Zwei Passanten kommen am Donnerstag gerade so mit einem Schrecken davon. Als sie am Haus in der Reinhardtstraße 6 gegenüber des Friedrichstadt-Palastes in Mitte vorbeilaufen, bemerken sie die abgesperrte Fläche mit dem Flatterband nicht – obwohl Laster und Kranwägen von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk (THW) die Straße blockieren. „Hey“, rufen THW- und Feuerwehrkräfte, sodass die beiden Passanten abrupt stehen bleiben. Einer der zuständigen Polizisten zuckt nur mit den Schultern. Es war ein langer Tag. Und es wird eine lange Nacht.

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Um 10:01 Uhr am Donnerstagvormittag ging ein Anruf bei der Feuerwehr ein und kurz darauf eine Meldung durch Berlin: Ein fünfstöckiges Wohn- und Geschäftsgebäude nahe der Friedrichstraße sollte einsturzgefährdet sein. Ein Statiker der bezirklichen Bauaufsicht hatte eine akute Einsturzgefährdung im Dachbereich festgestellt, wie ein Pressesprecher der Feuerwehr Berlin der Berliner Morgenpost erklärte. Später stellte sich heraus: Das Dachkonstrukt ist beschädigt, das restliche Gebäude direkt neben der bekannten Dreispitzpassage aber nicht.

Einsturzgefährdetes Dach: Autos müssen umgeparkt werden
Die Feuerwehr war zunächst mit 25 Einsatzkräften vor Ort. Gegen 15 Uhr begann das Technische Hilfswerk (THW) mit seinen Arbeiten. Bis in die Nacht zum Freitag lief der Einsatz. 13 Menschen hatten das fünfstöckige Gebäude am Donnerstag verlassen müssen. Ziel ist es jetzt, dass sie im Laufe des Freitags wieder in ihre Wohnungen zurückkehren können. Zuvor muss nach Angaben des THW noch der Eigentümer des Hauses abschließende Sicherungsmaßnahmen vornehmen.
Die konkreten Sicherungsmaßnahmen begannen am Donnerstagabend durch die Techniker des THW. Stundenlang hatten sich die Fachleute zuvor einen Überblick über die Situation verschafft. Die Kräfte befestigten von innen Greifzangen mit Seilen an der Dachkonstruktion, um ein weiteres Abrutschen zu verhindern. Von außen brachte das THW zudem eine Barriere an, damit Teile nicht herabstürzen konnten. Das THW beendete seinen Einsatz um kurz nach Mitternacht, wie ein Sprecher berichtete.
Am Donnerstagnachmittag war noch zu befürchten, dass bei den Arbeiten Teile des Dachs auf den Gehweg stürzen könnten, am Abend stellte sich die Lage weniger dramatisch dar. In einem kurzen Abschnitt der Straße sollten parkende Autos entfernt werden. Wer abgeschleppt werde, müsse dafür aber nicht zahlen, sagte ein Polizist vor Ort. Wenn möglich, werden die abgeschleppten Autos in Nebenstraßen umgesetzt.
UPDATE: An der #Reinhardtstraße in #Mitte ist ein Haus akut einsturzgefährdet und muss geräumt werden! Die Straße bleibt bis auf weiteres #gesperrt.
— Verkehrsinformationszentrale Berlin (@vizberlin.bsky.social) 28. August 2025 um 11:19
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Die Reinhardtstraße war seit dem Donnerstagmittag zwischen Friedrichstraße und Albrechtstraße sowohl für den Auto- als auch einseitig für den Fußgängerverkehr teilweise abgesperrt. Zunächst parkten rund ein Dutzend Fahrzeuge der Feuerwehr vor dem Haus mit der Nummer 6, später rückte das THW mit Lastwägen, Container und Kran an. Passanten filmten, wie die Feuerwehr eine Drohne in die Luft steigen ließ. Ein Sensorsystem des THW sollte zudem weitere statische Veränderungen am Haus scannen.

Das Dach des Hauses wölbte sich sichtlich wie eine Welle, ein Riss war darunter zu erkennen. „Aus bisher unbekannten Gründen hat sich der Dachstuhl verschoben“, sagte der Feuerwehrsprecher. Dachstuhl und obere Fassade drückten Richtung Straße.
Ein Mann, der sich gegenüber der Berliner Morgenpost als Miteigentümer vorstellte, sagte am Donnerstag, man hätte den Schaden selbst gemeldet und somit den Einsatz erwirkt. Er erklärte, dass die Eigentümer zuvor Rücksprache mit Statikern gehalten hätten. Er sagte, dass sich am Mittwoch abgezeichnet hätte, dass ernstere Maßnahmen notwendig seien und am Donnerstag die Entscheidung getroffen worden sei die Feuerwehr zu alarmieren. Er lobte die Einsatzkräfte.
Bilder auf der Plattform Google Streetview zeigen, dass bereits seit mindestens März 2022 eine Verschiebung des Dachs erkennbar ist. Medienberichten zufolge bestätigen das auch Anwohner.
Auf Nachfrage gab das Bezirksamt Mitte an, am späten Mittwochabend zum ersten Mal Kenntnis von einem möglichen Schaden am Gebäude erhalten zu haben. „Bauzeitlich handelt es sich um einen klassischen Berlin Altbau“, so ein Sprecher. „Es finden anlasslos keine Untersuchungen der Tragwerksplanung bestehender Häuser statt.“ Die Bauaufsicht habe zudem keine Kenntnis von genehmigungsbedürftigen Baumaßnahmen am Dachstuhl des Hauses.
„Alle Bewohner und Ladeninhaber mussten das gefährdete Gebäude verlassen“, hieß es von den Rettungskräften. Ein Bus wurde bereit gestellt, in dem sich die Evakuierten während des Regens aufhalten konnten. Doch am Mittag war der Bus leer, die Anwohner schienen lieber an andere Orte geflüchtet zu sein.
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Es waren „nur“ 13 Bewohnerinnen und Bewohner von der Evakuierung betroffen, weil viele von ihnen gerade außer Haus oder im Urlaub seien, hieß es von einem Sprecher. Wie viele es genau sind, ist nicht bekannt.
Einer der betroffenen Bewohner sagte der Berliner Morgenpost, dass er von Polizei und Feuerwehr rausgeklopft worden sei. Er sollte eine Tasche packen – und seine Wohnung verlassen. Eingepackt hatte er in der Schnelle lediglich ein Buch und was zu trinken. Wann er wieder in seine eigenen vier Wände in die Reinhardtstraße in Mitte zurückkönne: ungewiss.
Möglicherweise müssen die Anwohner woanders untergebracht werden
Ein anderer Anwohner erzählte dieser Redaktion, seine Schwester habe ihn auf der Arbeit angerufen. „Guck mal ins Internet“, hätte sie gesagt. Am Mittag hätte er die Wohnung betreten dürfen und Zahnbürste, Klamotten und das Tablet seines Sohnes aus der Wohnung geholt. Er sagte, es wäre „total lästig“, sich eine neue Wohnung suchen zu müssen. Wann die Bewohner zurück in das Haus können war zu Redaktionsschluss noch unklar. Wenn das THW mit den Arbeiten fertig ist, würden Statiker und THW das Haus begutachten, erklärte der Sprecher der Feuerwehr. Die Wohnungen freigeben würde dann die bezirkliche Bauaufsicht.

Immer wieder kommt es in Berlin zu Evakuierungen
Der Fall erinnert stark an die Evakuierung eines Wohnhauses in Schöneberg im vergangenen April. Damals ordnete ein Statiker des Bezirksamts die Räumung des Gebäudes an der Grunewaldstraße an, nachdem Risse in der Fassade entdeckt worden waren. Es war ebenfalls akut vom Einsturz bedroht. Die neun Mieterinnen und Mieter mussten in Notunterkünfte gebracht werden und durften rund einen Monat lang nicht in ihre Wohnungen zurück, bis ein Prüfstatiker eine Stahlkonstruktion zur Stützung eines Erkers freigab.




