Es sind Ergebnisse, die Eltern und Lehrer gleichermaßen alarmieren dürften: Berliner Grundschüler haben immer größere Probleme beim Lesen und Rechnen. Die Hälfte der Drittklässler erreichte bei den diesjährigen Vera-Vergleichsarbeiten im Bereich Lesen und Mathematik nicht einmal den Mindeststandard, die sogenannte Kompetenzstufe eins. Das geht aus einer parlamentarischen Anfrage des Abgeordneten Alexander King (BSW) hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegt.
Noch düsterer ist das Bild beim Sprachgebrauch im Deutschen. 54 Prozent der Grundschüler scheiterten an den Mindestanforderungen. Zum Vergleich: 2023 waren es noch 46 Prozent. Eine deutliche Verschlechterung zeigen auch die Ergebnisse in Mathematik. Blieben hier im Schuljahr 2022/23 noch etwas mehr als ein Drittel der Kinder (38 Prozent) unter den Mindestanforderungen, waren es in diesem Jahr satte 48 Prozent.
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Berliner Grundschüler haben sich beim Lesen und Rechnen extrem verschlechtert
Und auch beim Lesen zeigt sich ein deutlicher Abwärtstrend. Exakt die Hälfte aller teilnehmenden Schüler und Schülerinnen an den Vergleichsarbeiten konnte die Mindestanforderungen nicht erfüllen – vor drei Jahren waren es noch 35 Prozent und damit deutlich weniger. Kurzum: In allen Bereichen haben sich Berlins Grundschüler verschlechtert. Auch der Senat bewertet in der Antwort auf die Anfrage den Anteil der Schülerinnen und Schüler, die in den Vergleichsarbeiten die Mindeststandards nicht erreichen, in allen getesteten Kompetenzbereichen weiterhin als zu hoch. Den Optimalstandard, also die Kompetenzstufe fünf, im Bereich Lesen erreichten gerade mal sechs Prozent der Drittklässler, beim Sprachgebrauch fünf Prozent und in Mathematik sogar nur vier Prozent.
An diesen Aufgaben scheiterte die Hälfte der Drittklässler
Die Testhefte sind mehrere Seiten lang. Hier eine Auswahl der Aufgaben:
Mathematik:
1. Beim Fußballspiel zwischen den Klassen 3a und 3b wurden 8 Tore erzielt. Die Klasse 3a hat 4 Tore mehr geschossen als die Klasse 3b. Wie ist das Spiel ausgegangen?
2. Zwei Wochen = ________Tage
3. Ein Pferd frisst jeden Tag etwa 10 Kilogramm Heu. In drei Tagen frisst ein Pferd etwa ________Kilogramm Heu.
4. Ordne die Längen der Größe nach. Beginne mit der kleinsten: 2,30 m, 2,4 cm, 230 m, 2,40 m, 140 m
5. Welche Zahl ist am nächsten an 500? 419, 491, 519, 599
6. Dario nimmt 9 Euro aus dem Sparschwein. Er kauft damit den Ball. Danach gibt ihm Oma 20 Euro, die er in das Sparschwein steckt. Jetzt sind 80 Euro im Sparschwein. Wie viel Euro waren zu Beginn im Sparschwein?
Deutsch Sprachgebrauch:
1. In welchem Satz ist „RENNEN“ ein Verb?
Zwei Kinder sehen sich die Hundert-Meter-Läufe der Frauen im Fernsehen an.
Die RENNEN sind sehr spannend.
Die RENNEN unglaublich schnell.
Die RENNEN finden abends statt.
Die RENNEN werden gefilmt.
2. Mutter: „Gutes Spiel, nur die Tore fehlen!“ Tochter: „Wieso? Da stehen sie doch!“
Was hat die Mutter eigentlich gemeint?
3. Adjektive steigern: Nachts ist es draußen __________ (dunkel).
4. Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen. Wie viele Silben hat das längste Wort?
„Die Vera-Ergebnisse der Drittklässler sind insofern noch trauriger als die der Achtklässler, als sich hier gar keine positive Entwicklung erkennen lässt. Im Vergleich zwischen 2023 und 2026 haben sich alle Parameter verschlechtert“, sagte Alexander King. Zwar habe Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) gute Maßnahmen im Bereich der frühkindlichen Sprachbildung begonnen, „aber offenbar ist zugleich die Herausforderung u. a. durch die hohe Zuwanderung in den letzten Jahren immer größer geworden“, so King. Der aktuelle Rückgang der Zahl der Grundschulkinder müsse zum Anlass genommen werden, die Klassenstärken zu verkleinern und Doppelsteckung, also den Einsatz von zwei Lehrern in einer Klasse, zu ermöglichen, so der Politiker. „Die Zumessungsgrundlage muss dementsprechend neu überarbeitet werden“, so King. Er fordert deshalb wieder eine Vorschule und eine allgemeine Kita-Pflicht.
Hilft das Kita-Chancenjahr?
Denn gerade bei den Kindern, die keine Kita besucht haben, sind die Sprachdefizite enorm. Vor vier Jahren wurden 2995 Nicht-Kita-Kinder im Vorschulalter von den bezirklichen Schulämtern zur Sprachstandsfeststellung eingeladen – das sind zu einem großen Teil die Kinder, die heute in der dritten Klasse sind. Erschienen sind zu diesem Termin allerdings gerade mal rund ein Drittel, nämlich 1058 Kinder. Nach Angaben der Bildungsverwaltung wurde bei 891 von ihnen sprachlicher Förderbedarf festgestellt. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden 2584 Nicht-Kita-Kinder zur Sprachstandsfeststellung eingeladen, 979 erschienen tatsächlich zum Termin und bei 676 wurde Förderbedarf festgestellt – das entspricht mehr als 80 Prozent.
Theoretisch waren diese Kinder für die Dauer bis zu ihrer Einschulung verpflichtet, an einer vorschulischen Sprachförderung teilzunehmen – in der Praxis ist das allerdings nur in den seltensten Fällen tatsächlich passiert. Das soll sich nun aber mit der Einführung des Kita-Chancenjahres ändern. Es soll dafür sorgen, dass Nicht-Kita-Kinder mit Sprachdefiziten gezielt gefördert werden. Das heißt: Sie sind verpflichtet, mindestens ein Jahr vor der Schule eine Kita oder vergleichbare Sprachförderangebote freier Anbieter zu besuchen – und zwar für jeweils 35 Stunden pro Woche. Diese Stundenzahl wurde erhöht, bis jetzt waren es nur 25 Stunden. Ziehen die Eltern hier nicht mit, droht ihnen im schlimmsten Fall ein Bußgeld.

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Ebenfalls zum Konzept gehört, dass ab dem Kitajahr 2026/27 alle Kinder im Alter von drei Jahren automatisch einen Kita-„Willkommensgutschein“ zugesandt bekommen – das etwas umständliche Ausfüllen des Antrags für einen Kitaplatz falle damit weg. Durch den niedrigschwelligen Zugang erhofft sich die Bildungsverwaltung, dass schon mit drei Jahren ein größerer Teil der Kinder in den Kindertagesstätten landet und die Gruppe der Kinder, die ein Jahr vor der Einschulung noch keine Kita besuchen, automatisch kleiner wird.





