Einen Tag vor der Berlinale-Eröffnung ist rund um den Berlinale Palast kaum ein Durchkommen. Absperrgitter stehen, Transporter hupen, und Personen in neongelber Warnkleidung eilen von links nach rechts. Der rote Teppich ist nicht komplett ausgerollt, die Einsatzkräfte müssen noch die letzten Reste von Eis und Splitt vom Asphalt räumen. Einer von ihnen ist Thomas Volgnandt, zuständig für den Winterdienst. „Schön sauber soll’s sein“, sagt er, während er die Schneeschaufel in die Hand nimmt. Selbst war er noch nie auf den Internationalen Filmfestspielen Berlins, kurz Berlinale, obwohl er jedes Jahr dafür im Einsatz sei.

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Während also hinter den Absperrungen letzte Hand angelegt wird, fiebert die Stadt dem Auftakt eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt entgegen. Zum 76. Mal treffen sich Filmschaffende, Kritikerinnen und Kinobegeisterte aus aller Welt. Doch zwischen glänzenden Premieren und kritischen Blicken stellt sich die Frage: Wie nah fühlen sich die Berlinerinnen und Berliner dem Festival in der Hauptstadt? Und welche Filme bewegen sie wirklich?

Berlinale: Berliner haben keine Zeit (oder Interesse)
Winterdienstmitarbeiter Volgnandt „arbeitet eigentlich immer“ vor der Berlinale. Deshalb konnte der 34-Jährige selbst noch nie in die Kinos, sagt er, würde aber gern einmal sehen, was auf den Straßen passiert, die er sonst vom Schnee befreit. „Und am Wochenende ist dann Fußball“, fügt er hinzu, „da habe ich ohnehin keine Zeit dafür.“ Der Lieblingsfilm des Berliners? „John Wick“, sagt er so kompromisslos wie die Handlung des Films.

Auch der 26-jährige Enrico Hofmann aus Neukölln war noch nie auf der Berlinale – und das, obwohl er gebürtiger Berliner sei. So plant er auch in diesem Jahr nicht, das Filmfestspiel zu besuchen. Denn in seinen Kreisen spielt das Event keine Rolle: „Das Festival interessiert mich nicht groß. Ich habe mich damit nie befasst. Genauso wenig wie mein Freundeskreis und meine Familie“, erzählt er. Trotzdem hat der vollbärtige junge Mann mit dichten schwarzen Haaren eine klare Antwort, wenn es um seinen Lieblingsfilm geht: Sein Favorit ist „Titanic“. „Ich liebe die Kombination aus Dramaturgie, Dramatik und Romantik. Und dass der Film kein Happy End hat – das ist irgendwie ehrlicher.“

Ähnlich sieht das die 59-jährige Renate Zengin. Sie ist zwar keine Berlinerin, sondern aus Freiburg angereist – allerdings nicht wegen der Berlinale, sondern wegen des Spiels von Hertha gegen den SC Freiburg. Von den Filmfestspielen hält sie wenig: „Die Berlinale ist einfach für eine andere Gesellschaft gemacht“, meint sie. Viel zu teuer, viel zu abgehoben. Stattdessen freut sie sich auf ein gemütliches Krimiwochenende zu Hause: „‚Ein starkes Team‘ vom ZDF schaue ich gern“, sagt sie nach langer Überlegung.
Filme auf der Couch oder Berlinale? Die Berliner haben unterschiedliche Meinungen

So wie Renate Zengin zieht auch David Stärke aus Marzahn den eigenen Fernseher dem Festivaltrubel vor. Der 41-Jährige schaut gern Filme – aber nur, wenn sie ihn emotional aufwühlen. Egal, ob traurig oder actiongeladen. Sein Lieblingsfilm spiegelt das wider: „The Green Mile“. „Der trifft mich jedes Mal“, sagt er. Obwohl seine Frau, die neben ihm steht, Kinos gern besuche, kann er sich für die Berlinale nicht begeistern. „Ich bin eher der Typ, der im Kino einschläft“, meint er mit einem Schmunzeln. Trotzdem findet er: „Gut, dass es sie gibt. Berlin braucht solche Sachen – auch wenn sie nicht für jeden gemacht sind.“
Berlin braucht solche Sachen – auch wenn sie nicht für jeden gemacht sind.
David Stärke aus Marzahn, über die Berlinale 2026

Schließlich war unter den Befragten doch noch eine junge Frau dabei, die auf die Berlinale geht: „Ich bin dieses Jahr zum allerersten Mal dabei! Das ist dann eine Premiere für mich selbst,“ freut sich Alisha Graf. Die 26-Jährige interessiere sich erst seit Kurzem für die Kunst des Films: „Ich will verstehen, was hinter einem Film steckt, wie aus einer Idee eine Geschichte wird.“ Für sie scheint die Berlinale ein Stück Inspiration zu sein – und vielleicht der Anfang einer neuen Leidenschaft.
Während also am Potsdamer Platz die letzten Kabel verlegt und die ersten Kameras getestet werden, zeigt sich jenseits der Absperrungen ein anderes Bild von Berlin: auf der einen Seite die roten Teppiche, auf der anderen die Berlinerinnen und Berliner des Alltags, die sich lieber gute Geschichten auf dem Sofa anschauen. Nicht alle fiebern der Berlinale entgegen – und doch gehört das Festival zum Stadtbild wie der Winterdienst im Februar.




