Mit Anspannung blicken Berliner Sicherheitsbehörden auf den Samstag. Denn wie jedes Jahr mobilisiert die pro-palästinensische Szene zur Großdemonstration. Unter dem Motto „Schluss mit der Besatzung Palästina 78 Jahre Al Nakba“ [sic!] soll der Protest heute um 14 Uhr vom Oranienplatz in Kreuzberg starten.

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Laut Berliner Polizei wurde die Demo mit 1000 Teilnehmenden angezeigt. Auf der Route liegen unter anderem das Kottbusser Tor, die Sonnenallee und der Hermannplatz. Ziel ist der Südstern, wo die Nakba-Demo im vergangenen Jahr eigentlich starten sollte. Die Berliner Polizei ließ die Kundgebung 2025 allerdings nur ortsfest am Südstern zu. Begründung damals: „Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit“.

Nakba-Demo in Berlin: Die Route im Überblick

  • Oranienplatz
  • Oranienstraße
  • Moritzplatz
  • Prinzenstraße
  • Gitschiner Straße
  • Wassertorplatz
  • Skalitzer Straße
  • Kottbusser Tor
  • Kottbusser Straße
  • Kottbusser Damm
  • Urbanstraße.
  • Graefestraße.
  • Hasenheide
  • Südstern

Nakba-Demo: Berliner Polizei plant mit bis zu 1000 Einsatzkräften

Propalästinensische Demonstrationen zum 77. Nakba-Tag
Zum Nakba-Tag ist die Berliner Polizei seit Jahren mit einem Großaufgebot im Einsatz.© Christophe Gateau/dpa | Christophe Gateau

Aus Sicherheitskreisen erfuhr die Berliner Morgenpost, dass mit neun Hundertschaften und 800 bis 1000 Einsatzkräften geplant wird. Bereits am Startpunkt der Demonstration, am Oranienplatz in Kreuzberg, wartet eine heikle Aufgabe auf die Sicherheitskräfte. Zeitgleich mit dem pro-palästinensischen Aufzug ist ab 14 Uhr eine Kundgebung mit 50 Personen bei der Versammlungsbehörde angemeldet. Motto: „Kein Platz für antisemitische Hetze in Berlin – Gegen antisemitische Deutungen in der Geschichte.“

Nakba

Am 14. Mai 1948 wurde der Staat Israel gegründet. Anlässlich des 50. Jahrestags 1998 erklärte Palästinenserführer Jassir Arafat den Folgetag, also den 15. Mai, zum Tag der Katastrophe – arabisch „Nakba“ oder „Al-Nakba“. Er soll an Flucht und Vertreibung von geschätzt 700.000 Menschen infolge des israelischen Unabhängigkeitskriegs erinnern.

Heute wird die palästinensische Diaspora auf mehr als 7 Millionen Menschen geschätzt. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) registrierte im Juni 2025 mehr als 5,9 Millionen Menschen, die in den 58 Lagern vor allem in Jordanien, Syrien und dem Libanon leben. Im Westjordanland sind rund 900.000 registriert, im Gazastreifen fast 1,6 Millionen. Sie sind heute in der dritten und vierten Generation staatenlos.

In Deutschland leben nach Schätzungen 80.000 bis 100.000 Palästinenserinnen und Palästinenser – 20.000 bis 25.000 davon in Berlin. Nakba-Proteste gibt es unter anderem auch in London, New York und Paris. Vor allem die linke und linksradikale Szene macht mobil.

Tausende Tote und Verletzte durch Angriffe in Gaza

Nahostkonflikt - Stadt Gaza
Weite Teile Gaza-Stadts liegen mittlerweile in Trümmern.© Abdel Kareem Hana/AP/dpa | Abdel Kareem Hana

Im Aufruf zur Demonstration wird auch in diesem Jahr vor allem an Emotionen appelliert. So wird das Vorgehen Israels auf der einen Seite als „Völkermord“ und „78 Jahre ethnische Säuberung“ bezeichnet. Menschen würden „vor den Augen der Welt gefoltert, in einem Massaker nach dem anderen ermordet, bei lebendigem Leib verbrannt, zu Tode gehungert“.

In Gaza sind in den vergangenen zwei Jahren mehr als 70.000 Menschen durch israelische Angriffe ums Leben gekommen. Die Vereinten Nationen führen seit Kriegsbeginn am 7. Oktober 2023 bis zum 6. Mai 2026 insgesamt 72.619 Tote und 172.484 Verletzte auf. Im April 2026 wurden demnach 18 Kinder und sieben Frauen getötet. Wie viele Menschen unter den Folgen der Bombardierung, etwa durch Hunger oder Krankheit, sterben, wird nicht erfasst.

Demo-Aufruf verschweigt Terrorangriff der Hamas auf Israel

Nach Hamas Großangriff - Musikfestival in Re'im
Beim Angriff der Hamas auf das Supernova-Festival starben 260 Menschen, rund 100 wurden entführt.© DPA Images | Ilia Yefimovich

Dem Staat Israel wird im Demo-Aufruf das Existenzrecht abgesprochen. Das palästinensische Volk führe seit 78 Jahren einen „Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit“. Gänzlich unerwähnt bleibt allerdings der Terrorangriff der Hamas auf Israel, der dem Krieg vorausging. Durch gezielte Attacken, unter anderem auf ein Musikfestival, starben nach offiziellen Angaben 1400 Menschen – überwiegend Zivilisten. Etwa 240 Geiseln wurden in den Gazastreifen entführt, der von der Hamas kontrolliert wird.

Noch am selben Abend wurde auf der Neuköllner Sonnenallee gefeiert. Opferberatungsstellen und andere Institutionen verzeichnen seitdem einen deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle in Berlin – darunter neben Schmierereien, Schmähungen und Beleidigungen auch körperliche Gewalt. In den ersten zwei Jahren nach Kriegsbeginn in Gaza leitete die Berliner Staatsanwaltschaft 6135 Ermittlungsverfahren wegen Straftaten im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt ein – davon 2130 bei Demonstrationen.

Polizeigewerkschaft warnt: Einzelne suchen gezielt die Eskalation

Festnahme eines Demonstrierenden bei einer pro-palästinensischen Demo in Berlin.
Festnahme eines Demonstrierenden bei einer pro-palästinensischen Demo in Berlin.© dpa | Christophe Gateau

„Ausschreitungen sind in der letzten Zeit bei solchen Versammlungen zwar meist ausgeblieben“, sagt Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin. „Es gibt aber immer wieder Einzelpersonen, die eine Eskalation suchen.“ In den vergangenen Jahren seien kurzfristig parallele Versammlungen angezeigt worden.

„Ziel dabei ist auch, Lücken der Polizei für Straftaten auszunutzen“, so Jendro weiter. Gerade im pro-palästinensischen Spektrum würde oft nur ein Funke zur Eskalation reichen. Dass diese Lücken am Samstag entstehen können, glaubt Jendro aber nicht. „Wir wissen, was unsere Einsatzkräfte können und dass wir solche Lagen professionell über die Bühne bringen.“

Im Mai 2022 und 2023 untersagte die Polizei die Nakba-Proteste gänzlich. Die damalige Gefahrenprognose der Polizei sei nachvollziehbar, entschied das Berliner Verwaltungsgericht nun im Februar. Kleinere Versammlungen am Rande hätten aber nicht verboten werden dürfen.

Südstern-Krawalle: Video widerspricht Polizei-Bericht zu Gewalt

Im vergangenen Jahr gab es am Südstern auch gewaltsame Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstrierenden. 59 Personen wurden festgenommen. Beamte seien teils schwer verletzt worden. „Mehrere Gewalttäter in der Menge des Versammlungsgeschehens griffen gezielt einen Polizeibeamten an, brachten ihn zu Boden und traten massiv auf ihn ein“, hieß es. Zwei Monate später veröffentlichten die Süddeutsche Zeitung und der NDR ein Video, das die Situation zeigen soll. Die hat sich demnach weit weniger dramatisch abgespielt, als von der Polizei zunächst dargestellt.