Dass ihm ausgerechnet nach seiner Pensionierung sein erfolgreichstes Projekt bevorstehen würde, hätte Konrad Kutt wohl selbst nicht erwartet. Der 84-Jährige ist Erfinder der sogenannten BücherboXXen. Das sind alte Berliner Telefonzellen, die zu einer kostenlosen Straßenbibliothek umfunktioniert wurden. Mittlerweile gibt es 18 Standorte im Stadtgebiet. Jede einzelne Telefonzelle ist ein eigenes Kunstwerk.

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Für sein Engagement zu diesem Projekt wurde Kutt kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost spricht er über die Ehrung, sein jahrzehntelanges Wirken und seine Erinnerungsarbeit.

Kutt ist gelernter Berufs- und Wirtschaftspädagoge – aus seinem früheren Beruf heraus ist auch die Idee zur BücherboXX entstanden. „Ich habe mich viel mit Nachhaltigkeitsprojekten beschäftigt, die von Auszubildenden in Betrieben und Berufsschulen umgesetzt wurden“, erzählt er. Daraus sei der Wunsch entstanden, Nachhaltigkeit sichtbar und begreifbar zu machen – nicht als abstraktes Konzept, sondern als konkretes Erlebnis. Anstatt etwas Neues zu bauen, wolle er Vorhandenes neu denken. Alte Telefonzellen boten sich dafür ideal an.

Das Buch auf Berlins Straßen bringen

Unter Kutts Anleitung gestalten Auszubildende die Boxen selbst: Sie bauen Regale ein, entwickeln Farbkonzepte, tragen Lack auf und erleben, wie Gestaltung, Technik und Funktionalität zusammenspielen. Einige BücherboXXen verfügen sogar über Solarmodule, die Strom für die AudioboXXen oder Ladebüchsen liefern. „Das war meine Idee“, sagt Kutt – „ein berufspädagogisches Projekt, das Nachhaltigkeit, Bildung und Handwerk verbindet“.

Die Bücher in den BoXXen werden thematisch an ihren Standort angepasst.
Die Bücher in den BoXXen werden thematisch an ihren Standort angepasst.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

In einer immer digitaleren Welt sind ihm der Erhalt und die Wertschätzung von Büchern – „ein Weltwunder der Nachhaltigkeit“ – besonders wichtig. Es sei für ihn undenkbar, Bücher zu vernichten oder zum Recyclinghof zu bringen. Vielmehr müssten Bücher besser zugänglich gemacht werden, denn sie seien „Träger von Wissen und Aufklärung“. Mit Social Media kann Kutt hingegen wenig anfangen.

Das Bundesverdienstkreuz erhielt der Berliner für seinen Einsatz für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Erinnerungskultur und Völkerverständigung. Erwartet habe er die Ehrung nicht, sagt er – gefreut habe sie ihn dennoch, denn „jeder Mensch braucht Lob und Anerkennung“. Besonders glücklich ist er darüber, dass die vielen Straßenbibliotheken und über 80 Salonabende einen Beitrag zur Zivilgesellschaft leisten konnten. „Das Buch auf die Straße zu bringen“ sei immer sein Ziel gewesen – und der Erfolg erfüllt ihn mit Stolz. Wichtig ist ihm jedoch zu betonen, dass die Auszeichnung nicht nur ihm gelte, sondern auch dem gesamten BücherboXX-Kernteam und allen, die bei seinen Projekten mitwirken.

Wiederaufbau nach antisemitischem Brandanschlag

Besonders bedeutsam wird die Auszeichnung vor dem Hintergrund, dass die BücherboXX am Holocaust-Mahnmal Gleis 17 in Grunewald vor zwei Jahren Ziel eines antisemitischen Brandanschlags wurde. Aufgeben sei keine Option gewesen, erzählt Kutt. Bereits ein halbes Jahr später stand die Box wieder. „Die Solidarität war überwältigend – es gab großzügige Spenden, viel Anteilnahme und Unterstützung von allen Seiten. Wenn man etwas verliert, merkt man erst, wie wertvoll es war.“

Leider sei Vandalismus ein wiederkehrendes Problem: „Jeder Schlag gegen die BücherboXX ist ein Schlag gegen uns alle, die an den Projekten beteiligt sind und sie als Bibliothek nutzen.“ Trotzdem würde das Team sich gegenseitig stärken, reparieren, was zu reparieren ist und versuchen, nicht zu verzagen.

Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald – ein wichtiger Ort der Erinnerung.
Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald – ein wichtiger Ort der Erinnerung.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Gleis 17 sei der „vielleicht wichtigste Ort der Erinnerung an die Deportation und Ermordung jüdischer Frauen, Männer und Kinder von 1941 bis 1945“, so Kutt. Die gegenüberliegende BücherboXX wurde deshalb, gemeinsam mit dem Künstler Rainer Ehrt, von Berufsschülern gestaltet. Sie soll Literatur bereitstellen, die thematisch auf diesen Ort eingeht – ein Ort für „Lesen und Verstehen, Geben und Nehmen“. Nicht nur symbolische Gesten seien wichtig, betont Kutt, sondern eine aktive und reflexive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Jüdisches Leben sichtbar zu machen und zu schützen, ist ihm ein besonderes Anliegen – „mit Büchern, Lesungen, hebräischen Liedern und Konzerten.“ In der AudioboXX am Gleis 17 sind eigens komponierte und gesungene Lieder zu hören.

Und wie geht es weiter? Konkret wird Kutt nicht, sagt jedoch: „Ab einer bestimmten Zeit und Größe, wenn der breite Nutzen für alle Beteiligten unübersehbar wird, stellt sich die Frage nach einer auf Erhalt und Nachhaltigkeit gerichteten Struktur. An dem Punkt sind wir in Berlin, spätestens nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.“ Er wünscht sich jedoch, dass die BücherboXX weiterlebt – als sichtbares Zeichen für Bildung, Verantwortung und Zivilcourage.