Deutschland ist Wanderland. Rund 300.000 Kilometer Wege führen von der Nordsee bis zu den Alpen. Auch Berlin und Brandenburg sind beliebte Ziele für alle, die gern zu Fuß unterwegs sind, ganz unabhängig vom Alter. Unser Redakteur Jörg Krauthöfer nimmt die Leserinnen und Leser mit auf Wandertouren durch Berlin und Brandenburg. Wöchentlich gibt es einen Wandertipp: mal ein Spaziergang durch den Kiez, mal eine längere Tour in die Brandenburger Landschaft, oft auch über versteckte Pfade. Ob dichte Wälder, glitzernde Seen oder innerstädtische Parks, für jede und jeden ist etwas dabei. Jörg gibt zudem Hinweise zu Ausrüstung und Planung und zeigt kulturelle und historische Besonderheiten entlang der Strecken. Also: Schuhe schnüren, Proviant einpacken und die Vielfalt Berlins und Brandenburgs zu Fuß entdecken. Heute geht es vom Lost Place Beelitzer Heilstätte in die Spargelstadt Beelitz.
Infos zur Wegstrecke
- Start: Bahnhof Beelitz Heilstätten (RE 7)
- Ziel: Bahnhof Beelitz Heilstätten (RE 7); Bahnhof Beelitz (RB 33/37)
- Weglänge (insgesamt: 8,82 km)
- Eintritt in den Park: ab 17 Euro, ermäßigt 12 Euro
- Wegbeschaffenheit: Asphalt, Waldwege, Schotterpiste, Bohlenweg
- Höhenmeter: 10 hoch, 30 runter
- Gastronomie: Esszimmer
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Es gibt Orte, die strahlen eine magische Aura aus. Kaputte Fenster, wild überwucherte Hausruinen, rote Klinker an den Wänden – der morbide Charme macht neugierig. In Beelitz-Heilstätten, einer kleinen Ortschaft unweit von Potsdam, wartet gleich ein ganzes Ensemble solcher stolzen Gebäude, wie zum Beispiel das Alpenhaus, auf Entdeckerinnen und Entdecker.
Und weil der ebenerdige Blick auf die Geschichte manchmal erschöpfend langweilig und eintönig sein kann, haben die Pächter des Areals einen ganzen Baumkronenpfad gebaut und damit einen völlig neuen Blick auf die Geschichte des Ortes ermöglicht.

Beelitz-Heilstätten: Baumwipfelpfad eröffnet neuen Blick auf Lost Place
Die Fahrt in die „Alpen“ dauert vom Bahnhof Ostkreuz eine gute Stunde. Los geht unsere Wanderung am kleinen Haltepunkt des Ortes. Einmal in der Stunde hält hier die Regionalbahn auf dem Weg in den Süden Richtung Dessau oder in den Nordosten Richtung Erkner.
Noch am Gleis informiert eine große Tafel über die geschichtliche Entwicklung der Gemeinde. Wir halten uns rechts und folgen der Straße nach Fichtenwalde. Es geht vorbei an der Rettungswache Beelitz und dem feuerwehrtechnischen Zentrum, einem überregionalen Schulungszentrum für gestandene und angehende Feuerwehrkräfte.
Wir wechseln auf die linke Straßenseite und wandern weiter in Richtung Nordosten. Das kleine Waldstück gehört bereits zu den Überresten der Beelitzer Heilanstalten. Weite Teile des Areals sind umzäunt und man muss Eintritt bezahlen. Der lohnt sich allemal, denn auf mehreren unterschiedlichen Trails können Wanderer und Ausflügler die Geschichte erkunden. Besonders Ehrgeizige gehen tatsächlich auch alle Strecken ab, denn es gibt schließlich viel zu entdecken.

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Die Beelitzer Heilstätten sind ein historischer Krankenhauskomplex, der Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Ursprünglich galten sie als eine der modernsten medizinischen Einrichtungen ihrer Zeit und dienen heute als interessantes Zeugnis der deutschen Medizingeschichte.

Beelitzer Heilstätten entdecken: Drei Trails führen durch Geschichte
Tuberkulose wurde hier einst behandelt, jene tückische Lungenkrankheit, der vor allem Arbeiter in den winzigen Wohnungen der Berliner Mietskasernen massenhaft zum Opfer fielen. Zu Hause lebten sie zusammengequetscht in engen, feuchten Wohnungen im dritten Kreuzberger oder Weddinger Hinterhof, unter hygienischen Bedingungen, die man sich heute kaum noch vorstellen kann, und spuckten eifrig jene Bakterien aus, mit denen einer den anderen ansteckte, oft mit tödlichem Ausgang. Heilmittel gab es um 1900 noch nicht.
Dank der neuen Heilanstalt wurden die Patienten in prächtigen Häusern untergebracht, die sich durch großzügige, luftige Räume auszeichneten und nach Süden ausgerichtet waren, um viel Sonneneinstrahlung zu bieten. Alles diente der Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft. Sie erfreuten sich an Annehmlichkeiten, die sie sich zu Hause nur erträumen konnten, etwa einem eigenen Bett und einem eigenen Badezimmer.

Die Ausstattung war absolut modern: Kacheln von Villeroy und Boch, die äußerst widerstandsfähig waren, Heizkörper mit abklappbarer Funktion, fortschrittliche Lüftungsanlagen sowie ein eigenes Heizkraftwerk, das heute als technisches Denkmal gilt.
Während des Ersten Weltkriegs und später auch im Zweiten Weltkrieg dienten die Beelitzer Heilstätten als Lazarett für Soldaten. Der Komplex bot Platz für über 1200 Patienten und umfasste nicht nur Behandlungsräume, sondern auch Freizeit- und Erholungsbereiche.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fiel die Region unter sowjetische Kontrolle. Die Beelitzer Heilstätten wurden zur größten Militäranlage der sowjetischen Armee außerhalb der damaligen UdSSR. In dieser Zeit war ihre Nutzung streng geheim, und sie wurden erst nach dem Abzug der Sowjettruppen 1994 wieder zugänglich.
Beelitzer Heilstätten dienten als Lazarett und sowjetische Militäranlage
Erich Honecker, der langjährige Staats- und Parteichef der DDR (Deutsche Demokratische Republik), hielt sich Anfang der 1990er Jahre zusammen mit seiner Ehefrau Margot in den Beelitzer Heilstätten auf, als er aufgrund einer schweren Erkrankung dort behandelt wurde. Später verließen beide Deutschland und wanderten ins chilenische Exil aus.
Nach 1994 wurde der Komplex weitgehend verlassen und verfiel zunehmend. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden die Heilstätten zu einem beliebten Ziel für Fotografen, urbane Abenteurer und Filmschaffende, waren aber auch Ziel von Vandalismus. Einige Gebäude dienten als Kulisse für Filmproduktionen, zum Beispiel für Detlev Bucks „Männerpension“ und Tom Cruises „Operation Walküre“. Auch Regisseur Roman Polanski nutzte die alte Chirurgie und das Verwaltungsgebäude für seinen Film „Der Pianist“.

Alle historischen Häuser sind heute für normale Touristen nur noch von außen sichtbar. Es gibt aber extra Führungen, auch für Fotografen. Wir schlendern also ganz entspannt kreuz und quer durch dieses riesige Areal und genießen die Geschichten. Es geht vorbei an der ehemaligen Chirurgie, dem jüngsten Gebäude der Beelitzer Heilanstalten. Sie war für schwerstkranke Tuberkulosepatienten gedacht. Später war hier das sowjetische Militärkrankenhaus untergebracht.
Besonders imposant, sowohl aus ebenerdiger Perspektive als auch vom Baumwipfelpfad aus, wirkt die Ruine des „Alpenhauses“. 273 Patienten waren hier ab 1902 untergebracht. Allein der gigantische Speisesaal vermittelt die Pracht der damaligen Architektur. Herzstück des 700 Meter langen Baumkronenpfads sind die insgesamt fünf unterschiedlich hohen Plattformen des Aussichtsturms. Von ganz oben hat man einen atemberaubenden 360-Grad-Blick auf die beeindruckende Umgebung.
Wir verlassen die Beelitzer Heilstätten wieder und laufen zurück zum Bahnhof. Wer genug hat vom Auf und Ab, nimmt ab hier die Regionalbahn zurück in die Stadt.
Durch die Heide nach Beelitz
Wer sich noch etwas die Füße vertreten möchte, unterquert auf der Straße nach Fichtenwalde die Eisenbahngleise, wendet sich gleich danach nach links in den Weg An der Heilstättenbahn und läuft bis zur Kreuzung Rummelsborner Weg. Von dort aus führt ein Pfad schräg Richtung Südosten bis zum Siebenbrüderweg, der uns geradeaus nach Beelitz bringt und in den Milanweg mündet. Diesem folgen wir bis zur Karl-Marx-Straße. Dort geht es nach rechts am sowjetischen Ehrenfriedhof vorbei bis zum Bahnhof Beelitz, von wo uns die Regionalbahn zurück nach Wannsee bringt.




