es, dass wenigstens jemand kurz stehenbleibt und sich diese Frage stellt.

Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl