Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird es in Berlin wohl keine Fanmeile vor dem Brandenburger Tor geben. Obwohl auf berlin.de zunächst noch ein Public Viewing auf der Straße des 17. Juni angekündigt worden war, wurde die Information später korrigiert. Nach Angaben des Senats ist derzeit keine Fanmeile geplant, auch ein offizieller Antrag liegt offenbar nicht vor.

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Die Entscheidung sorgt für Diskussionen. Seit der Heim-WM 2006 gilt die Berliner Fanmeile als Symbol des „Sommermärchens“. Befürworter vermissen ein gemeinsames Fußballfest im Herzen der Stadt, Kritiker verweisen dagegen auf hohe Kosten, Sicherheitsaufwand und die nächtlichen Anstoßzeiten der WM in Nord- und Mittelamerika. Auch in unserer Redaktion wird diese Frage heiß diskutiert:

Sollte es zur Weltmeisterschaft eine Fanmeile am Brandenburger Tor geben?

Ja, Berlin braucht ein unabhängiges Fanfest
PRO von Philipp Luther

Stellen Sie sich das mal vor: Es ist Weltmeisterschaft – und keiner geht hin. Was zugegeben etwas überspitzt formuliert ist, droht in Berlin dieses Jahr eine traurige Teilrealität zu werden: Fanmeile auf der Straße des 17. Juni? Die wird es nicht geben. Niemand will das Fest ausrichten, heißt es schulterzuckend aus dem Roten Rathaus.

Das ist mehr als schade. Selbst wer mit Fußball oder Schwarz-Rot-Gold nichts anfangen kann, konnte sich vom bunten Treiben zwischen Falafelstand und Bratwurstbude noch vom Fußballfieber anstecken lassen. Mit Freunden im Tiergarten einen Sommerabend genießen, während die Deutschen in der Vorrunde scheitern, und dabei wenigstens für ein paar Stunden vergessen, dass Regierungschaos und Irankrieg sind? Ja, bitte.

Die Fanmeile war immer auch ein Zeichen dafür, dass die Stadt allen Menschen gehört.

Philipp Luther
Philipp Luther, Redakteur*in Online-Desk

Und wenn die deutsche Mannschaft – was ich Ihnen, liebe Fußballfans unter unseren Lesern von Herzen wünsche – durch die Vorrunde fliegt und sich ins Finale schießt: Wäre das nicht erst recht ein toller Moment vor dem Brandenburger Tor? Einer, der ein Stück zusammenführt, was sich scheinbar immer unversöhnlicher gegenübersteht? Die Fanmeile war immer auch ein Zeichen dafür, dass die Stadt allen Menschen gehört. Eines, das dieses Jahr fehlen wird.

Wenn Sie mich jetzt für einen naiven Fahnenschwenker halten, okay. Aber so läuft man Gefahr, dass das Zusammenführen den Akteuren im Land überlassen wird, die sich mit immer größerem Erfolg für sein Ende starkmachen. Die Schwarz-Rot-Gold im Sinne Putins, Trumps und Xis schwenken – und nicht im Sinne des Grundgesetzes.

Allein deshalb sollte der Senat die klammen Kassen einmal kräftig schütteln. Berlin braucht ein unabhängiges Fanfest. Geld sollte da keine Rolle spielen. Manche Dinge haben einen Wert, den man nicht in Euro beziffern kann.

Nein, lasst das Sommermärchen endlich los!
CONTRA von Pascal Biedenweg

Ach, das Sommermärchen mal wieder. Sobald irgendwo eine WM angepfiffen wird, tun plötzlich alle so, als könne man gesellschaftliche Krisen mit einer Großleinwand und lauwarmem Bier heilen. Fanmeile gleich Zusammenhalt, Schwarz-Rot-Gold gleich Demokratieverteidigung. Das klingt schön, ist aber vor allem ziemlich romantischer Kitsch.

Natürlich war 2006 toll. Aber Berlin 2026 ist nicht mehr Berlin 2006. Und die Zukunft der Demokratie hängt nicht davon ab, ob vor dem Brandenburger Tor jemand „Major Tom“ grölt. Die Spiele laufen nachts, die Sicherheitslage ist angespannt, die Stadt hangelt sich von Sparrunde zu Sparrunde. Und trotzdem soll sie Millionen dafür ausgeben, dass Erwachsene gemeinsam Fußball schauen? Irgendwann muss man vielleicht akzeptieren: Nicht jede Nostalgie verdient ein staatlich finanziertes Revival.

Irgendwann muss man vielleicht akzeptieren: Nicht jede Nostalgie verdient ein staatlich finanziertes Revival.

Pascal Biedenweg
Pascal Biedenweg, Digitalchef

Zumal die Fanmeile längst kein spontanes Straßenfest mehr ist, sondern ein durchorganisiertes Mega-Event. Sicherheitskonzepte, Sperrungen, Reinigung, Polizei – am Ende wird aus dem lockeren Public Viewing ein Hochsicherheitsevent mit Festivalpreisen und kilometerlangen Gittern. Romantisch ist daran vor allem die Erinnerung.

Die Wahrheit ist doch: Berlin braucht keine zentrale Fanmeile mehr. Die Stadt besteht nicht nur aus dem Brandenburger Tor und einer Luftaufnahme fürs Fernsehen. Berlin ist gerade dann am besten, wenn nicht alles zentral organisiert wird. Die wirklich guten WM-Abende entstehen ohnehin selten zwischen Security-Schleusen und Sponsorenständen, sondern irgendwo im Kiez: vor der Eckkneipe, im Park oder beim Späti mit einem viel zu warmen Bier.

Nicht jede Tradition muss zwanghaft weitergeführt werden. Manchmal ist es völlig okay, wenn eine Stadt einfach sagt: Dieses Mal eben nicht.

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