Sie teilen das Schicksal, sie teilen den Begleiter: Sara führt Stute Crumble am Halfter über den Reitplatz, Fenja sitzt im Sattel, während das Tier gemütlich seine Runden zieht. „Vorsicht, das Pferd geht in die Kurve“, ruft Fenja von Weiten, als sich das Trio nähert. Die beiden Mädchen lachen und bringen das Pferd zum Stehen. Sie kuscheln sich an das Tier, streicheln es. Das ist ihr Moment, für einen Augenblick sind die beiden Mädchen ganz im Hier und Jetzt. Die dunklen Gedanken, der frühe Tod ihrer Mütter – das alles wird auf dem Reitplatz kurz überlagert von der weichen warmen Geborgenheit bei dem großen Tier. „Wenn ich traurig bin, finde ich auf dem Pferdegut Ruhe, reiten macht den Kopf frei“, sagt Sara.
Kleinpferd Crumble gehört zum Christophorus Gemeinschaftshospiz in Kladow
Es ist ein herbstlicher Nachmittag auf der Koppel des Pferdeguts Hofmann in Falkensee. Dort hat Crumble seinen Stall. Die Quarter Horse Stute ist ein Kleinpferd, das zum Christophorus Gemeinschaftshospiz in Kladow gehört. Seit 13 Jahren arbeitet Birgit Kuban in dem Hospiz, zuvor als Krankenschwester, heute als Trauerbegleiterin für Kinder, Jugendliche und Familien. Vor sechs Jahren hat sie mit Kollegen ein Projekt gegründet, um jungen Menschen beim Tod eines Familienmitgliedes zu helfen. Seit der Gründung 2019 konnten bereits insgesamt 80 Kinder und Jugendliche von 6 bis 21 Jahren und 50 Familien unterstützt werden.

Jetzt startet das Team mit dem neuen Namen „Herzenszeit“ und der Stute Crumble, die nun für Einsätze bereit ist, noch einmal durch. Unterstützt wird es dabei von Spandaus Bezirksbürgermeister Frank Bewig, der anlässlich des Deutschen Hospiztages am 14. Oktober offiziell die Schirmherrschaft übernommen hat. „Herzenszeit ist ein Projekt, das für unseren Bezirk Spandau von unschätzbarem Wert ist“, sagte Bewig auf der Veranstaltung am Dienstag im Gutshaus Kladow. Gerade Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dürften in ihrer Trauer nicht allein bleiben. Herzenszeit schenke ihnen einen geschützten Raum, in dem sie Trost, Verständnis und Halt finden, so Bewig.

Momentan begleitet Herzenszeit etwa 40 Kinder und Jugendliche. Die Angebote finden an zwei Standorten statt: auf dem Campus Havelhöhe in Kladow und am Brunsbütteler Damm in Spandau. Zum Team gehören zwei hauptamtliche Fachkräfte sowie mehrere qualifizierte ehrenamtliche Trauerbegleitende. Es besteht zudem eine Kooperation mit dem Jugendamt Spandau. Das Projekt lebt vor allem von Spenden. Im Rahmen der Jubiläumsaktion des Vereins „Berliner helfen“ wird es auch mit einer Spende der Berliner Morgenpost unterstützt.
Kinder werden oft nicht einbezogen, wenn ein Elternteil stirbt
Birgit Kuban hat bei ihrer Arbeit im Hospiz oft bemerkt, dass Kinder nicht mit einbezogen werden, wenn ein Elternteil stirbt. „Die Eltern wollen ihre Kinder schützen, sie sollen unbeschwert weiterleben“, sagt sie zu den Gründen. Aber sie habe gespürt, dass das nicht in Ordnung ist. „Man nimmt dem Kind das Abschiednehmen“, sagt die Projektgründerin. Sie wollte das ändern und hat eine Trauerausbildung gemacht.

Kinder trauern anders, sie gehen einfacher mit dem Tod um. „Erwachsene schwimmen in einem Meer von Trauer, Kinder springen in eine Pfütze rein und wieder raus“, erklärt Birgit Kuban den Unterschied. Junge Menschen wollten den Alltag, die Normalität. Sie wüssten genau, was ihre Seelen verarbeiten können und wo sie sich abgrenzen müssen.
Das kann der Vater von Fenja bestätigen. Im Februar hat Nils Hoffmann seine Frau und die Elfjährige ihre Mutter verloren. Die 45-Jährige hatte Brustkrebs, Chemo- und Strahlentherapie schlugen nicht mehr an. Der palliativmedizinische Dienst hatte angeregt, für Fenja eine Trauerbegleitung zu suchen. „Als Elternteil ist man mit sich selbst beschäftigt und überfordert“, sagt der Vater. Was braucht mein Kind? Was ist das Richtige? Dafür sei die professionelle Sichtweise wichtig gewesen.

Sie komme gern auf den Pferdehof, erzählt Fenja. Ihre Mama sei auch geritten. Sie hält Crumble eine Möhre hin und freut sich, wie schnell sie im Maul der Stute verschwindet. Sie schmiegt sich an das Tier, hält die ganze Zeit Körperkontakt. Fenja habe gut in die Schule zurückgefunden, berichtet der Vater. Noch sei alles frisch, der Alltag funktioniere mechanisch. „Das Gute ist, dass Fenja zu Hause nicht über ihre Trauer reden muss“, sagt der Vater. Dafür habe sie ihre Herzenszeit-Gruppe, die sich einmal monatlich trifft und in der die Kinder reden, basteln oder etwas unternehmen.
Kranke Mutter hat sich noch um die Trauerbegleitung gekümmert
Auch für Sara ist die Gruppe wichtig. „Sie fängt mich auf“, sagt die 15-Jährige. Ihre Mutter erkrankte 2021 an Magenkrebs. Sara berichtet von Höhen nach der Operation und Tiefen, als der Krebs zurückkam. Noch vor ihrem Tod Anfang 2022 hatte sich die 47-jährige Mutter darum gekümmert, dass ihre Tochter aufgefangen wird. „Sie hat dann Birgit gefunden“, sagt die Gymnasiastin, die mittlerweile ein persönliches und vertrauensvolles Verhältnis zu der Projektleiterin hat.

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Am Anfang hatte sie eine Einzelfallbegleitung und lange Gespräche mit Birgit Kuban. Heute kommt sie gern auf den Pferdehof, wo sie Ablenkung und Ruhe sucht, und geht zu den Gruppentreffen. Die meisten dort hätten ihre Mutter verloren, erzählt Sara. Zu jedem Treffen zünden sie zuerst eine Kerze für die Verstorbenen an. „Und dann reden wir darüber, wie es war, wie es ist, wie es sich anfühlt und was sich verändert hat“, erzählt die Schülerin. Im gemeinsamen WhatsApp-Chat sind sie nicht mehr unter Trauergruppe zu finden. „Wir haben uns Herzensgruppe genannt“, sagt Sara. Das war die Idee für den neuen Namen Herzenszeit.





