„Mein Geburtsname ist nicht Hopp, sondern Kim. Als ich sechs Jahre war, heirateten meine Eltern, und aus meiner koreanischen Staatsangehörigkeit wurde die deutsche. Das zu schreiben, fühlt sich bis heute befremdlich für mich an, denn als hier geborener und aufgewachsener Berliner habe ich mich im Selbstbild nie als Koreaner gefühlt. […] ‚Ich bin Deutscher‘ ging mir allerdings auch nicht über die Lippen. Das hängt auch mit den unzähligen Fremdheitserfahrungen zusammen, die mein Äußeres und meine Herkunft in unterschiedlichsten Reaktionen mein Leben lang begleitet haben.“

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Marcel Hopp schreibt diese Zeilen in seinem neuen Buch „Was geht mich das an? – Warum wir den Rechtsruck nur gemeinsam stoppen können“. Hopp, auf dem Cover in lockerer Pose wie ein Vertrauenslehrer abgebildet, hat sieben Jahre lang selbst unterrichtet. Deutsch, Geschichte, Politik und Ethik. Seit 2021 sitzt er für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus. Er ist Sohn einer Südkoreanerin, die in den 70ern als Krankenschwester nach Deutschland gekommen ist. Aufgewachsen ist er in Neukölln. Noch heute wohnt er in seinem Wahlkreis, der Gropiusstadt, einem sozialen Brennpunkt am südlichen Rand von Berlin.

Keine Haltung ohne Verhalten
Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde Hopp 2024. In den 100 Tagen vor der Europawahl hat er jeden Tag ein Kurzvideo veröffentlicht. Pro Video widerlegte er eine Behauptung oder Position der AfD. Die Videos wurden millionenfach geklickt. Später im selben Jahr, nachdem die Bundesregierung als Reaktion auf einen islamistischen Anschlag in Solingen unter der Federführung der SPD-Innenministerin Nancy Faeser das sogenannte Sicherheitspaket verabschiedet hatte, schrieb Hopp gemeinsam mit anderen Sozialdemokraten einen offenen Brief. Darin kritisierten sie, dass mit asylrechtlichen Verschärfungen auf die extremistische Tat eines Einzelnen reagiert werde. Die Unterzeichner stellten sich gegen die pauschale Stigmatisierung ganzer Gruppen.
Er und seine Mitstreiter hätten damals Haltung gezeigt, würde Hopp wahrscheinlich sagen. „Haltung“, das ist eines dieser Wörter, die ein bisschen zu groß, ein bisschen zu breit, ein bisschen zu schwammig sind, um genau definiert zu werden. Zu Beginn seines Buches versucht Hopp es trotzdem. Der Duden, den er dafür – ganz ehemaliger Lehrer – heranzieht, gibt einen wichtigen Hinweis: Es gibt Haltung nicht ohne ein Verhalten. Haltung muss immer auch gelebt werden.
„Rassismus tolerieren wir nicht!“
Was das heißt, hat Hopp an der Grundschule am Regenweiher in der Gropiusstadt gelernt.
„Ich war in der Fünften, es war große Pause, und ich stand auf dem Schulhof, als ein Junge aus meiner Klasse, umringt von einigen schaulustigen Mitschülern, mir immer wieder ‚Schlitzauge! Scheiß Schlitzauge!‘ entgegenschleuderte. […] Und obwohl ich ihn mehrfach bat und aufforderte, damit aufzuhören, wurden seine Rufe nur noch lauter. Anders als heute wusste ich mir als damals 10-Jähriger nicht anders zu helfen und schlug zu: ein Schlag mit dem Handballen frontal gegen seinen Brustkorb. Er fiel rückwärts hart auf den Boden und rang nach Luft – dann kam unsere Klassenlehrerin und rief alle zurück ins Klassenzimmer. Ich ahnte, dass ich nun vor der versammelten Klasse riesengroßen Ärger bekommen würde. ‚Es ist wirklich unfassbar!‘, schimpfte meine Lehrerin aufgebracht, und ich senkte augenblicklich schuldbewusst den Kopf. ‚Rassismus tolerieren wir nicht!‘ Und sie schaute nicht mich, sondern den Jungen, der, gerade noch nach Luft schnappend, auf dem Boden lag, wütend an.“

Diese Anekdote steht am Anfang von Hopps Buch. In ihr drückt sich aus, worum es auf den folgenden über 200 Seiten im Kern geht: Es gibt Demokratie nicht ohne Haltung. Und weil es Haltung nicht ohne Verhalten gibt, existiert auch Demokratie nur so lange, wie Demokraten für sie eintreten. Dieser Dreisatz mag Zeitungsleser und Politikbeobachter nicht überraschen. Auch Hopp weiß das und fragt kurz vor Ende seines Buches selbst, „ob es nicht zu basal ist, diese demokratischen Selbstverständlichkeiten zu thematisieren.“
Wichtig bleibt sein Buch trotzdem. Vor allem, weil es die Frage aufwirft, wer es ist, der sich da für die Demokratie einsetzt. Und ob überhaupt alle dieselbe Motivation haben, sie mit Haltung und Leben zu füllen. Denn man kann die Frage „Was geht mich das an?“ auch so stellen: „Wenn ich mich nicht als vollwertigen Teil dieser Gesellschaft betrachte, warum sollte ich daran interessiert sein, mich für sie oder diesen Staat zu engagieren?“ (S. 11)
Marcel Hopp (SPD): Man muss den Bürgern nicht nach dem Mund reden
Hopp hat ein Buch aus der Perspektive jener geschrieben, die in zweiter oder dritter Generation hier aufgewachsen sind. „Natürlich kann die erste Generation nicht auf Augenhöhe darum streiten, dass sie hierhergehören“, sagt er im Gespräch in einem Café in der Gropiusstadt. „Das können nur diejenigen machen, die als Söhne, Töchter und Enkel hier aufgewachsen sind. Und an diesem Punkt sind wir jetzt.“ Es brauche mehr Stimmen, die laut „ihren Platz am Tisch“ fordern, meint er. Auch für sie habe er geschrieben.
Das können nur diejenigen machen, die als Söhne, Töchter und Enkel hier aufgewachsen sind.
Marcel Hopp (SPD)
Sein Buch richtet sich aber auch nach innen. In die Parlamente und Parteien. An die Adresse jener, die meinen, dass man auf das Erstarken der AfD nur reagieren könne, indem man rechte Denkmuster und Erzählweisen übernimmt. Hopp analysiert politische Diskussionen und zitiert Studien, um diese Überzeugung als Fehlschluss zu enttarnen. Er kritisiert den Kurs der Merz-CDU, ruft aber auch seine eigene Partei dazu auf, sich nicht auf diesen Weg zu begeben. Seine Überzeugung, zu der er in Tausenden Haustürgesprächen gekommen ist, lautet: Man braucht den Bürgern nicht nach dem Mund zu reden.
Wie man AfD-Wähler umstimmt
Eines dieser Haustürgespräche hat es in sein Buch geschafft. Es ist 2016, der Wahlkampf für das Berliner Abgeordnetenhaus läuft. Hopp klingelt, eine 85-jährige Rentnerin öffnet. Sie ist verzweifelt wegen ihrer kleinen Rente und gibt dafür „den vielen Flüchtlingen“ die Schuld. Sie habe immer CDU gewählt, wolle aber dieses Mal die AfD wählen, sagt sie. Hopp fragt nach den Lebensumständen. Die Frau beginnt zu weinen.
„Sie erzählte mir, dass sie einen Großteil ihres Lebens für ihre drei Kinder zu Hause geblieben war und zeitweise halbtags als Bürokauffrau gearbeitet hatte. Ihr Mann war schon vor vielen Jahren verstorben. Sie lebte allein in der mittlerweile zu großen Familienwohnung, musste ihre Lebensmittel spätestens am Ende des Monats rationieren und in dieser Zeit nicht selten hungern. Dann fragte ich, ob sie vor 2015 denn mehr Rente bekommen hatte, also bevor Deutschland Zehntausende Geflüchtete aufgenommen hatte. Ihren Blick in diesem Moment werde ich nicht so schnell vergessen: Sie schaute mich an, als würde der Erklärungsversuch ihrer sozialen Lage allein durch das Hören dieser Frage in sich zusammenstürzen. Ihr Blick zeigte mir, dass sie sich diese Frage nie zuvor gestellt oder sie gestellt bekommen hatte. Sie schüttelte den Kopf und verneinte. […] Am Ende umarmte sie mich fest und bedankte sich herzlich für das Gespräch.“
Der Frust gegen „die da oben“, genauso wie das Treten nach unten, speise sich immer wieder aus einem nachvollziehbaren Gefühl der Ohnmacht, Isolation und Ungerechtigkeit, meint Hopp. Fremdenfeindliche Reflexe seien häufig nur Stellvertreter für einen rationalen Kern der Unzufriedenheit. Im Dialog mit Bürgern hat der Politiker oft die Erfahrung gemacht, dass man Gespräche auf eine konstruktive Ebene umlenken kann. Das heißt auch: AfD-Wähler lassen sich umstimmen.
Man darf aber nicht als Pastor auftreten, sagt Hopp im Gespräch. Vielleicht aber wie ein Vertrauenslehrer? Hopp sagt das zwar nicht, aber die Haltung, die er fordert, geht in diese Richtung. Man müsse das Gegenüber ernst nehmen. Sich auf Augenhöhe begeben. Durch gezieltes Nachfragen Reflexionsprozesse anstoßen und gemeinsam zum eigentlichen Problem vordringen. Eigene Standpunkte dürfe, ja sollte man dabei selbstbewusst verteidigen, denn ein echtes Gespräch lebe auch von Widerworten. Hopps Leitsatz lautet: „Hart in der Sache, weich zum Menschen.“
Sein neues Buch ist also auch ein Appell an seine Kollegen, sich auf die verfassungsmäßig festgeschriebene Aufgabe von Parteien zurückzubesinnen: Willen zu bilden, dem Diskurs nicht nur hinterherzurennen, sondern ihn auch zu beeinflussen. Das mag basal sein, wichtig ist es trotzdem.





