Liebe Leserin, lieber Leser,
ich sitze da, schaue die Netflix-Doku über den Rapper Haftbefehl – und weiß nicht, wohin mit meinen Emotionen. Da ist dieser Mann aus Offenbach, der mit Worten ganze Straßen beben ließ, und nun vor einem sitzt wie ein Schatten seiner selbst. Leere Augen, abgebrochene Sätze, eine Nase, zerstört vom Koks. Es ist erschütternd, weil hier keiner am Ruhm zerbricht, sondern an sich selbst.
Ich stelle mir die Frage: Wie soll man da empfinden? Mitleid, weil das Schicksal gnadenlos zuschlägt? Verachtung, weil irgendwann jede Ausrede hohl klingt? Oder Hoffnung, dass irgendwo zwischen Therapie und Track noch Rettung bleibt? Diese Zerrissenheit ist wohl die ehrlichste Reaktion auf das, was Haftbefehl zulässt.
Morgenpost Späti
Hier steckt alles drin: Ihr Berlin-Update zum Feierabend – montags bis freitags um 18 Uhr.
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Denn Drogen sind kein Bühnenlicht – sie sind der Stromausfall. Sie fressen Talent, Stimme, Familie. Die Doku zeigt das ohne Filter: kein Glanz, kein „Gangster-Glamour“, nur den Menschen, der nicht mehr wusste, wie man zurückfindet. Das ist vielleicht das Mutigste daran: Sie will nichts rechtfertigen, nur zeigen, was bleibt, wenn der Rausch vorbei ist.
Und während ich da sitze, zwischen Betroffenheit und Gänsehaut, läuft draußen in Berlin dieselbe Geschichte weiter – bloß ohne Soundtrack. In Neukölln, am Kotti, unter den Brücken der Stadt: dieselbe Mischung aus Stolz, Schmerz und Selbstzerstörung. Auch hier Menschen, die glaubten, sie hätten das System ausgetrickst, bis sie merken, dass es längst umgekehrt war. Offenbach ist weit weg. Aber der Abgrund, den Haftbefehl zeigt, liegt manchmal nur eine U-Bahn-Station entfernt.
„Berlins Kampf gegen Drogen“
Drogentaxis, Konsum in der Öffentlichkeit, Dealer mit Visitenkarten – illegale Drogen sind Teil des Alltags in Berlin. Die Anzahl der Drogentoten hat einen Höchststand erreicht. In der mehrteiligen Serie „Berlins Kampf gegen Drogen“ zeigen wir, wie tief das Thema in der Stadt verankert ist – und wie es das Leben von Abhängigen, Ärztinnen, Polizisten, Eltern und vielen anderen beeinflusst. Alle Teile der Serie finden Sie hier.
Ihr Berlin-Tipp
Wo schmeckt der Kaffee am besten? In welchem Kiezversteck gibt es das beste Feierabendbier? Und wo zeigt sich Berlin von seiner schönsten, schrulligsten oder überraschendsten Seite? Alles wichtige Fragen, die Sie nun beantworten können. Der heutige Tipp kommt von Kathrin aus Steglitz:
„Das Café Baier ist wie eine kleine Zeitreise – Jugendstil, Stuck, alte Holztreppe. Mein Tipp: die Buchteln! Am besten oben am Fenster sitzen und dem Trubel auf der Schlossstraße zusehen.“
Und jetzt sind Sie gefragt: Schreiben Sie mir Ihren ganz speziellen Tipp – ob Lieblingsplatz, Geheimadresse oder Alltagsflucht – an spaeti@morgenpost.de. Ihre Einsendungen stelle ich hier im Newsletter vor.
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Jetzt kommt noch Kasupke ...
... der noch keine Lust auf Wintermärkte hat:
„Jestan hab ick kritisch anjemerkt, det ville Jeschäfte jetz schon voll uff Weihnachten jepolt sind. Jeht aba noch bessa: In unsam Millionendorf ham die ersten Weihnachtsmärkte uffjemacht – vier Wochen vorm ersten Advent. Nu jilt ooch hier, det jeda nach seina Fassong selich wern soll, aba ick kann damit nüscht anfangen. Mir steht der Sinn noch nich nach Jlühwein und Herrnhuta Sternen. Außadem find ick, det Weihnachtsmärkte vor Totensonntach nich richtich sind. Ooch wenn teilweise det Etikett Weihnachten nur Tarnung fürn Rummel is. Irjendwann eröffnet der erste Weihnachtsmarkt im Freibad.“
Und damit schließt der Späti für heute. Schreiben Sie mir gerne, wenn Sie Fragen, Tipps oder Lieblingsorte haben. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.
Herzliche Grüße!
Ihr Pascal Biedenweg
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