Wenn ein Venezolaner, eine Iranerin und ein Russe auf einem Lautsprecherwagen vor dem Berliner Abgeordnetenhaus stehen und rufen: „Wir alle kommen aus Ost-Berlin“ – dann ist Berlin Freedom Week. Zum ersten Mal wird die deutsche Hauptstadt ab diesem Sonnabend für eine Woche rund um den 36. Jahrestages des Mauerfalls am 9. November zur Bühne für die Freiheit. Mit über 130 Veranstaltungen an mehr als 80 Orten soll ein Kontrapunkt gesetzt werden gegen die Autokratien und Diktaturen, die global auf dem Vormarsch sind.

Start der «Freedom Week» zum Jahrestag des Mauerfalls
Garry Kasparov, Masih Alinejad und Leonardo López (v.l.n.r.): „Wir alle kommen aus Ost-Berlin.“ © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Zum Auftakt tagt bis Sonntag der World Liberty Congress, eine Art alternative Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN). Die Delegierten: 180 Freiheitskämpfer und Dissidenten aus 60 autokratisch regierten Ländern. Im Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses, auf den Plätzen, auf denen sonst die Abgeordneten von CDU, SPD, Grünen, Linken und der AfD sitzen, stehen kleine Nationalflaggen der Heimatländer der Delegierten. Fast die ganze Welt ist vertreten: Osteuropa, Südamerika, Afrika, Asien und der Nahe Osten.

Und sie alle sollen aus Ost-Berlin kommen? Leopoldo López, der venezolanische Oppositionsführer und Generalsekretär des Freiheitskongresses, meint diesen Satz natürlich im übertragenen Sinn. Millionen von Menschen weltweit würden in Unfreiheit – „im Osten“ – leben, so López. „Wir wollen in den Westen.“ Mit seinen Ost-Berlin-Analogien ist er nicht allein an diesem Sonnabend. Immer wieder wird die Geschichte der deutschen Hauptstadt als Anknüpfungspunkt für aktuelle Freiheitskämpfe genutzt.

Start der Freedom Week in Berlin: „Let there be light“

Garry Kasparov, ehemaliger Schachweltmeister aus Russland, lautstarker Gegner von Wladimir Putin und Vizepräsident des Freiheitskongresses, erinnert sich noch gut an seinen ersten Berlin-Besuch. Es war kurz nach der Wende, sagte Kasparov, die ehemalige innerdeutsche Grenze sei aber noch deutlich zu erkennen gewesen: „Im Osten war es dunkel, im Westen schien das Licht.“ Es sei eigentlich ganz einfach, die Mission der Freiheitskämpfer dieser Welt sei überall dieselbe: „Let there be light“ (engl., „Lass es Licht werden“).

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Auch Masih Alinejad, Frauenrechtsaktivistin und Präsidentin des World Liberty Congress, schlug einen Bogen vom Berlin des Jahres 1989 in die Gegenwart, in ihre Heimat: den Iran. Sie verglich den Fall der Mauer mit dem Lüften des Hijab, des Schleiers, den das iranische Regime den Frauen im Land vorschreibt zu tragen. Weil sie die Frauen im Iran dazu aufruft, „diese Mauer“ niederzureißen, habe das Regime russische Agenten damit beauftragt, sie vor ihrem Haus im New Yorker Exil zu töten, erzählt sie. Später sei ein weiterer Agent beauftragt worden, sie zu kidnappen und nach Venezuela zu verschleppen. Ihre Geschichte sei somit symptomatisch für eine Bestandsaufnahme, die pessimistisch stimmen muss: Die Diktaturen dieser Welt würden eng zusammenarbeiten und stünden aktuell geeinter da als die demokratisch regierten Staaten.

„Wir wissen, was Freiheit ist, und wir sind hungrig.“

Der Auftakt des World Liberty Congress im Berliner Abgeordnetenhaus war dementsprechend kämpferisch. Über die Hälfte der Delegierten habe laut López in ihrer Heimat bereits im Gefängnis gesessen. „Wir wissen, was Freiheit ist, und wir sind hungrig.“

Start der «Freedom Week» zum Jahrestag des Mauerfalls
Eine Art alternativer UN-Versammlung: Der World Liberty Congress im Berliner Abgeordnetenhaus. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Dass die Dissidenten bei all dem, was auf dem Spiel steht, dennoch nicht ihren Humor verloren haben, bewies Kasparov mit einem kleinen Satz in seiner Eröffnungsrede. „Ich bin froh, euch begrüßen zu dürfen, meine lieben Terroristen und Extremisten“, sagte er an die Delegierten gerichtet. Sie, die in ihren Heimatländern mit genau diesem Vorwurf verfolgt werden, dankten es ihm mit einem lauten Lachen. Kasparov, nun wieder ernst, ist sich allerdings sicher: Es wird der Tag kommen, an dem die wahren Terroristen und Extremisten zur Rechenschaft gezogen werden.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU): „Am Ende gewinnt die Freiheit“

Hoffnung geben – diesen Wunsch verbindet auch Berlins Regierender Bürgermeister, Kai Wegner (CDU), mit dem Start der Freedom Week. Obwohl laut einem Demokratie-Index des „Economist“ momentan nur 45 Prozent der Menschen weltweit in Demokratien leben, zeigte er sich optimistisch: „Am Ende gewinnt die Freiheit.“ Solange aber noch um sie gekämpft werden muss, stehe Berlin fest an der Seite aller freiheitsliebenden Menschen, versprach Wegner. Und zwar nicht nur während der Freedom Week, sondern an 365 Tagen im Jahr. Aus der erstmals stattfindenden Woche im Zeichen der Freiheit will er eine Tradition machen. Künftig soll die Veranstaltung nach seinem Willen jedes Jahr nach Berlin kommen.

Start der «Freedom Week» zum Jahrestag des Mauerfalls
Kai Wegner (CDU) zur Eröffnung der Berlin Freedom Week: „Am Ende gewinnt die Freiheit“© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Diese Ankündigung fällt in eine Zeit, in der die deutsche Bundesregierung die Vergabe humanitärer Visa gestoppt hat. Über diese Visa konnten Dissidenten aus ebenjenen Ländern, die bis Sonntag noch im Berliner Abgeordnetenhaus zusammenkommen, auf vereinfachtem Weg ins Exil nach Deutschland kommen. Künftig dürften sie es schwieriger haben.

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