Laut Berlins Innensenatorin Iris Spranger hat die Berliner Polizei im Nachgang des eskalierten Einsatzes am Rande eines Hertha-Spiels „viel aufzuarbeiten“. Das sagte die SPD-Politikerin am Montag im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Die Behörde müsse sich mit ihrer Deeskalationsstrategie und ihrem Umgang mit Fußballfans auseinandersetzen. Die Fanbetreuung sei dagegen Aufgabe des Vereinsvorstands. Sie sehe sich als „Mittlerin“ zwischen beiden Lagern.

Montag bis Samstag
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Vor der Zweitligapartie Hertha BSC gegen Schalke 04 im Berliner Olympiastadion am 17. Januar (0:0) war es zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei gekommen. Vor Anpfiff gerieten beide Seiten am Zugang der Ostkurve aneinander. 31 Fans und 21 Polizisten wurden dabei verletzt. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld. Die Fanhilfe von Hertha BSC forderte personelle Konsequenzen bei der Polizei und, dass „offenkundig falsche Aussagen“ zu dem Vorfall „richtiggestellt“ werden, wie es in einer öffentlichen Mail an Spranger heißt.
Auch interessant
Polizei prüft Strafverfahren nach Angriffen beim Hertha-Schalke-Spiel
„Wo wir Hinweise haben, werden wir auch Strafverfahren gegen Kolleginnen und Kollegen einleiten“, sagte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel im Ausschuss. Die Gewalt sei jedoch von den Hertha-Fans ausgegangen, die sich „unerwartet konfrontativ“ verhalten hätten. „Man war der Ansicht, wir hätten dort nichts verloren“, so Slowik Meisel weiter. Die Polizeikräfte seien unter anderem mit Holzstangen und Fahnen attackiert worden.

Grundsätzlich sei der Veranstalter für die Sicherheit zuständig. Handelt es sich allerdings um ein sogenanntes Risikospiel, „unterstützen wir innerhalb des Stadions vor allem bei gesteigerten Gefahrensituationen“. Die Zweitligapartie Hertha – Schalke war von der bundesweit zuständigen Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei Nordrhein-Westfalen als Risikospiel eingestuft worden.
Vor den Zusammenstößen wurde laut Slowik Meisel ein Schalke-Fan, der sich nach eigenen Angaben in die Ostkurve „verirrt“ hatte, von Hertha-Anhängern attackiert. Fans hätten die Polizeikräfte beschimpft und beleidigt. Erst nach der „gewaltsamen Blockierung von Flucht- und Rettungswegen“ für rund 15.000 Menschen hätte die Polizei „angefangen zu arbeiten“ und Pfefferspray sowie Schlagstöcke eingesetzt.
Fanhilfe fordert Ablösung der Einsatzleitung für das Olympiastadion
Ein Gespräch zwischen Vereins- und Fanvertretungen sowie der Polizei bei Innensenatorin Spranger in der Vorwoche blieb offenkundig ohne Ergebnis. Die Einsatzleitung für das Olympiastadion müsse „schnellstmöglich von ihren Aufgaben entbunden werden“, schreibt die Fanhilfe. „Wer über Monate hinweg einzig und allein eine Eskalation herbeiführen möchte und schlussendlich einen solch brutalen Einsatz genehmigt, darf im Sinne der Zuschauersicherheit keine Verantwortung mehr für Großveranstaltungen tragen.“
Die Einsatzleiterin war am Montag im Ausschuss anwesend, kam jedoch nach der Behördenchefin nicht mehr zu Wort. Die wiederum warf der Fanhilfe eine „sehr begrenzte Sichtweise“ vor und griff etwas zurück. Slowik Meisel nannte die Zweitligapartie Hertha – Dynamo Dresden (2:0) am 1. November 2025 einen „Wendepunkt“. Attacken der Hertha-Fans auf Dresdner im eigenen Stadion hätten gezeigt, dass ein anderer Umgang mit der Heimfanszene nötig war. Man sei bei Risikospielen nun verstärkt am Stadion präsent, um schneller am „Ort des Geschehens“ zu sein.
Linke kritisiert Pfefferspray-Einsatz als „zu großflächig“
Die Opposition äußerte Verständnis für den Unmut der Fans. Er habe keinen Zweifel daran, dass es darunter auch Gewalttäter gibt, sagte der innenpolitische Sprecher der Linksfraktion, Niklas Schrader. Am 17. Januar hätten auch unbescholtene Fans und Familien das Reizstoffsprühgerät (RSG) zu spüren bekommen. Auch Polizeikräfte litten im Nachgang unter Augenreizungen. „Hier wurde vielleicht zu niedrigschwellig und zu großflächig gepfeffert“, sagte Schrader. „Es ist nachvollziehbar, dass polizeiliches Handeln als bedrohlich wahrgenommen wurde“, so Schrader weiter.
Hier wurde vielleicht zu niedrigschwellig und zu großflächig gepfeffert.
Niklas Schrader, Innenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus
So sah es auch die Grünen-Abgeordnete Antje Kapek. Den von der Polizeipräsidentin benannten „Wendepunkt“ sieht Kapek viel früher, beim Spiel gegen den Karlsruher SC am 29. März 2025. Die Polizei war damals mit rund tausend Kräften im Einsatz und ließ permanent einen Hubschrauber über den Fans kreisen. „Bei der Fanfreundschaft zwischen Hertha und dem KSC war das wohl so ziemlich das Gegenteil eines Risikospiels“, sagte Kapek, die mit blau-weißem Schal im Ausschuss saß. Die Polizei würde Fußballfans pauschal als Gewalttäter stigmatisieren. Möglicherweise sei eine Entschuldigung durch die Polizei angebracht.
Polizeieinsatz am Klinikum Westend: Fans kritisieren Vorgehen der Beamten
Ob es die geben wird, bleibt abzuwarten. Die Debatte wurde am Montag aufgrund der fortgeschrittenen Zeit unterbrochen und soll am Freitag im Sportausschuss des Abgeordnetenhauses fortgeführt werden. Dann wird voraussichtlich noch ein weiterer Einsatz der Polizei am Klinikum Westend am selben Abend Thema.

Fans warfen Beamten vor, auch dort von ihnen bedrängt worden zu sein. Die Vorwürfe wiegen auch hier schwer: Die Polizei soll Verletzten den Zugang zu medizinischer Versorgung verwehrt haben, solange diese nicht ihre Personalien preisgeben. Die Polizei begründete den Einsatz am Klinikum im Nachgang damit, dass sie Hinweise auf „eine Ansammlung gewaltbereiter Fans“ erhalten habe. Es hätte sich erst vor Ort herausgestellt, „dass die Personengruppe lediglich zur Behandlung vor Ort war“.
Am Sonntag werden Polizei und Hertha-Fans dann erneut im Olympiastadion aufeinandertreffen. Um 13 Uhr empfängt der Hauptstadtverein den SV Darmstadt 98. Die Partie gilt nicht als Risikospiel.






