1995 wurde ein Mädchen in einer Jugendeinrichtung der evangelischen Kirche in Mitte von einem Mann missbraucht, der dort gearbeitet hat. 30 Jahre später, strafrechtlich ist der Vorfall bereits verjährt, lud die evangelische Kirche zu einem Informationsevent ein, „um ihrem Transparenz-Anspruch zu genügen“, wie Superintendent Matthias Lohenner es formulierte. Leider geriet die Veranstaltung zu einer verdrucksten Farce, die eine Frau im Publikum, wie sie es offen sagte, als unglaubwürdige „Performance“ bezeichnete. Ort? Tat? „Details werden nicht bekannt gegeben“, hieß es lapidar. Fotos waren bei der Veranstaltung strikt verboten.

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Der Saal am Montag war brechend voll im Theologischen Konvikt neben der Golgathakirche der Evangelischen Kirchengemeinde am Weinberg. Ein Team von vier „Awareness-Personen“ stand bereit, um nach dem Event „im vertraulichen Gespräch“ über mögliche weitere Missbrauchsfälle zu sprechen. Ein Interventionsteam und ein Aufarbeitungsteam haben sich hinter verschlossenen Türen beraten. Nun soll herausgefunden werden: Gibt es weitere Betroffene? Haben Verhältnisse in der Institution den Vorfall möglicherweise begünstigt?

Missbrauch: Für Opfer verjährt er nicht

2010 enthüllte die Berliner Morgenpost einen Missbrauch von drei Schülern am Canisius-Kolleg, einem vom Jesuitenorden betriebenen altsprachlichen Gymnasium im Westen der Stadt. Haupttäter waren zwei katholische Pater. 15 Jahre später ist die Aufarbeitung des Missbrauchs noch lange nicht abgeschlossen. Die Missbrauchsopfer vom Canisius vermissen eine Entschädigung.

Bundeslage Sexualdelikte
Die Anzahl der Straftaten bleibt 2025 konstant hoch, wie aus dem Bundeslagebild für Sexualdelikte hervorgeht.© BM | epd

Der Mitarbeiter der evangelischen Kirche in Mitte, der „vollumfänglich gestanden hat“, verlor danach seine Anstellung. Eine Strafe hat er nicht zu erwarten. Die evangelische Kirche sucht nun nach einem „seelsorgerischen Umgang“ mit dem Täter. Dabei richtet sexueller Missbrauch einen irreparablen Schaden bei Kinderseelen an. 30 Jahre habe es allein gedauert, bis er 2010 Worte für das fand, was ihm und anderen Anfang der 80er-Jahre widerfahren ist, sagte der ehemalige Canisius-Schüler Matthias Katsch, der missbraucht wurde, vor einem Jahr dem RBB.

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In Berlin und Brandenburg kehren immer mehr Menschen der Kirche den Rücken. Auch die evangelische Kirche verliert in Berlin und Brandenburg weiter Mitglieder. Ende 2024 hätten der evangelischen Landeskirche knapp 775.000 Menschen angehört, rund 30.000 weniger als ein Jahr zuvor, teilte die kirchliche Pressestelle 2025 mit. Ein Wunder ist das nicht. Denn Kirchen bieten kaum Lösungen für aktuelle Herausforderungen, noch konnten sie bislang eine glaubwürdige Aufarbeitung von Missbrauchsfällen vermitteln.

Hier können sich Betroffene melden

Die ehemalige Erzieherin Monika Weber, heute Schutzbeauftragte im Kirchenkreis Berlin Stadtmitte, will, dass Missbrauch bei Kindern nicht mehr passiert. „Kein Hauptamtlicher ist heute normalerweise allein bei der Jugendarbeit“, sagt sie. Kleinen Kindern werde eingeschärft: „Niemand darf dich auf den Schoss nehmen, wenn du es nicht willst.“ Dies bestätigt auch Timo Versemann, Jugendpfarrer der Gemeinde am Weinberg.

Bei Monika Weber können Betroffene sich melden und Hilfe suchen. Weitere Anlaufstellen: Fachstelle für den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der EKBO, Wendepunkt e.V., und Unabhängige Externe Ansprechstelle bei sexuellen Übergriffen in der EKBO.