Selten hat das Schicksal eines Tieres so viele Menschen in den Bann gezogen, wie im Falle des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals. Mittlerweile hat die Welt gefühlt rund 80 Millionen Wal-Experten mehr – und an deutschen Küchentischen herrscht Zwist bezüglich der Frage: Sind die Rettungsversuche für Timmy sinnvoll? Oder sollte der Wal schlichtweg in Ruhe gelassen werden?

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Auch Dr. Lisa-Marie Braun beschäftigt das Schicksal des Meeresgiganten. Die promovierte Meeresbiologin leitet das Bildungsprogramm bei OceanBerlin, dem im Frühjahr 2027 eröffnenden Meerespark in der Rummelsburger Bucht. „Ein Ort, der das Leben im Ozean emotional erfahrbar macht“, so Braun. Immer öfter besonders emotional aufgeladen, gestaltet sich auch die Debatte um den gestrandeten Ostsee-Wal. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost verrät die Expertin, was sie von den bisherigen Rettungsversuchen hält.

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Berliner Morgenpost: Seit Ende März fragt sich Deutschland: Kann der gestrandete Ostsee-Buckelwal in der Ostsee gerettet werden, oder sollte man ihn am besten in Ruhe lassen? Was denken Sie?

Dr. Lisa-Marie Braun: Aus meiner Sicht sollte man sehr genau abwägen, ob eine Intervention dem Tier tatsächlich hilft. Ein Buckelwal gehört nicht in die Ostsee – das ist kein natürlicher Lebensraum. Jede Maßnahme bedeutet zusätzlichen Stress. Wenn die Erfolgsaussichten gering sind, ist es oft tierschutzgerechter, das Tier zu beobachten, zu schützen und ihm möglichst Ruhe zu lassen.

Aus Sicht einer Meeresbiologin, wie stressreich ist die Situation für den Buckelwal, der seit Wochen ums Überleben kämpft?

Lisa-Marie Braun
Mit Blick auf die vielen, bisher erfolglosen Rettungsversuche rund um Ostsee-Wall Timmy zeigt sich die Berliner Meeresbiologin Lisa-Marie Braun skeptisch und mahnt zur Zurückhaltung.© OceanBerlin | OceanBerlin

Ich kann mir vorstellen, dass die Situation höchst belastend ist. Buckelwale sind für weite Ozeanräume gemacht – nicht für flache, enge und stark befahrene Gewässer. Dazu kommen vermutlich Erschöpfung und Orientierungsschwierigkeiten. Ein solcher Zustand über Wochen stellt eine massive physiologische Belastung dar.

Einige Experten sind der Meinung, der Wal sei zu schwach und eine Rettung daher aussichtslos, da ihm am Ende schlichtweg die Kraft fehlen könnte, um in die Freiheit zu schwimmen. Für sie ein denkbares Szenario?

Ja, das ist ein realistisches Szenario. Bei so langer Nahrungs- und Energiedefizitlage kann die körperliche Reserve so weit sinken, dass selbst ein Rückweg ins offene Meer nicht mehr bewältigt werden kann. Solche Verläufe sind aus vergleichbaren Situationen leider vielfach bekannt

Was verrät ihrer Meinung nach das wochenlange Mitfiebern mit dem Buckelwal, der mittlerweile sogar mehrere Namen hat, über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier?

Das öffentliche Interesse zeigt eine starke emotionale Bindung gegenüber einzelnen Wildtieren, insbesondere charismatischen Arten wie Walen. Das ist grundsätzlich positiv – gleichzeitig besteht die Gefahr, dass emotionale Nähe Erwartungen erzeugt, die biologisch nicht immer erfüllbar sind. Naturschutz bedeutet auch, solche Grenzen zu akzeptieren.

Wieso stranden die Meeresgiganten immer wieder in Ostsee- oder auch Nordseebuchten?

Strandungen entstehen meist durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: gesundheitliche Beeinträchtigungen, Orientierungsschwierigkeiten sowie Störungen durch Unterwasserlärm, der die akustische Wahrnehmung der Tiere beeinträchtigen kann. Dass dieser Wal mehrfach gestrandet ist, deutet zusätzlich auf eine mögliche Schwächung hin. Es wurde schon oft beobachtet, dass kranke oder alte Tiere gelegentlich flachere Gewässer aufsuchen, vermutlich im Zusammenhang mit Erschöpfung oder als eine Art Rückzugsverhalten.

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Wenn Sie als Expertin dem viel zitierten Umweltminister Till Backhaus einen Rat in dieser Situation geben könnten – welcher wäre das?

Ich finde, dass Entscheidungen konsequent auf der fachlichen Einschätzung der beteiligten Expertinnen und Experten beruhen sollten. Priorität sollte der Schutz des Tieres und die Minimierung von Stress sein. Wenn eine aktive Rettung nicht realistisch ist, sollte auch der Mut zur Zurückhaltung gegeben sein.

Visualisierung Ocean Berlin, Aquarium Rummelsburg
So könnte die Fassade des Ocean Berlin einmal aussehen. © BM | Ocean Berlin

Zu guter Letzt noch ein Schwenk nach Berlin: Der neue Meerespark Ocean Berlin in der Rummelsburger Bucht soll 2027 eröffnen – wie laufen die Bauarbeiten?

Genau, die Eröffnung ist für Frühjahr 2027 geplant und die Bauarbeiten verlaufen planmäßig. Unser Ziel ist es, Berlinerinnen und Berlinern eine Möglichkeit zu geben, Wasserwelten zu erleben, die sie oftmals nur von Bildern kennen. Über die Schönheit dieser Unterwasserwelten öffnen wir im Sinne von Humboldt einen emotionalen Zugang zu den Meeren dieser Welt und schaffen ein Bewusstsein für deren Zerbrechlichkeit und Bedeutung für den ökologischen Kreislauf unseres Planeten. Ocean Berlin verbindet lebendige Meeresausstellungen mit großen edukativen Trockenbereichen für Bildung, Artenschutz und Forschung.

Bildungsprogramm MeerWissen

Bereits seit September 2024 läuft das Bildungsprogramm MeerWissen, mit dem Braun den Ozean im übertragenen Sinne in die Schulen und Kitas bringt. So konnten bereits 10.000 junge Menschen erreicht werden. Einrichtungen können Vorträge, Workshops und Projekttage zum Thema Meeresschutz und Meeresökologie mit Braun kostenlos per E-Mail (lisa@oceanberlin.com) buchen.