Werner Graf führt die Grünen als Spitzenkandidat in die Berlin-Wahl 2026 und soll als neuer Regierender Bürgermeister in das Rote Rathaus einziehen. Auf einem Parteitag in Neukölln kürten die Delegierten den 45-Jährigen mit großer Mehrheit – gemeinsam mit Bettina Jarasch (57), die mit Graf eine Art Spitzenteam bildet.

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Bei der Abstimmung votierten 147 Delegierte oder 81,7 Prozent für das Duo Graf/Jarasch. Es gab 23 Nein-Stimmen und 9 Enthaltungen. Auf Timur Ksianzou, der überraschend gegen Graf und Jarasch antrat, entfiel eine Stimme. Der junge Mann stellte sich als Mitglied im Grünen-Kreisverband Reinickendorf vor.

Landesparteitag Bündnis 90/Die Grünen Berlin
Werner Graf und Bettina Jarasch als frisch gewähltes Spitzenkandidaten-Duo der Berliner Grünen beim Landesparteitag auf der Bühne im Estrel Hotel. © Annette Riedl/dpa | Annette Riedl

„Ich trete an, um Kai Wegner abzulösen“, sagte Graf in seiner Rede. Denn die seit 2023 von CDU und SPD regierte Stadt gerate immer mehr unter die Räder. „Berlin wird gerade immer grauer und grauer. Es droht immer mehr, sein Gesicht zu verlieren“, meinte Graf. „Mit diesem Senat wird Berlin kälter, dreckiger und gefährlicher.“ Wegners Senat habe die Verkehrswende gestoppt, tue nichts für den Schutz der Mieter und streiche bei sozialen und kulturellen Projekten.

Die Grünen wollten das ändern. Statt der „Betonschneise“ A100 wollten sie Bus und Bahnen verlässlich machen, Fuß- und Radwege ausbauen, in die Sauberkeit der Parks investieren oder die Geothermie ausbauen.

„Hausverbot“ für gierige Vermieter

Graf forderte auch ein „Hausverbot“ für diejenigen Vermieter in Berlin, die Recht und Gesetz mit Füßen treten, nur Kasse machen wollten und nicht in Instandhaltung investieren. „Wer glaubt, in Berlin Monopoly spielen zu können, der muss damit rechnen, dass wir die Ereigniskarte ziehen – und auf der steht: Vergesellschaftung.“ Graf sagte in seiner Rede: „Ja, ich verbiete auch gern. Ich will das Totrasen auf den Straßen verbieten, ich will das Böllern verbieten und, ja, ich will die AfD verbieten.“ Er wolle Berlin in den Mittelpunkt rücken. In Zeiten, in denen sich ein Präsident in Übersee gern eine Krone aufsetzen möchte, bedeute „ein Graf im Roten Rathaus mehr Demokratie, mehr Gerechtigkeit und mehr Freiheit für alle Berlinerinnen und Berliner“, so Graf am Ende seiner Rede, für die er Standing Ovations bekam.

Jarasch, die am Tag der Landesdelegiertenkonferenz auch ihren 57. Geburtstag feierte, griff den schwarz-roten Senat und vor allem den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) unter anderem wegen dessen Verkehrspolitik an. Die Stadt stehe im Stau, weil die CDU eine Politik gegen Rad und Bahn betreibe. „Wir haben in den letzten drei Jahren einen Radwegestopp erlebt, einen Tram-Stopp, den Stopp für Busspuren, für Tempo 30 und den Stopp für Verkehrsberuhigung“, zählte Jarasch auf. S- und U-Bahn steckten in der Krise. Es stimme, „der Wind bläst uns ins Gesicht“, sagte Jarasch. „Genau deshalb stehe ich heute hier. Gegenwind kennen wir. Wir sind doch die Experten darin, aus Wind Energie zu erzeugen.“

Berliner Grüne bleiben bei Doppelspitze Stahr und Ghirmai

Als sechsten Tagesordnungspunkt wählten die Berliner Grünen auf ihrem Parteitag im Neuköllner Estrel noch ihre Parteiführung. Hier setzten sie auf Kontinuität und bestätigten ihre Doppelspitze Nina Stahr und Philmon Ghirmai im Amt. 86,9 Prozent der Delegierten stimmten für die Realpolitikerin Nina Stahr (43) und 77,1 Prozent für den Parteilinken Philmon Ghirmai (41). Das Duo steht seit Dezember 2023 an der Spitze des Grünen-Landesverbandes.

Stahr löste damals Susanne Mertens ab, die seit 2021 die Doppelspitze mit Ghirmai bildete. Von 2016 bis 2021 amtierte sie zusammen mit dem heutigen Fraktionschef und Spitzenkandidaten für die Berlin-Wahl 2026, Werner Graf, schon einmal als Parteichefin. Ghirmai will bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 in das Landesparlament einziehen.

Mäßige Umfragewerte für Grüne

Bei der Wiederholungswahl im Februar 2023 waren die Berliner Grünen drittstärkste Partei geworden. Sie kamen auf 18,4 Prozent und lagen damit weit hinter der CDU (28,2 Prozent) und nur wenige Stimmen hinter der SPD (18,4 Prozent). Da CDU und SPD anschließend eine Koalition bildeten, mussten die Grünen in die Opposition. Zuvor hatten sie mehr als sechs Jahre gemeinsam mit SPD und Linken regiert.

In letzten Umfragen lagen die Berliner Grünen zwischen 14 und 16 Prozent hinter CDU und Linken. Die Wahl zum Abgeordnetenhaus findet am 20. September 2026 statt. Die CDU dürfte mit Wegner als Spitzenkandidat ins Rennen gehen. Die SPD zieht mit Steffen Krach in den Wahlkampf, die Linken mit Elif Eralp und die AfD mit Kristin Brinker. mit dpa