Martin Kapelke, 56, steht auf seinem Balkon. Zwischen den Flaggen, darunter viele schwarz-rot-goldene, ist er kaum auszumachen. Ein Wimmelbild für Fußballfans.

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Der Schöneberger schmückt seinen Balkon immer zu den großen Turnieren. „Ich weiß gar nicht, wann ich das zum ersten Mal gemacht habe. Bestimmt schon 20 Jahre her.“ Es hängen „bestimmt über 50 Fahnen“, erzählt der Fußballfan, der früher oft mit Trommel und Fahne zu Hertha ins Olympiastadion gezogen ist, im Gespräch mit der Morgenpost.

Fahnen überall: Nachbar schmückt zur EM mit 50 Flaggen

„Immer zur EM, WM. Ich kann damit nicht einfach aufhören. Allein schon wegen der Nachbarn. Wenn ich das nicht mache, dann fragen die alle, wo bleiben die Fahnen?“ Wie lange es gedauert hat, die Dutzenden Fahnen aufzuhängen? „Schon ein paar Stunden.“ Sie müssen ja auch gut befestigt werden mit Kabelbindern, damit sie auch stärkere Winde überstehen.

So sieht die WM in Berlin aus. WM-Stilkritik
Die BVG hat Bahnhöfe mit "Tor" im Namen vorübergehend torjubelmäßig in "Toooooooooooooor" umgetauft.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Die Fußball-Weltmeisterschaft läuft bereits seit mehr als einer Woche, aber Berlin läuft sich gerade erst richtig warm, hat man das Gefühl. Ein Ausrichter für die Fanmeile am Brandenburger Tor fand sich nicht. Die Stadt Berlin, die auf Olympia und Expo hofft, hat die mögliche Chance nicht erkannt oder das Risiko gescheut. Was vermutlich auch an den durch die Zeitverschiebung bedingten ungünstigen Spielzeiten liegt. Besonders bitter spüren das die Anhänger der türkischen Mannschaft. Sie spielen während der Gruppenphase eigentlich immer im Morgengrauen.

Deutschland bleibt bei Fußballturnieren stets vertreten

Ein Stück liegt es sicherlich auch am eher bescheidenen Abschneiden der Deutschen bei den vergangenen Turnieren. „Aber, was soll’s, wir sind wenigstens dabei, sage ich immer. Große Fußballnationen wie zum dritten Mal in Folge Italien oder die Niederlande zuletzt bei der EM 2016 waren gar nicht dabei. Wir aber immer“, ruft Fußballfan Kapelke in Erinnerung.

So sieht die WM in Berlin aus: WM-Stilkritik
Weltmeister-Frühstück am Spreeufer: Fußball-Donut im Rasendesign, gekauft im Ostbahnhof.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Jede Skepsis ignorieren Snack- und Süßigkeitenproduzenten. Sie haben mehr oder weniger sinnvolle und schmackhafte Sachen produziert: Da gibt es Erdnüsse im Teigmantel, die – warum auch immer – „Einwurf Erdnüsse“ heißen, oder „Kicker Kekse“, „Anstoßfußbälle“ aus Vollmilch, Flaggen aus Fruchtgummi und Kaubonbons in Schwarz-Rot-Gold. Donuts und Pfannkuchen gibt es derzeit auch mit Kokosraspeln unter der grünen Glasur, die so aussieht wie ein Spielfeld-Rasen. Manchmal ist noch ein Fußball in der Mitte aufgebracht.

Es hieß immer, die Gruppe E sei leicht für Deutschland. Aber ich finde, es sieht im Moment nicht so aus.

Martin Kapelke

Sollte Deutschland auf halbem Wege ausscheiden, werden diese Artikel reduziert und abverkauft. Und auch Martin Kapelke reagiert auf seinem Balkon: „Beim letzten Turnier hatte ich die Hälfte abgeschmückt. Also die ganz großen Fahnen hatte ich abgenommen, die kleinen hatte ich gelassen. Ein bisschen geknickt ist man dann ja schon als Fan.“

WM-Stilkritik 26 Mural Jürgen Klopp
An der Gneisenaustraße in Kreuzberg grinst seit einiger Zeit Ex-Bundesligatrainer Jürgen Klopp von einer Hauswand. Das Mural ist Teil einer Werbekampagne einer Biermarke im Rahmen der Fußball-WM.© BM | Uta Keseling

Aufgewachsen ist Kapelke in einer Bundesrepublik, die nach dem Nationalsozialismus den Nationalismus noch viel mehr als den Sozialismus gemieden hat. Wohl nirgendwo wurde die eigene Fahne mit so viel Sicherheitsabstand betrachtet wie in Deutschland. Erst die Sommermärchen-WM von 2006 hat die Deutschen und ihre Flagge dann näher zusammengebracht. Zumindest in Turnierzeiten.

Fahnen werden gesammelt, gewaschen und wiederverwendet

Seitdem gibt es das schwarz-rot-goldene Merchandise, die Seitenspiegelüberzieher, die Haarringe mit Fahnen und die Dreifarbenschminke und natürlich die Klemmflaggen fürs Autofenster. Die sind das Lieblingsmerchandise von Fan Kapelke. „Manchmal liegen Fahnen auf der Straße, die von den Autos abgebrochen sind. Ja, die wasche ich durch, dann bekommen sie einen neuen Stab und dann stelle ich sie dazu.“

Fahne Kopf
Kick-off im Center am Potsdamer Platz. Fahnenschmuck auf dem Kopf eines Fußballfans zur WM 2O26.© BM | Iris May

Autofahnen sind vergleichsweise selten zu sehen. Aber wer will, kann die WM im Stadtbild entdecken: Ein Sneaker-Laden am Schlesischen Tor hat seine Fassade wie ein Rasenspielfeld gestrichen, nebenan lässt ein Anwohner an seinem Balkon erkennen, dass zwei Seelen, ach, in seiner Brust wohnen, und hängt die deutsche und die türkische Flagge auf. An der Berliner Straße in Tegel gibt es ein Mietshaus, dessen Wohnparteien eine Weltmeisterschaft untereinander austragen könnten, so unterschiedlich sind ihre Herkunftsländer bzw. ihre Länderfavoriten, die sie durch Fahnen an der Fassade ausdrücken. Und die BVG hat Bahnhöfe mit „Tor“ im Namen in „Toooooooooooooor“ umbenannt.

So sieht die WM in Berlin aus. WM-Stilkritik
Die Bewohner dieses Hauses an der Berliner Straße in Tegel können fast eine eigene WM austragen, angesichts ihrer verschiedenen Herkunftsländer bzw. Favoriten.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Vereinzelt sieht man auch schwarz-rot-goldene Flaggen mit dem Bundesadler in der Mitte. Dabei handelt es sich um die Bundesdienstflagge. Sie ist laut Gesetz eigentlich ausschließlich Bundesbehörden, Dienststellen des Bundes und der Bundeswehr vorbehalten. Das unbefugte Nutzen von Bundesemblemen oder der Dienstflagge stellt nach Paragraf 124 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) eine Ordnungswidrigkeit dar und kann theoretisch mit einem Bußgeld geahndet werden. Während einer Fußball-Weltmeisterschaft drücken die Behörden in Deutschland traditionell beide Augen zu.

So sieht die WM in Berlin aus: WM-Stilkritik
Diese Bundesdienstflagge hängt in Reinickendorf. Sie ist laut Gesetz eigentlich ausschließlich Bundesbehörden, Dienststellen des Bundes und der Bundeswehr vorbehalten.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Auch wenn es keine Fanmeile gibt, gibt es viele Orte, die die WM zeigen. Vom Späti und Dönerladen über Kneipen bis zu großen Locations. Geheimtipp übrigens: Vor der Uber Arena gibt es ein kostenloses Public Viewing mit Tribüne und Kunstrasenfußballkäfig. Einziger Nachteil: Selbst für den riesigen Schirm ist der Abstand zur Tribüne etwas groß und man hat die Ballnetze vom Fußballfeld im Sichtfeld.

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Eine Autowerkstatt an der Schöneberger Straße nahe dem Anhalter Bahnhof hat eine riesige Deutschlandfahne aufgehängt.© BM | Uta Keseling

Balkonfan Kapelke guckt meist zu Hause mit der Familie. „Aber auch zusammen im Garten. Oder wir gehen auch in die eine Kneipe hier um die Ecke.“ Diese WM hat als erste 104 Spiele. Manche finden: zu viele. „Ich bin bei dieser WM auch schon bei Spielen eingeschlafen, weil sie dieses Jahr so spät laufen“, gibt Kapelke zu. Am Samstag um 22 Uhr wird er aber wach bleiben. Allein wegen der Anspannung. Da spielt die deutsche Mannschaft gegen die der Elfenbeinküste. Kapelkes Tipp? „Die Elfenbeinküste war ja erstaunlich stark gegen Ecuador. Das könnte schwieriger werden, als man vorher vielleicht gedacht hat. Es hieß immer, die Gruppe E sei leicht für Deutschland. Aber ich finde, es sieht im Moment nicht so aus.“

WM-Stimmung auf einer Baustelle am Savignyplatz
WM-Stimmung auf einer Baustelle am Savignyplatz.© Dennis Meischen | Dennis Meischen

Wie immer es für die deutsche Mannschaft auch weitergeht, eines steht fest: Nach der WM kommen die Fahnen in die Kiste auf den Hängeboden. Und höchstwahrscheinlich werden sie im Juni 2028, zur EM im Vereinigten Königreich, wieder auf dem Balkon in Schöneberg wehen.