Eine „gute Platte“ bezeichnet im Kontext mit obdachlosen Menschen einen guten Schlafplatz. Der Begriff wurde durch Obdachlose selbst geprägt. „Platte machen“ heißt so viel wie draußen übernachten – oft auf der Straße, in Parks, unter Brücken oder in Hauseingängen. Schutz vor Regen und Kälte soll er nach Möglichkeit bieten, Ruhe und Privatsphäre auch. Vertrieben möchte man nicht werden, und das Risiko, belästigt und angegriffen zu werden, soll gering sein. Ein guter Schlafsack, eine weiche Unterlage sind wichtig, und auch eine akzeptable Verkehrsanbindung. Auch Obdachlose haben Wege zu erledigen.

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Offene Dachböden gibt es schon lange nicht mehr in Berlin. Hier wurde früher die Wäsche der Bewohner aufgehängt. Die Häuser sind auch nicht mehr frei zugänglich, und die Geschichten von Obdachlosen, die hier heimlich, unerkannt und unentdeckt manchmal über Monate lebten, gehören der Vergangenheit an.

Die heimlichen Mitbewohner achteten damals übrigens penibel auf Sauberkeit, wollten nicht entdeckt werden. Passierte das dennoch, wurden die „Untermieter“ meist vertrieben. Manchmal aber – das sind keine Legenden – wurde man geduldet, und einige Hausgemeinschaften adoptierten „ihren Obdachlosen“ quasi – wöchentliches Duschen und ein gelegentliches Frühstück eingeschlossen. Geraucht werden durfte nur nicht, Kerzen waren auch tabu, und ein Dachboden durfte nicht als Toilette zweckentfremdet werden.

Versteckte Schlafplätze: Wo Obdachlose in Berlin Schutz finden

Mindestens zwanzig Jahre ist das her, das aber waren gute Platten! Gleich danach kamen Balkone von Parterrewohnungen. Unter etlichen lebten und leben noch immer einige obdachlose Menschen. Kommt man spät, verhält sich ruhig, räumt auf, beseitigt Müll und verlässt seinen Schlafplatz früh, bekam und bekommt das niemand mit.

Ein Zelt, gut getarnt und versteckt im Grunewald, an anderen Stellen mitten im Wald. Auch das sind gute Platten. Wenn nur nicht die Fahrwege wären. Menschen laden aber vieles für etwas Ruhe und Schutz auf ihre Schultern.

Es gab Zeiten, da lebten lediglich etwa 1000 obdachlose Menschen in Berlin. Etwa 30 Jahre ist das her. Damals gab es sogar noch Abbruchhäuser, die über Jahre leer standen und zugänglich waren. Auch hier fanden Menschen kleine Nischen, Zuflucht.

Heute könnten es in Berlin 6000 Obdachlose sein oder gar mehr

Berlin hat sich verändert, vermeintliche Freiräume sind reglementiert, vor allen Dingen aber ist die Anzahl der Obdachlosen gestiegen. Wie viele sind es denn jetzt genau? Auch ich kann Ihnen die genaue Anzahl aktuell nicht sagen. 6000, sagen Fachleute, die nun die tägliche Arbeit bewältigen; es könnten auch einige weniger sein, aber auch 8000 oder gar mehr. Die Prognosen für die nächsten Jahre gehen von deutlichen Zuwächsen aus.

Und das wissen wir alle, auch wenn wir nicht selbst täglich mit den Betroffenen arbeiten: Obdachlosigkeit ist deutlich sichtbarer geworden. Die guten Platten gehören überwiegend der Vergangenheit an. Oft schlafen die Menschen inzwischen direkt vor unserer Tür oder in unserem Treppenhaus.

„Schaut her, hier bin ich, und ich lebe noch“

Manchmal glaube ich heute, die Menschen möchten sich gar nicht länger verstecken und unerkannt am Rand leben. Sie gehören doch zu uns. Ein vielfacher Wunsch ist es zumindest: „Schaut her, hier bin ich, und ich lebe noch.“

Berlin tut sich zunehmend schwer mit seinen Obdachlosen. „Mir reicht’s“, sagen viele. Sie wollen dem Sterben direkt vor ihrer Haustür nicht länger zusehen. Sie wollen mehr Sauberkeit und nicht durch Fäkalien und anderes belästigt werden. „Die armen Menschen, man muss ihnen doch helfen“ – Gott sei Dank sagen das auch noch viele.

Das Hilfenetz hält aber lange nicht mehr Schritt. Es ist unverändert eklatant unterfinanziert. Zusätzlich fehlen Personal, geeignete Immobilien und ein deutlicher, abgestimmter gesellschaftlicher Wille. Es werden also immer mehr obdachlose Menschen werden, und das gesellschaftliche Miteinander wird dabei nicht einfacher, sondern vermutlich schwieriger. Läuft’s schief, nimmt die Verdrängung zu und wir werden mehrheitlich ruppiger im Umgang miteinander. Keine gute Vision. Es ginge natürlich auch anders. Mehr dazu bald gerne an dieser Stelle. Bleiben Sie bitte weiterhin dünnhäutig und sensibel.

Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl