Im Jahr 2021 hat Morgenpost-Autor Thorsten Keller mit dem Schriftsteller Kai Hensel Reichert über das Buch „Terminal“ gesprochen. Der Flughafen BER diente ihm als Inspiration für dieses Werk. Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums des Flughafens in diesem Jahr veröffentlichen wir den Artikel erneut.

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass eine der Nebenfiguren in Kai Hensels BER-Thriller „Terminal“ ein Autor ist, der mit einem Buch über den Pannenflughafen in Schönefeld Schiffbruch erlitten hat. Dieser Helmut Reichert, der inzwischen in einer Garage haust, hat sich derart manisch rein gebissen in das Thema, dass ihm der Überblick über sein Material abhandengekommen ist.
„Der Flughafen nahm mich gefangen“, legt Autor Kai Hensel Reichert in den Mund, „da war ein Sog, in die Tiefe“. Längst ist das Manuskript ausgeufert, alleine der Prolog von der Standortsuche bis zum Spatenstich umfasst 700 Seiten. Der Lektor beim Verlag findet es „dunkel, faszinierend, vermisst aber den Humor.“ Das Werk bleibt unveröffentlicht.
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Wowereit und Mehdorn heißen im Buch natürlich anders
So schlimm ist es Hensel selbst nicht ergangen. „Terminal“ ist 2021 beim Unionsverlag Zürich erschienen, mit 280 Seiten angenehm kompakt und nicht frei von lustigen Passagen. „Es ging mir nicht darum, irgendjemand in die Pfanne zu hauen“ sagte er in einem Interview nach Erscheinen des Buches, denn natürlich sind einige der Hauptfiguren im Buch unschwer realen Vorbildern zuzuordnen.
Peter Pankelow heißt der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, der im Roman – anders als der reale Klaus Wowereit – nach seinem Rücktritt zu einem politischen Comeback ansetzt. Dafür will er den Beweis erbringen, dass es vor seiner Amtszeit unsaubere Grundstücksdeals im großen Stil gegeben hat – aus seiner Sicht die „Ur- und Erbsünde“ des ganzen Flughafen-Schlamassels. Doch existieren die Akten aus den 1990er-Jahren noch?
„Terminal“ spielt in den Jahren nach 2012, nachdem die Eröffnung des Hauptstadtflughafens zum ersten (aber nicht zum letzten Mal) verschoben werden muss und der BER selbst Comedians wie Mario Barth verlässlich Stoff für billigste Pointen bietet. Es treten unter anderem auf: Gisela Hornbusch – Hensel hat die Mehdorn-Rolle absichtlich mit einer Frau besetzt. Über ihre Sisyphusarbeit sagt die Ex-Flughafenchefin im Nachhinein: „Ich bildete mir ein, dass es auf der Baustelle voranging. Aber für jeden Mangel, den ich beseitigte, entstanden drei neue.“
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Je mehr Hensel über den BER recherchierte, desto rätselhafter wurde es
Ihr Nachfolger Odebrecht (alias Engelbert Lütke Daldrup) ist auch im Roman wild entschlossen, den BER endlich ans Netz zu bringen und erscheint bei Hensel als unbestechlicher Sturkopf und sympathischer Nerd, der nachts selbst zur Maurerkelle greift und einen chaotisch gearbeiteten Kabelschacht verschließt.
„Ich habe zwischendurch mehrfach unterbrochen, weil ich das Gefühl hatte, ich kriege das nicht hin“, sagt Hensel über den Schreibprozess und erklärt das so: „Normalerweise hat man ein Thema, fängt an zu recherchieren, sammelt immer mehr Informationen und dann sortiert sich das so. Nicht bei diesem Flughafen: Je mehr man darüber recherchierte und wusste, desto rätselhafter wurde das.“

Hensel konnte erst weiterschreiben, als er für sich akzeptierte, dass tief in den Katakomben dieser Baustelle ein Mysterium schlummern muss, ein „unerklärlicher Rest“. Wer es mit eigenen Augen gesehen hat, droht den Verstand zu verlieren – oder ist es nur eine Kohlenmonoxid-Vergiftung?
Ein Hauch von Mystery: Die Flughafen-Baustelle entwickelt ein Eigenleben
Das gibt dem Buch eine Mystery-Ebene, die kein Mensch je wird beweisen können, die aber dennoch einen gewissen Charme versprüht: Demnach sind die mannigfachen Baumängel am BER miteinander verwoben, zu einem neuronalen Netzwerk. Der Flughafen entwickelt ein Eigenleben und sogar einen eigenen Willen: Es soll immer so weitergehen. Das kommt auch den Handwerksfirmen entgegen, die sich in einem Zyklus ausbauen, abreißen und wieder von vorne bauen profitabel eingerichtet haben.
Apropos Fertigstellung: „Ich wäre mit dem Buch gerne am 31. Oktober 2020 rausgekommen“, sagt Hensel, also zeitgleich zur BER-Eröffnung. An ihm habe es nicht gelegen, er habe rechtzeitig abgeliefert. Doch dann kam Corona, und der Verlag hatte Sorgen, das Werk nicht ordentlich bewerben und in die Buchhandlungen bringen zu können. So erschien „Terminal“ erst ein halbes Jahr nach dem Flughafenstart.







