Von Jörg Krauthöfer

Einst, so erzählen es sich die Menschen im Barnim, lebten Nonnen südlich von Eberswalde in einem Kloster mitten im dunklen Buchenwald. Eines Tages suchte eine von ihnen wilde Kräuter in der Natur und verirrte sich. Verzweifelt wandte sie sich an den Herrgott und betete um Rettung. Aus ihren Tränen entsprang urplötzlich eine Quelle, die sich den Weg hinunter ins Tal suchte und der Nonne den Weg zurück ins Kloster wies. Aus Dankbarkeit nannten die Frauen der Abtei den Fluss Nonnenfließ.

Eine andere Sage weiß von einer Sturmflut zu berichten, die das Kloster und die Nonnen verschlang. Nur eine Schwester überlebte. Ihr zu Ehren wurde das Liesenkreuz errichtet. Noch heute gräbt sich der Bach, je nach Wasserstand, durch steile Hänge und bietet seltenen Tieren ein Zuhause. Unser Redakteur und Wanderexperte Jörg Krauthöfer nimmt Sie mit auf eine Wanderung durch diese traumhafte Landschaft, die noch ein echter Geheimtipp für Naturliebhaber ist.

Infos zum Weg

  • Start/Ziel: Spechthausen bei Eberswalde
  • Anreise Bahn: RE3 bis Eberswalde, Bus 913/919 bis Spechthausen
  • Anreise PKW: Die Anzahl der Parkplätze ist begrenzt. Parken im Ort
  • Weglänge: 9,5 Kilometer
  • Wegbeschaffenheit: Asphalt, Schotterwege, Waldwege
  • Höhenmeter: 50 hoch, 50 runter
  • Gastronomie: Waldhof Spechthausen

Wir starten unsere Wandertour im kleinen, verschlafenen Ort Spechthausen. Er liegt ein paar Kilometer südlich von Eberswalde und zeichnet sich am Wochenende vor allem durch eines aus: Ruhe. Viel gibt es hier ohnehin nicht zu sehen. Das markante Gebäude an der Landstraße 200, die von der Kreisstadt Eberswalde nach Bernau führt, fällt jedoch ins Auge: die ehemalige Papiermühle. Spechthausen gibt es seit 1708. Der Name geht auf den Kupferschmiedemeister Johann Georg Specht zurück, der damals einen Eisenhammer mit Schmelzofen errichten ließ.

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Wanderung Nonnenfließ bei Spechthausen/Eberswalde im Barnim.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Einige Jahre später wich der Hammer einer Mahl- und Schneidemühle. Auf Wunsch des Preußenkönigs Friedrich II. wurde die Anlage später zur Papierfabrik umgebaut und erhielt eine königliche Lizenz. Fortan stellte Spechthausen Papier für Banknoten und Wertpapiere her. Berühmt wurde das handgeschöpfte Spechthausener Büttenpapier mit dem Specht als Wasserzeichen, das bis 1956 vor Ort produziert wurde.

Sagenhaft schön - Unterwegs im Nonnenfließ bei Eberswalde

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    Zwischen 1874 und 1945 lieferte die Spechthausener Papierfabrik das Papier für Reichskassenscheine und einen Großteil der Banknoten sowie für Wert- und Kreditbriefe, Aktien und Schecks des Deutschen Reiches. Auch das Papier für die im Zweiten Weltkrieg im Rahmen der „Aktion Bernhard“ gefälschten britischen Pfundnoten stammte aus Spechthausen; gedruckt wurden diese im KZ Sachsenhausen. 1956 verlegte man die Produktion in eine bestehende Papierfabrik nach Wolfswinkel. Die Hallen in Spechthausen dienten fortan als Lager der NVA. Von 1931 bis 1945 war der Ort außerdem an das Netz der Eberswalde-Finowfurter Eisenbahn angeschlossen.

    Wir nähern uns zunächst in östlicher Richtung dem Ortsausgangsschild. Kurz davor zweigt der Wanderweg nach rechts in den Wald ab und wir folgen nun dem Wanderzeichen mit dem gelben Balken. Es führt uns die kommenden Kilometer entlang der Straße Klobbiger Damm sicher bis zur Steinernen Brücke und damit zum Nonnenfließ. Der Weg ist holprig: Die alte Feldsteinstraße, typisch für diese Gegend, verlangt Wandernden einiges ab. Dafür lädt der Wald rechts und links zum Träumen ein. Es bleibt genügend Zeit für ein gutes Gespräch oder um Freundschaft mit den zahlreichen Mücken zu schließen, die hier wie Wegelagerer auf reiche Beute hoffen. 

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    Der Rastplatz am Luisenkreuz lädt zum Verweilen und Pausemachen ein.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

    Ab jetzt mäandert der kleine Fluss durch ein wildromantisches Tal und frisst sich immer tiefer in die Landschaft ein. Während er im Oberlauf, je nach Regenmenge oder Trockenzeit, verhältnismäßig ruhig vor sich hindümpelt, wird es mit jedem Meter und jeder Flussbiegung etwas rauer. Was das Nonnenfließ besonders macht: das klare Wasser. An einigen Stellen haben Biber den Bach von einem Fließgewässer zu einem Stehgewässer aufgestaut. Pech für die Bachforelle, gut für den Wasserhaushalt in trockenen Zeiten.

    Was uns noch einmal zurück zur Namensgebung führt, um die sich einige Mythen und Sagen ranken: Als einst ein trockener Sommer die Bäche versiegen ließ, verirrte sich die junge Nonne Magdalena im Wald. Das Mädchen wollte Kräuter sammeln. Sie kniete verzweifelt nieder und betete um Weg und Wasser. Eine Träne fiel, und an der Stelle perlte erst ein Tropfen, dann ein zweiter, bis eine sprudelnde Quelle entstand, deren Wasserlauf sie zurück zum Kloster führte. Seitdem hieß der Fluss Nonnenfließ.

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    Auf alten Wegen durch das Barnim: Der Klobbicker Damm verbindet die Dörfer Klobbicke und Spechthausen bereits seit Jahrhunderten.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

    Eine andere Legende berichtet ebenfalls von einem Nonnenkloster direkt am Ufer des kleinen Flusses. Als eines Tages ein Reitersmann auf einem wilden Pferd in das Kloster stürmte und eine Nonne raubte, kam ein Fluch über die heiligen Hallen. Der Legende nach schwoll das kleine Wässerchen daraufhin zu einem reißenden Strom an und riss das Kloster in die Tiefe. Nur eine einzige Nonne, Schwester Liese, konnte sich vor den Fluten retten. Aus Dankbarkeit für ihre wundersame Rettung errichtete sie an Ort und Stelle ein hölzernes Kreuz. Soweit die menschliche Fantasie. Erwiesen ist dagegen der wirtschaftliche Einfluss des Klosters Friedland, das hier im großen Stil unter anderem Erz abbaute.

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    Wildromantisch zeigt sich das Nonnenfließ. Biber haben mit ihren Staudämmen um heutigen Erscheinungsbild beigetragen.

    Wir passieren die Schutzhütte und das Denkmal Liesenkreuz, bleiben auf dem Wanderweg und laufen am Fließ entlang weiter nach Geschirr. So heißt nämlich das alte Forsthaus am Nonnenfließ. Die Bezeichnung „Geschirr“ leitet sich vermutlich von der alten Papiermühle und dem hier ehemals betriebenen Mahlwerk (dem Mühlengeschirr) ab. Heute können Naturverliebte dort ihren Urlaub verbringen. Gleich danach verlässt uns das kleine Fließgewässer, versteckt sich im nahen Sumpfgebiet und lässt den Wanderer auf den letzten Metern buchstäblich allein im Wald zurück. Erst in Spechthausen werden wir das Nonnenfließ ein letztes Mal überqueren.

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